Junge Deutsche "Diese Generation ist visionslos"

Wenn es so etwas gibt wie ein inoffizielles Zentralorgan der 20- bis 35-Jährigen, dann heißt es "Neon". Im Interview spricht Chefredakteur Timm Klotzek über zaudernde und zugleich nervenstarke Junge, über Waschlappen-Vorwürfe und Pop-Taliban.

SPIEGEL ONLINE: Ist es wirklich so, dass es den jungen Deutschen so schlecht geht in der Krise, oder jammern sie einfach zu viel?

Timm Klotzek: Ich finde nicht, dass sie viel jammern angesichts dessen, wie es ihnen so geht. Die merken einfach: Ich habe beruflich alles richtig gemacht, und ich werde trotzdem hin- und hergeschubst. Die haben wenig Halt. Und sie kennen es ja auch kaum anders. Vor allen Dingen: Es ist nicht in Sicht, dass es mal besser wird. Die Krise ist objektiv da, aber vielleicht spürt diese Generation sie nicht so, weil die Krise mittlerweile ein Dauerzustand ist.

SPIEGEL ONLINE: Es sind gelassene Krisenkinder...

Klotzek: Ja, deswegen können sie auch nachts noch schlafen, sie sind es gar nicht anders gewohnt. Die Jungen sind viel nervenstärker als die Generation der 45-Jährigen. Du findest ja auch keinen Einwohner von Mexiko City, der sagt: Mein Gott, was für ein Smog!

SPIEGEL ONLINE: Existiert denn überhaupt so etwas wie ein Generationenbewusstsein bei den 20- bis 35-Jährigen?

Klotzek: Ein Bewusstsein schon, aber kein ausgeprägter Drang, sich ein einheitliches Motto-Shirt drucken zu lassen. Das ist keine homogene, berechenbare Generation, eher eine unsolidarische Generation. Es gibt nicht den starken Generationenzusammenhang, dass man sagt: Oh, das ist einer über 40, hier ist kein Platz mehr am Tisch.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem - gibt es typische Eigenschaften dieser Generation? Wie ist sie?

Klotzek: O.k., aber jetzt wird's langweilig. Die Generation ist pragmatisch, nicht organisiert, visionslos, leidensfähig, unideologisch. Deswegen nutzt es auch nichts, für eine pragmatische Zielgruppe irgendwelche politischen oder sozialen Utopien zu entwerfen. Mit politischen Luftschlössern muss man den Jungen nicht kommen, auch nicht den "Neon"-Lesern.

SPIEGEL ONLINE: Aber ganz unpolitisch sind sie ja nicht...

Klotzek: Nein, für die Generation hat Pragmatismus einfach eine höhere Faszination als ein geschlossenes Weltbild. Obama wird gemocht, weil er mit den Bankern redet und mit dem verrückten Windjacken-Typen in Iran, weil er moralische Integrität ausstrahlt. Es gibt drei moralische Grundsätze, die diese Generation trotz allen Pragmatismus hat: das Folterverbot, der Kampf gegen den Klimawandel, die Ablehnung von Angriffskriegen.

SPIEGEL ONLINE: Die Abneigung gegen Ideologien gilt ja längst nicht nur für die Politik. Das ist ja eine ganze Lebenseinstellung.

Klotzek: Ja, die alten Kämpfe, Beatles oder Stones, Techno oder Akustikgitarre, sind definitiv vorbei. Es gibt noch ein paar Pop-Taliban, die die reine Lehre verteidigen, aber niemand wird doch heute aufgefordert: Sortiere mal deinen iPod.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht gerade diese Haltung des "anything goes", die andere Generationen so irritiert?

Klotzek: Dieser ganze Pragmatismus regt total auf, auch dieses Leidensfähige. Von den Älteren kommt oft der Vorwurf: Ihr braucht mehr Kante. Aber so etwas kommt ja nicht von allein. Da ist mir der Waschlappen-Vorwurf lieber, als die Kriegserlebnisse von Helmut Schmidt nachfühlen zu müssen. Ich finde es ja auch einen historischen Fortschritt, dass ich nicht gedient habe. Sollen jetzt wieder Menschen erschossen werden, nur damit diese Generation eine andere Sicht auf die Dinge kriegt?

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt denn diese Leidensfähigkeit der Jungen?

Klotzek: Es ist einfach die Alternativlosigkeit. Man wüsste ja gar nicht, wie es anders sein soll. Den Spruch "Dann geh doch rüber", den gibt es ja für die heutige Generation gar nicht mehr. Andererseits beeindruckt es die Jungen auch nicht, wenn so ein paar angetrunkene, unkündbare alte Säcke sagen: Da würde ich an deiner Stelle aber mal zum Chef gehen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten es die Älteren früher leichter?

Klotzek: Die 68er konnten zumindest mit einem Uni-Abschluss alle irgendwo anfangen zu arbeiten. Bei meiner Einführungsvorlesung hat der Professor gesagt: Willkommen im Arbeitslosen-Zwischenlager.

SPIEGEL ONLINE: Die äußeren Bedingungen sind die eine Sache. Man hat aber auch das Gefühl, viele wollen sich gar nicht endgültig festlegen, machen lieber noch eine Weltreise, wechseln ganz gern zwischendurch den Job. Ist es nicht auch eine Generation, die sich gern Optionen offenhält?

Klotzek: Vorankommen wollen, dann wieder zögern, innehalten und einen Schritt zurückgehen - all das ist typisch. Da ist immer dieser Zweifel: Will ich diesen Weg jetzt schon gehen? Deswegen auch der alte "Neon"-Slogan: "Eigentlich sollten wir erwachsen werden." Ambivalenz ist prägend für diese Generation. Es wird ihr ja auch oft vorgeworfen, dass es keinen schneidigen Hurra-Stil gibt. Dabei ist es doch eine Qualität, dass man sich hinterfragt, dass man nicht unreflektiert mal fünf Jahre in die eine Richtung rennt.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt - sind die Zögerer durch die Finanzkrise nun doch erwachsen geworden?

Klotzek: Nein, denn was heißt denn erwachsen werden? Es heißt, seinen Platz zu finden in der Gesellschaft, aber genau das wird jetzt noch schwieriger. Die Verhältnisse werden noch unsicherer. Da werden Pauschalisten gekündigt, Honorare runtergefahren, oft gibt es nicht einmal mehr Jahresverträge. Erwachsensein heißt doch auch: Wenn ich die Augen schließe, kann ich mir vorstellen, wie mein Leben in zehn Jahren sein wird. Stattdessen bleibt für die Jungen alles in der Schwebe. Trotzdem ist das auf keinen Fall so eine Nimmst-du-mich-mit-zum-Rave?-Generation.

SPIEGEL ONLINE: Der Untertitel Ihres neuen Buches "Planen oder treiben lassen?" lautet: "Wie man merkt, ob man sich zu viel oder zu wenig Gedanken um sein Leben macht". Hat diese Generation nicht doch zu viel Zeit und zu wenig existentielle Sorgen, wenn sie darüber noch nachdenken kann?

Klotzek: Es gibt einen Bereich, wo sie sich ganz bestimmt zu wenig Gedanken macht. Klar haben die Leute verstanden, dass die Renten nicht sicher sind. Aber Finanzvorsorge ist immer noch total uncool - trotz Finanzkrise.

Das Interview führte Sandra Schulz
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