Junger Obdachloser "Ich bin ein fröhlicher Mensch"

Mit zwei Jahren kam er ins Heim, mit zwölf flog er von der Schule. Seitdem lebt Sascha, 25, auf der Straße. Er hat ein Sparbuch, einen besten Freund und eine Freundin, die ein Gymnasium besucht. Im Interview erzählt Sascha, warum er sie morgens in die Schule schickt und wozu er Sokrates liest.

Frauke Lüpke-Narberhaus

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Er solle nicht so tun, als sei er glücklich, ihm gehe es schlecht. Das sagten oft Menschen zu ihm, erzählt Sascha. Er steht mit Rucksack, Isomatte, Schlafsack und ein paar Straßenzeitungen in der Berliner S-Bahn. Er spricht freundlich und ruhig, ist groß, schlaksig, hat bunte Haare und kleine Löcher im Gesicht von seinen Piercings, die er gerade nicht trägt. Sascha riecht etwas nach Alkohol. Er dusche aber regelmäßig, sagt er, nur die Zähne putze er nicht, das bringe nichts mehr. "Ist alles aus Plaste."

Sascha ist 25 Jahre alt, seit 13 Jahren lebt er auf der Straße. Früher habe er Heroin genommen, sagt er, jetzt kiffe er noch, manchmal kokse er auch, Heroin aber fasse er nicht mehr an. Er wirkt tatsächlich nicht wie ein Junkie, wobei einige Abhängige ihre Sucht mitunter gut verbergen können. Eine Zeitlang sei er von Stadt zu Stadt gereist, sagt er, zwei Jahre habe er im Gefängnis gesessen, Körperverletzung. Vergangenen Herbst verbrachte er in Hamburg. Am längsten lebt er in Berlin.

Sascha kommt aus einer kleinen Stadt in Thüringen. Sein Vater, sagt er, sei Alkoholiker, die Mutter habe er nicht kennengelernt, die Großeltern hätten ihn und seine ältere Schwester ins Heim gegeben. Da war Sascha zwei Jahre alt. Immer wieder habe er zugeschlagen, Jüngere, Ältere, Erzieher, irgendwann sei er von der Schule geflogen. Dann haute er ab. Inzwischen, sagt Sascha, sei er friedlich, wisse sich zu kontrollieren, schließlich habe er eine Therapie gemacht.

Trotz allem, und das irritiert manche, wirkt Sascha nicht unglücklich. "Ich bin ein durchweg fröhlicher Mensch", sagt er. "Warum soll ich darüber heulen, dass ich obdachlos bin? Das bringt mich nicht weiter."

SPIEGEL ONLINE: Sie verkaufen Straßenzeitungen. Wie viel verdienen Sie am Tag?

Sascha: Eine Zeitlang, als wir zu dritt unterwegs waren, kamen wir zusammen auf bis zu 9000 Euro im Monat. Nur durch Verkäufe und das Geld, was uns die Leute dazu gegeben haben. Da waren wir aber alle noch drauf.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie aufgehört?

Sascha: Vor allem wegen meiner Freundin. Sie nimmt gar nichts, trinkt nur ab und zu ein Bierchen. Ich würde es nicht dulden, wenn sie Heroin anfasst.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich kennengelernt?

Sascha: Zufällig auf einem Punk-Konzert. Danach haben wir uns häufiger getroffen, und ich habe mit ihr für die Schule gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Für die Schule?

Sascha: Ja, sie lebt noch bei Mama und Papa. Nächstes Jahr schreibt sie Abi.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nach der siebten Klasse die Schule verlassen. Wie helfen Sie Ihrer Freundin beim Lernen?

Sascha: Ich habe beispielsweise Texte zu Sokrates gelesen, weil ich ihr bei einem Aufsatz helfen wollte. Zusätzlich habe ich mir Informationen aus dem Internet gezogen. Mein bester Freund Marco, mit dem ich immer unterwegs bin, hat ein Abi von 1,5. Er hilft auch, er hat alles noch taufrisch drauf.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie Kontakt?

Sascha: Meine Freundin hat mir zwei Handys besorgt. Eins lädt sie immer auf, das andere habe ich.

SPIEGEL ONLINE: Und wo treffen Sie sich, wenn Sie allein sein wollen?

Sascha: Eigentlich ist sie immer mit Marco und mir unterwegs. Am Wochenende schläft sie meist bei uns. Wenn es draußen kalt ist, suche ich uns was drinnen, damit sie sich nichts wegholt, es gibt hier überall offene Hauseingänge, manchmal schlafen wir auch in Kellern von Hotels. Im Sommer war sie sogar mal drei Wochen am Stück bei uns, weil sie mit ihren Eltern Clinch hatte. Wir haben sie jeden Morgen um 6.30 Uhr geweckt, ihr Essen und Trinken eingepackt und zur Schule geschickt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sascha: Mir ist es wichtig, dass sie ihre Ausbildung nicht vernachlässigt - auch wenn man bei Marco sieht, dass ein gutes Abi nicht unbedingt was bringt. Aber sie braucht trotzdem einen Abschluss. Sonst ist sie bei uns nicht willkommen.

SPIEGEL ONLINE: Ihrer Freundin soll es besser gehen als Ihnen?

