Juli Zeh über ihr Schriftsteller-Diplom Schreiben wie Goethe

Kann man Schreiben wirklich lernen? Als Juli Zeh sich am Deutschen Literaturinstitut einschrieb, schlitterte sie zunächst in eine profunde Schreibkrise. Inzwischen empfiehlt die gelernte Juristin die Leipziger "Lizenz zum Ausprobieren" weiter - als erfolgreiche Autorin erzählt sie im UniSPIEGEL die Geschichte ihres Studiums.

Vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig (man sagt: DLL) hörte ich zum ersten Mal über den Freund eines Bekannten meiner Freundin. Er hatte als einer der Ersten nach der Neugründung im Jahr 1995 die Aufnahmeprüfung bestanden und sich immatrikuliert. Nun war er zu Besuch, saß in der stilechten Keinerbringt-Altglas-weg-Küche unserer Passauer WG und erstattete Bericht: über eine Schriftstellerschule.

Eine was? Wir schrieben das Jahr drei ante Pop. Nach allgemeiner Auffassung befand sich ein Schriftsteller unter 40 in der pränatalen Phase seiner Existenz.

"Du schreibst auch?", fragte er. "Und versteckst dich dazu auf dem staubigen Dachboden? Ziemlich heiß da oben, oder?"

Seit meinem siebten Lebensjahr schrieb ich möglichst heimlich möglichst viel Papier mit langen Geschichten voll. Trotzdem hielt ich die Berufsbezeichnung "Lebender Schriftsteller" eher für ein Glaubensbekenntnis, dessen Anhänger, abgesehen von ein paar Prinzipalen, dem Orden der Bettelmönche angehören. Autoren, die ich mochte, waren seit 100 Jahren tot und hatten zuvor bürgerliche Berufe ausgeübt. Vielleicht war das der Grund, warum ich gerade im dritten Semester mit dem Versuch beschäftigt war, mein Studium der Rechtswissenschaft toll zu finden. Literarische Diskurse in meiner Umgebung bezogen sich hauptsächlich auf die Anschaffungspreise juristischer Standardwerke.

Ein Besuch im Paralleluniversum

Auf Nachfragen referierte der Bekannte dritten Grades die historischen Hintergründe: In den fünfziger Jahren war das "Literaturinstitut Johannes R. Becher" in Leipzig vom SED-Staat gegründet worden, um ausgewählte Studenten in Marxismus-Leninismus, Literaturtheorie und Schreibpraxis zu unterweisen. Etablierte Schriftsteller wie Erich Loest, Sarah Kirsch oder Ralph Giordano fanden dort einen Ort, an dem man "frei denken und schreiben" konnte (so Angela Krauß). Und wurden gleichzeitig mit Rotlicht bestrahlt. Der Bekannte kniff ein Auge zu: "Wenn du verstehst, was ich meine." Als Westkind begriff ich gerade noch, dass es sich beim ehemaligen Literaturinstitut um etwas "Ambivalentes" gehandelt haben musste. Das neue DLL hingegen, hieß es, sei Teil der Universität, Studentenausweis und Bafög-Anspruch inklusive, sechs Semester und Diplom.

Nichts, absolut nichts konnte ich mir unter einer Einrichtung vorstellen, die angehende und halbfertige Schriftsteller versammeln will zu - ja was? "Schau's dir halt mal an", meinte der Bekannte, schrieb eine Adresse auf und fuhr zurück nach Leipzig.

Gibt man heute auf gut Glück www.dll.de in die Adresszeile eines Browsers ein, lernt man einiges über Reha-Kliniken, Patientenverwaltung und Stationskommunikation. Damals surfte ich for further details im Polo Fox von Passau nach Leipzig - und glaubte mich ebenfalls im Cyberspace. Irgendwo zwischen zwanzigstem und dreißigstem Stockwerk hockte eine Hand voll Gestalten im Uni-Hochhaus. Ein bleiches Mädchen, das traurig durch den vertikalen Spalt in ihrer schwarzen Frisur schaute, neben einem Mann undefinierbaren Alters, der in einer Ligusterhecke aus Haaren kauerte, und einem langen, dünnen Menschen, dem die Beine brechen mussten, falls er einmal aufstand. Patientenverwaltung und Stationskommunikation versagten. Ich fühlte mich so nervös und fehl am Platz, dass ich nicht ein Wort des Seminarinhalts begriff. Vage erinnere ich mich an ein Gespräch über einzeln herabsinkende Schneeflocken. Vielleicht ging es auch um weiße Federn. Oder das war Delirium.

