Juli-Sängerin Eva Briegel Abgebrochen, Star geworden

An der Uni hat Eva Briegel, 28, allerlei ausprobiert - von Psychologie bis Germanistik. Echte Freunde wurden das Studium und sie nicht. Eva entschied sich für die Musik und startete mit der Band Juli zu Charts-Höhenflügen. Später will sie vielleicht zurück an die Uni.


Eva Briegel absolvierte quasi eine kleine Rundreise durch die Uni. Ab 1998 studierte sie in Heidelberg und Gießen: Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Pädagogik, Psychologie. Germanistik, psychosoziale Medizin. Seit 2004 ist sie exmatrikuliert.

"Ich hatte echt eine verunglückte Studienkarriere. Ich habe nie den richtigen Einstieg gefunden. In Heidelberg brach mir die Stadt das Genick. Ich wohnte bei einer Familie zur Untermiete. Und bei der Einführungswoche fehlte ich: Alle hatten sich gefunden, nur ich habe nicht mehr reingepasst. Ich hatte ein halbes Jahr keine Freunde, keinen Job, keine Wohnung.

Als ich nach Gießen zurückkam, waren die Gruppen schon fest. Es ist echt schwierig zu studieren, wenn du nicht von Anfang an drin bist. Dann weißt du nicht, wo die Aushänge sind und welches Buch du überhaupt brauchst. Ich bin nie angekommen.

Oft habe ich irgendwo gesessen und nach einer halben Stunde gehört, dass sich der Raum geändert hat. Dann war ich da wieder viel zu spät. Der Dozent hatte Lehrmittel ausgegeben, von denen ich nichts wusste. Nächste Stunde sagte er: Jetzt lesen wir das mal. Und ich hatte keine Ahnung: Was lesen wir jetzt? Manchmal bin ich wirklich schlecht mitgekommen.

Zur Einführung habe ich viel erzählt bekommen. Aber es ist generell viel zu kompliziert. Wenn du niemanden kennst, der dir hilft, bist du komplett aufgeschmissen. Die riesige Bürokratie nervt!

Ich könnte wieder an die Uni gehen

In Psychologie bin ich an der Statistik gescheitert. Die war donnerstags und freitags um sieben Uhr. Ich habe nichts verstanden und um die Zeit verstehst du noch weniger. Alle anderen haben bei einem abgeschrieben. Den kannte ich aber nicht und war zu schüchtern, um mich an den ranzuschmeißen. Dann habe ich Psychologie schleifen lassen. Mir hat das nicht mehr viel Spaß gemacht.

Ich habe trotzdem gern studiert - um des Studierens Willen. Es macht mir Spaß, wissenschaftlich zu arbeiten. Zwei literaturwissenschaftliche Seminare waren extrem gut. Ich hatte das Gefühl: Wir machen wirklich etwas, wir forschen - sehr geil! Mit Juli fehlt das. Inzwischen tut meine Hand weh, wenn ich eine Stunde schreibe. Es macht mich krank, wenn ich merke, dass ich weniger lese und mich schlechter ausdrücke.

Ich denke oft darüber nach, ob ich überhaupt auf diesem Level Musik machen möchte. Extrem unverschämt ist, dass sich irgendjemand ungefragt über dich auslassen kann: über deine Frisur, über deinen Hintern, über deinen Gesangsstil! Über die Sachen, die du denkst, schreibst und fühlst! Möchte ich überhaupt, dass irgendjemand meine Musik und mich bewertet?

Ich werde nicht mein Leben lang das machen, was ich gerade mache. Wir leben von den Früchten unserer Arbeit, aber reich sind wir nicht. Wir haben jedoch mehr Geld als ein Erstsemester und auch mehr Wartesemester. Ich könnte wieder an die Uni gehen.

Dann würde ich gerne Zahnmedizin studieren. Das ist so eine Fusselarbeit. Das liegt mir. Ich habe furchtbare Angst vor dem Zahnarzt. Ich finde Zahnärzte doof, die einen zusätzlich zu den Schmerzen bestrafen. Die beschimpfen mich, wie verantwortungslos ich mit meinen Zähnen umgehe. Die sind persönlich gepisst, dass ich sie nicht geputzt habe. Das würde ich anders machen. Ich könnte das besser."

Aufgezeichnet von Jan Hauser

Außerdem in der Woche der Musikerstudenten:

Jan Hauser
Montag: "Wir hatten schon dicke Shows gespielt. Aber die mündliche Zwischenprüfung war viel schlimmer. Da habe ich mir fast in die Hose geschissen" - Johannes Strate, 27, Revolverheld-Sänger und beurlaubt von den Kulturwissenschaften

donots.de
Dienstag: "Vorlesungen waren für mich ein soziales Event - wie ins Kino gehen. Und in den schwierigsten Vorlesungen hatte ich die besten Songideen" - Alex Siedenbiedel, 30, Gitarrist der Donots und BWL-Doktorand

Sven Sindt / upfront.de
Donnerstag: "Was verbindet Musik und Physik? Du weißt vorher nie, was passiert, bevor du es nicht im Labor oder im Studio probierst" - Bernhard Wunderlich alias Holunder, 31, Rapper bei Blumentopf und Biophysik-Doktorand

Jan Hauser
Freitag: "Mein Studium war eine Katastrophe. Ich dachte, alle wären cool und hören Tocotronic. Leider war das nicht so" - Sebastian Madsen, 25, Sänger bei Madsen und Germanistik-Abbrecher

Jan Hauser
Samstag: "Mathematiker sind sehr diszipliniert und gehen immer nach den gleichen Schritten vor. Ich denke zu sehr geradeaus - das ist in der Musik nicht so gut" - Thorben Weiner, 23, Gitarrist bei Pete Blume und Mathe-Student



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