Sascha: Ja, ich habe keinen Abschluss. Wobei ich im Gefängnis eine Ausbildung zum Elektroinstallateur abgeschlossen habe. Aber niemand stellt jemanden ein, der seine Ausbildung im Gefängnis gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie vorsorgen für die Zeit nach der Haft?

Sascha: Ja, ich habe mich schon gekümmert, damit ich nicht ins Nichts entlassen werde. Ich bin auch regelmäßig zur Suchtberatung gegangen, obwohl ich im Gefängnis nichts genommen habe. Nach der Haft habe ich direkt in Berlin eine Therapie begonnen, sechs Monate dauerte sie, bis kurz vor Schluss hielt ich durch.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie abgebrochen?

Sascha: Ich habe eine Frau kennengelernt, wir wollten unbedingt zusammenziehen. Naja, gehalten hat es nicht lang. Hätte ich die Therapie beendet, wäre ich erst in einer Übergangsmaßnahme gelandet, dann im betreuten Wohnen. Mittlerweile bereue ich, dass ich abgebrochen habe. Ich hätte mein Leben bestimmt auf die Reihe bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Dann gefällt Ihnen das Leben auf der Straße nicht?

Sascha: Jeder, der sagt, es gefällt ihm auf der Straße, ist ein Lügner. Wenn es eiskalt ist und man nicht weiß, wohin - das kann einem nicht gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es denn etwas, das Ihnen gefällt?

Sascha: Die Freundschaft. Marco ist ein echter Freund. Wenn ich reich wäre, dann hätte ich wahrscheinlich 2000 Freunde, aber keinen echten.

SPIEGEL ONLINE: Was zeichnet für Sie echte Freundschaft aus?

Sascha: Ehrlichkeit und Vertrauen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist für Sie das Wichtigste im Leben - abgesehen von Marco und Ihrer Freundin?

Sascha: Dass ich mich abends hinlegen und sagen kann: Ich habe heute was getan. Den ganzen Tag nur rumsitzen, das ginge nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel arbeiten Sie?

Sascha: Wir stehen jeden Tag um 7 Uhr auf, außer sonntags da schlafen wir länger, weil nichts los ist. Wir arbeiten dann von 8 Uhr bis etwa 21 Uhr. Jeden Tag.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie mit dem Geld, das Sie verdienen?

Sascha: Ich gebe viel Geld für gutes Essen aus, und ich kaufe mir Bücher. Fünf, sechs Bücher habe ich immer dabei. Ich lese manchmal tiefgehendes Zeug, aber auch Fantasy und Frauenliteratur. Außerdem sparen Marco und ich. 7000 Euro haben wir schon auf ein Konto eingezahlt, das meine Freundin für uns verwaltet.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie damit vor?

Sascha: Das wissen wir noch nicht genau, deswegen sammeln wir weiter. Ursprünglich wollten wir mal eine Wohnung ein Jahr im Voraus bezahlen, damit wir wissen: Uns kann hier keiner rauswerfen. Dann wollen wir uns in Ruhe um alles kümmern.

SPIEGEL ONLINE: Was möchten Sie noch erreichen im Leben?

Sascha: Eigentlich verfolge ich dauerhaft nur ein Ziel: Ich möchte eine Wohnung bekommen. Dann könnte ich vielleicht in ein normales Berufsleben einsteigen. Denn ich möchte nicht so enden wie viele andere Berliner Obdachlose: uralt und seit Jahrzehnten auf der Straße.


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insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
stuffi1981 23.05.2013
1. Naja
Wie wäre es denn, wenn die Herrn sich mal zum Jobcenter bequemen würden und dort Anträge für Arbeitslosengeld 2 ausfüllen. Wohnung wird bezahlt und Taschengeld gibt es obendrauf. Dazu noch eine schöne Umschulung und fertig ist der "Umzug" in ein neues Leben. Er jammert zwar nicht, aber mit 25 sollte man versuchen sein Leben in den Griff zu bekommen und auch mal dafür den Ar... bewegen. Was arbeitet er denn wenn er morgens aufsteht? Betteln in der Fussgängerzone? Muss er eigentlich Kapitalertragssteuern auf sein "Vermögen" zahlen? Dies dürfte auch der Grund sein warum er nicht zum Jobcenter geht, müsste ja erst sein Erspartes aufbrauchen.
andwin 23.05.2013
2. optional
ich kann wirklich nicht verstehen warum diesem jungen mann niemand eine chance gibt!
thanks-top-info 23.05.2013
3. super Interview!
!
GSYBE 23.05.2013
4. optional
Was für ein netter junger Mann. Danke für dieses Interview und das SPON es veröffentlicht hat; eine Wohltat nach allem was man hier gerade in den Foren so liest.
rechtschreibreformreform 23.05.2013
5. Auch wenn....
...das hier Dargestellte nur eine Oberfläche ist und man tiefer schauen müßte, um urteilen zu können (urteilen - ein viel zu hartes Wort), fasziniert mich diese Geschichte, und ich mag sie verklären und wünschte, sie sei wahr. Er scheint auf einem guten Weg, nämlich dem, sich nicht treiben lassen zu wollen und gestalterisch Herr über sein Leben zu bleiben. Es scheint paradox, doch damit ist er nicht nur so einigen gutsituierten, bequemen, in Herz und Kopf verfetteten Mitbürgern um Meilen voraus. Dieser lebt - jener ist scheintot.
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