Konkurrenzdruck bei Kunststudenten Malen für Millionen

Der internationale Kunstmarkt boomt - was schon unter Studenten die Konkurrenz befeuert. Wer wird der nächste Richter, Rauch, Gursky? Junge Künstler müssen vor allem eins sein: leidensfähig.
Von Ulla Reinhard

An diesem verregneten Wintertag steht Büke Schwarz wieder um sechs Uhr morgens auf. Sie frühstückt kurz, verlässt, noch müde, das Haus und steigt dann in die S-Bahn, die voll ist mit Menschen, deren Leben wahrscheinlich ähnlich durchgetaktet ist wie ihres. Sie erreicht ihre Arbeitsstelle gegen sieben, zieht einen grünen Kittel an, schlüpft in weiße Handschuhe und macht sich ans Werk. Sie hat nun acht, neun Stunden Arbeit mit Pinsel und Ölfarbe vor sich. Derzeit malt sie an einem Wesen, das aussieht wie eine Mischung aus Baby und Totenkopf.

Büke Schwarz ist 23 Jahre alt und studiert im sechsten Semester Bildende Kunst an der Universität der Künste Berlin (UdK). "Ich sehe das, was ich hier im Atelier tue, als ganz normalen Job", sagt sie. Klar, Kunst bedeute Kreativität, Eingebung, Freiheit. Aber sie erfordere auch Fleiß, Disziplin und Durchhaltevermögen. Vielleicht mehr denn je. Denn die Konkurrenz wird größer, von Jahr zu Jahr und mit jedem Bild, das mal wieder für viele Millionen Euro über den Tisch gegangen ist.

Wer es nicht schafft, dem droht Hartz IV

Der globale Kunstmarkt eilt von einem Rekord zum nächsten, allein 2010 wurden etwa 43 Milliarden Euro umgesetzt. Werke großer zeitgenössischer Künstler erzielen regelmäßig zweistellige Millionenbeträge, gerade die Deutschen sind populär. Erst vor wenigen Monaten wechselte Gerhard Richters "Abstraktes Bild" für 15 Millionen Euro den Besitzer. Kunstwerke sind zu Wertanlagen geworden, sie sind die neuen Aktien, gerade in Krisenzeiten wie diesen.

Wer sich als Künstler durchsetzt, kann reich werden wie ein Investmentbanker. Wer es nicht schafft, dem droht Hartz IV.

Der aufgeheizte Kunstmarkt hat das Studium der Bildenden Kunst verändert. Er hat es noch attraktiver gemacht - aber zugleich die Studenten stark unter Druck gesetzt. Derzeit sind es deutschlandweit mehr als 6000 junge Männer und Frauen, die Kunst studieren, so viele wie nie. Auch wenn wahrscheinlich die meisten von ihnen behaupten würden, die Kunst um der Kunst willen zu betreiben, l'art pour l'art - wer träumte nicht davon, mindestens im Stillen, entdeckt zu werden? Irgendwann der neue Gerhard Richter zu werden, der neue Neo Rauch oder der neue Andreas Gursky, die mit ihren Bilder und Fotografien zu Multimillionären geworden sind?

Nur den wenigsten wird es gelingen, überhaupt ihr Leben mit der Kunst finanzieren zu können. Das schafften drei von hundert Absolventen, heißt es an der UdK. Alle anderen halten sich mit Nebenjobs über Wasser, manche geben die Kunst ganz auf. Laut Künstlersozialkasse verdient ein Künstler durchschnittlich 13.000 Euro im Jahr - weniger als eine Friseurgesellin.

Büke macht kein Hehl daraus, was sie für die meisten ihrer Kommilitonen empfindet, die genau wie sie schon früh am Morgen zum Malen in die UdK-Ateliers gekommen sind: "Ich sehe sie als Konkurrenten." Es geht in diesen großen, lichten Räumen voller Leinwände, farbbekleckster Stühle, Pinsel und Farbtuben nicht nur um Kunst: Es geht auch um Wettbewerb.

Etwa 600 junge Menschen bewerben sich jedes Jahr an der UdK, Abitur braucht man nicht, um angenommen zu werden. Am viertägigen Aufnahmetest dürfen 60 bis 70 Männer und Frauen teilnehmen; es sind die mit den besten Zeichen-, Mal- oder Fotomappen. Unter Zeitdruck müssen die Prüflinge Bilder malen, Skizzen anfertigen, Plastiken formen. Am Ende gibt es ein Gespräch mit der Prüfungskommission. Bis zu 50 Bewerber werden genommen.

"Ich stecke in einem Kokon und will mich noch nicht zeigen"

Nach einer einjährigen Grundlehre, in der die Studenten handwerkliche und gestalterische Methoden lernen, besuchen sie Klassen in den Fächern Malerei, Bildhauerei oder Neue Medien. Von diesem Moment an sind sie relativ frei. Sie sollen möglichst viel Zeit in den Ateliers der UdK verbringen, sich ausprobieren, eine eigene Handschrift entwickeln. Einigen der Studenten gelingt das so gut, dass sie schon die ersten Euro verdienen.