"Kind, du wirst wissen, was du tust"

Die Einzigen, die hinter meiner DLL-Bewerbung standen, waren meine Eltern. "Kind, du wirst wissen, was du tust." Ich hatte keine Ahnung. Meine Entscheidung fiel aus Neugier, aus Rebellion gegen das gehassliebte, irgendwie doch zu bürgerliche Erststudium, und (nicht zuletzt) weil Leipzig wunderschön war, der Frühling warm und der Osten Deutschlands neu. Die Idee, mein Schubladen-Schreiben in eine echte, nach außen gerichtete Tätigkeit zu verwandeln, schien mir absurd und vermessen. Es brauchte ein Jahr und zwei Anläufe, bis meine 30 Seiten eingereichter Texte und ich den Eingangstest bestanden hatten.

Als ich das Studium aufnahm, war die Schule bereits umgezogen ins ehemalige Gästehaus der Volkspolizei in der Wächterstraße, eine hübsche Jugendstilvilla mit Garten, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Hochschulen für Musik und Theater, Grafik und Buchkunst. Die meisten Besucher nehmen staunend zur Kenntnis, dass die Exzentrizität angehender Schriftsteller keinen Niederschlag in bemalten Wänden und kuscheligen Secondhandsofas findet, sondern es nur zu weißen Kacheln, Teppichboden und Kaffeeautomaten bringt. Weil ich aber daran gewöhnt war, in einem Audimax mit 500 Plätzen auf der Treppe zu sitzen, um rhabarbernden Juraprofessoren zu lauschen, hielt ich die Villa für einen Vorhof des Himmels: Auf jeden Studenten kam ein ganzes Fünftel Dozent.

Schnitt und acht Jahre später. Inzwischen werde ich bei Lesungen häufig mit einer Frage konfrontiert, die ich mir damals - vielleicht aus Naivität - gar nicht gestellt habe: Ob Schreiben eigentlich lehr- und lernbar sei. "Und was ist man nach dem Studium?" - Genau. Ist man. Sprechen Sie mir langsam nach: Diplom-schrift-steller. Das ist so ähnlich wie diplomierter Schauspieler oder Bildhauer, und warum eigentlich muss die Frage, inwieweit Kunst vermittelbar sei, immer gerade dann diskutiert werden, wenn sie die Literatur betrifft?

Das häufig spürbare Misstrauen gegenüber dem Literaturinstitut kann nicht allein darin gründen, dass ein Schriftstellerdiplom auf dem Arbeitsmarkt weniger wert ist als der Führerschein Klasse D. Eine ganze Reihe akademischer Abschlüsse teilt dieses Problem. Vielmehr liegt es an mangelnder Erfahrung mit Lehranstalten wie dem DLL im Dichter-und-Denker-Land. Trotz der Spotlicht-Bestrahlung des neuen Literaturinstituts im Zuge anhaltenden Medieninteresses stellt man sich unter "Schreibwerkstatt" noch immer Creative Writing und damit eine Selbsterfahrungsgruppe vor, in der ein paar Neurotiker beim Warmwassertreten ihre Kindheit aufarbeiten. In freien Versen.

Natürlich braucht man zum Schreiben keine Neurose, sondern - genau wie für alle anderen Kunstrichtungen - vor allem Talent, das sich weder durch Fleiß noch durch guten Unterricht ersetzen lässt. Diese Erkenntnis hat zur Einrichtung von Aufnahmeprüfungen an sämtlichen Kunsthochschulen geführt. Am DLL muss ein Bewerber zwei Auswahlrunden - Einsenden von Texten sowie ein Vorstellungsgespräch - durchlaufen. Derzeit stehen die Chancen etwa eins zu zehn: Von 250 Kandidaten überwinden bis zu 20 beide Hürden.

Im zweiten Teil: "Und wie fandet ihr den Text?" - wenn der Autor stillsitzen und zuhören muss. Was Literatur und Liebe mit Marmeladentoast zu tun haben. Warum eine pathologische Schreib- und Lese-Obsession beim Studium hilft.

Die anschließende Ausbildung umfasst sechs Semester und gliedert sich ähnlich wie ein Magisterstudiengang in Haupt- und Nebenfächer. Die (unbenoteten) Leistungsscheine in den drei wählbaren Fachgebieten Prosa, Lyrik und Dramatik/Neue Medien werden in theoretischen und praktischen Seminaren erworben. Letztere, so genannte Werkstattseminare, sind der eigentliche Kern der Ausbildung, und auch die theoretischen Fächer orientieren sich vor allem an den Bedürfnissen der Schreibenden. Es geht weniger darum, Proust, Mann oder Pynchon einem historischen Kontext oder einer literarischen Epoche zuzuordnen; viel interessanter ist, wie sie diese unerhört guten Romananfänge hinkriegen. Für Werkstattseminare schreiben die Studenten Texte zu einem vereinbarten Thema oder innerhalb einer bestimmten Gattung, wobei die freien Vorgaben in erster Linie als Schreibanlass dienen sollen. Die mehr oder weniger fertigen Geschichten, Gedichte, Theaterstücke werden den anderen Teilnehmern zur Verfügung gestellt und im Optimalfall auch gelesen.

Und wie fandet ihr den Text? - Mit einer solchen oder ähnlichen Frage eröffnet der Dozent typischerweise ein Werkstattseminar. Von "Gut!", "Langweilig", "Interessant, aber ...", "Welchen Text?" bis zu ausführlicherem Feedback sind alle Antworten erlaubt. An diese ersten Eindrücke und Geschmacksurteile schließt sich ein ausführliches Lektorat an. Der Job des Autors besteht darin, stillzusitzen und zuzuhören, wie sein Werk in Einzelteile zerlegt, gelobt und geschimpft, missverstanden oder tief empfunden wird. Da ein Text sich selbst erklären muss, ist der Redeanteil seines Schöpfers meist am kleinsten. Notizenmachen hilft, die schwankende Gefühlslage zu kaschieren.

Grob gesagt, geht es darum, die Intention eines Textes - eben nicht notwendig die des Autors - aufzuspüren und herauszuarbeiten, das Geschriebene daran zu messen und Verbesserungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Analyse betrifft den Stil ebenso wie Inhalt und Konstruktion, Motive und Bildsprache, die verwendete Perspektive, Charakterisierung der Figuren, Spannung, Klang, Glaubwürdigkeit, Gleichgewicht - kurz, die Frage, ob der Text funktioniert. Das klingt vage und ist es auch. Es käme der Quadratur des Kreises gleich, ein starres Instrumentarium an Regeln und Bewertungskriterien auf literarische Texte anwenden zu wollen. Letztlich geht es in der Literatur wie in der Liebe immer darum, Toastscheiben fallen zu lassen und festzustellen, ob sie mit der Marmeladenseite nach unten auf den Boden schlagen.

Die mühevolle Suche nach dem eigenen Stil

Das "Weiche" dieser Methode ist keineswegs ihr Nachteil, wobei die Anführungszeichen der Tatsache geschuldet sind, dass der jeweils betroffene Autor die Besprechungen selten als "weich" empfindet. Kritikfähigkeit muss mühsam erlernt werden - diese lapidare Feststellung trifft zu, sagt aber wenig aus über die individuelle, häufig schmerzhafte Entwicklung, die man als Student vor allem während der ersten Semester durchläuft. Bei mir führte das Studium zunächst zu einer profunden Schreibkrise. Ich schrieb nicht mehr heimlich und nicht mehr viel, sondern gar nicht mehr. Am besten nie wieder.

Alles, was ich an dieser Stelle über das Gefühl sagen wollte, sich aus einer solchen Krise wieder herauszuarbeiten und plötzlich in die nächsthöhere literarische Etage einzutreten, ist wegen Kitschgefahr dem inzwischen serienmäßig integrierten Rotstift zum Opfer gefallen. Später, nach drei Jahren Studium, hatte ich den paradoxen Eindruck, verdammt viel über das Schreiben gelernt zu haben - und zwar ausschließlich Dinge, auf die ich irgendwann von selbst gekommen wäre. Nur hätte das viel länger gedauert. Die Schule wirkt wie ein Katalysator für die Suche nach dem eigenen Stil.

Das DLL hat als Experiment begonnen, als vorsichtiges Tasten nach den Möglichkeiten einer Schriftstellerschule in unserer Goethe-Nation. Heute sind Sten Nadolny, Thomas Hürlimann, Ernst Jandl, Burkhard Spinnen und Herta Müller wahllos herausgegriffene Namen aus einer Liste von Gastdozenten, die sich wie das Who's Who der deutschsprachigen Literaturszene liest. Hans-Ulrich Treichel und Josef Haslinger wechseln sich als hauptamtliche Professoren auf dem Direktorenposten ab.

Keine Ansammlung vergeistigter Außenseiter

Die Geburtsstunde des "Pop" brachte die Entdeckung der Markthaltigkeit junger Autoren mit sich und führte zur viel besungenen und beweinten Wende im Selbstverständnis junger Literatur. Das Durchschnittsalter ist seit dem Gründungssemester rapide gesunken. Dem flüchtigen Blick zeigt sich die Studentenschar am DLL inzwischen eher als Gruppe selbst- und lifestylebewusster junger Leute denn als Ansammlung vergeistigter Außenseiter.

Auch wenn Berufsinformationszentren das Schriftstellerstudium im Gegensatz zu "Fischwirt" und "Gummistrumpfstricker" nach wie vor nicht als antizyklische Schlaumeierei empfehlen, wird es offenbar zunehmend als Ausbildungsmöglichkeit verstanden, die weder Lebenserfahrung noch gescheiterte Selbstmordversuche voraussetzt und deshalb gleich nach dem Abitur in Angriff genommen werden kann. Dabei geht es am Literaturinstitut nicht darum, auf die Schnelle ein paar neue Stuckrad-Barres zum Fertigen markttauglicher Gebrauchsprosa auszubilden und jedem Vordiplom den ersten Verlagsvertrag beizulegen. Das Studium ist Welpenschutz mit Lizenz zum Ausprobieren, damit man sich eine Zeitlang möglichst intensiv und frei von Rechtfertigungsdruck mit sich selbst und der eigenen Literatur beschäftigen kann.

Von den Dozenten, die allesamt etablierte Schriftsteller sind, kann man - neben vielen anderen Dingen - auch einiges über die Fährnisse des Literaturbetriebs lernen. Das beantwortet aber nicht die interessante Frage, wie viele Menschen auf der Welt in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt mit dem Veröffentlichen von Romanen zu bestreiten, und ob Existenzangst und Marktdruck in irgendeiner Weise die literarische Qualität befördern können. Noch viel wichtiger ist die Überlegung, inwieweit das Schreiben selbst vom Schreiben leben kann. Die Existenz einer offiziellen Institution, die sich ausschließlich mit dem Schriftsteller-Werden beschäftigt, mag geeignet sein, die nicht ganz ungefährliche, wenn auch zugegebenermaßen romantische Idee vom Vollblutautor zu befördern. Wenn das Schreiben aber Begleiterscheinung und Ausdrucksform für etwas anderes, Außer-Literarisches ist, sollte dieses andere nicht zur Leerstelle werden. Abgesehen davon stellt das Literaturinstitut, ganz wie das Schreiben selbst, in mancher Hinsicht eine Ausnahmesituation dar. Es kann ganz gut tun, vorher oder währenddessen die Nase in einen anderen Wind zu halten. (Beiseite: Mit einem Mindestmaß an Organisation lässt sich das DLL auch im Doppelstudium bewältigen.)

Alles geht, nichts geht von selbst

Was man wirklich braucht, um am Literaturinstitut zu studieren, ist eine pathologische Schreib- und Lese-Obsession sowie den eisernen Willen, alles interessant zu finden, was auch nur im Entferntesten mit Literatur zu tun hat. Ob diese Voraussetzungen vorliegen, stellt sich manchmal erst heraus, wenn man die ersten Monate bei endlosen Gesprächen über unfertige Texte verbracht hat. Mehr als jede andere Schule ist das DLL auf das Prinzip Freiwilligkeit angewiesen: "Alles geht, nichts geht von selbst" könnte das hauseigene Motto lauten. Es werden Drehbücher geschrieben und verfilmt, literarische Reiseführer produziert, Partys gefeiert, Lesereihen organisiert und eigene Anthologien herausgegeben. So viel und so lange die Studenten wollen. Und keinen Millimeter darüber hinaus.

Ich selbst verdanke dem Literaturinstitut genug, um am liebsten jeden hinschicken zu wollen, dem das Schreiben keine Ruhe lässt. Ohne das Studium hätte ich nicht den Mut aufgebracht, der Literatur einen zentralen Stellenwert in meinem Leben einzuräumen. Ich hätte mir die Zeit nicht gegeben, um so viel Aufwand und Ausdauer aufs Schreiben zu konzentrieren, und deshalb viele Dinge nicht oder erst viel später erfahren, die zum Dreh- und Angelpunkt meiner Beschäftigung mit Literatur geworden sind. Dass ich "Lebender Schriftsteller" weiterhin für ein Glaubensbekenntnis halte und alles unternehme, um keiner zu werden, mag an einem ungünstigen Verlauf meiner Kindheit liegen. Totsein hat immer noch Zeit, also bemühe ich mich weiterhin um einen bürgerlichen Beruf.

Rotstift beiseite und dem Pathos eine Brücke: Im Rückblick wage ich nicht auszudenken, wie es weitergegangen wäre, wenn vor acht Jahren kein Bekannter dritten Grades zwischen leeren Flaschen und vollen Aschenbechern am Passauer WG-Küchentisch Platz genommen hätte. Nichts gegen staubige Dachböden. Aber die Wohnungen in Leipzig sind billig, die Stadt ist noch immer wunderschön und der Frühling warm. Nach Passau zurückkehren kann man im Zweifel immer noch.

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