Büke hat noch kein Bild verkauft. Sie arbeitet als Tutorin und gibt Malkurse für Kinder, um über die Runden zu kommen. "Ich stecke in einem Kokon und will mich noch nicht zeigen", sagt sie. Sie glaubt, dass die Menschen ihre Bilder irgendwie gruselig finden, dass sie zurückschrecken vor den Monstern, die sie da auf die Leinwand bannt. "Kunst ist wie Verliebtsein", sagt Büke Schwarz. "Es ist die schönste Sache der Welt und gleichzeitig die Hölle."

UdK-Dozent Burkhard Held beobachtet den Einfluss des Marktes auf die Ausbildung an den Kunstakademien mit Sorge. "Früher konnte man naiver studieren", sagt er. Es sei nicht gut, wenn Studenten schon zu Beginn der Ausbildung darüber nachdächten, wie sie sich am besten profilieren, wie sie sich bei Galeristen ins Gespräch bringen, wie sie Preise gewinnen können. "Ich will, dass sie in Ruhe studieren", sagt Held.

Dennoch hat sich die UdK angepasst. Seit zwei Jahren gibt es zum Beispiel das Seminar "Von der Akademie in den Kunstmarkt", in dem Galeristen und Museumsvertreter erklären, wie das Geschäft läuft. Außerdem will die Hochschule sicherstellen, dass die Studenten mit Kritik und Abweisung umgehen können.

Wenn sich die Klasse von Büke Schwarz mit ihrer Professorin trifft, zeigt einer der Studenten den anderen, woran er in letzter Zeit gearbeitet hat. Die Kommilitonen sagen offen, wie es ihnen gefällt, sie sind dazu aufgerufen, auch harsche Urteile zu fällen, wenn sie sie begründen können. Der Student darf nichts entgegnen, er muss die Ohrfeigen entgegennehmen und dazu schweigen. "Man macht sich nackig", sagt Büke. Das könne weh tun, helfe aber bestimmt auch, irgendwann auf dem Markt bestehen zu können.

Harter Berufsstart - Junge Künstler müssen leidensfähig sein

Nele Kathrin Köhler, 33, hat so viel Erfahrung mit Kritik und Ablehnung, dass sie inzwischen sagt: "Ich habe keine Angst mehr." Sie studiert im fünften Semester Bildende Kunst an der UdK und arbeitet hauptsächlich an Collagen. In Keilrahmen klebt sie verschiedene Papierarten aufeinander, Lochpapier, dicke Pappe, Fahrscheine von der römischen U-Bahn.

Die Bewerbungsmappe, die sie vor drei Jahren an der UdK vorbeibrachte, war ein selbstgebasteltes, 1,67 Meter hohes Umleitungsschild - ein Symbol für ihren Lebenslauf. Köhler hatte sich nach dem Abitur vergebens für ein Kunststudium in Hamburg und Kiel beworben. Sie studierte Kunstgeschichte, war dabei unglücklich, bewarb sich erst nach dem Abschluss an der UdK. Kaum war sie an der Uni, sagte eine Dozentin zu ihr: "Deine Kunst ist langweilig." Und eine andere: "Man sieht, dass das, was du machst, dir keinen Spaß bringt." Viele hätten daraufhin aufgegeben. Nele machte weiter.

Vor ein paar Monaten hat sie den Nachwuchspreis einer Bank gewonnen und ihr erstes Bild verkauft - für rund 2000 Euro. Nicht schlecht für den Anfang. Jetzt hofft sie, dass sie weitere Kontakte knüpfen kann. Mehr als 400 Galerien gibt es in der Hauptstadt. Fast täglich finden Vernissagen statt.

Nele geht gern dahin, doch wer Kontakt mit Galeristen will, der hat größere Chancen auf dem sogenannten Rundgang, den die UdK einmal im Jahr veranstaltet. Eine Art Talentschuppen: Drei Tage lang öffnet die Hochschule ihre Tore, meist kommen mehr als 10.000 Besucher. Die Studenten präsentieren die Arbeiten der vergangenen Semester und legen Visitenkarten aus. Die Galeristen machen sich Notizen, wessen Karriere sie im Auge behalten wollen. Büke nennt das "Newcomer-Jagd".

"Die ersten Jahre nach dem Studium sind besonders hart"

Sahar Zukerman, 26, saß im vorigen Jahr die kompletten drei Tage von morgens bis abends neben seinen Bildern. Die Sammler, witzeln die Studenten, erkenne man an den guten Schuhen. Wenn jemand lange vor einem seiner Werke stand, sprach Sahar ihn an. Am Ende hatte er mehrere Bilder verkauft. Es läuft gut bei ihm. Kürzlich hat er einen wichtigen Preis gewonnen. Er durfte einen Katalog veröffentlichen und bekam eine eigene Ausstellung.

Druck verspürt er trotzdem. Seine Gedanken kreisen nun darum, wie er den Erfolg ausbaut. "Es kann so viel schiefgehen", sagt er. Man müsse aufpassen, dass man die Bilder nicht unter Wert verkaufe, dass man nicht zu viele losschlage, dass man noch genügend habe, um für Ausstellungen gerüstet zu sein. Man dürfe sich nicht auf einen Stil festlegen lassen.

Büke, Nele und Sahar werden, wenn alles gutläuft, bald das "Meisterschülerstudium" beginnen, ein weiteres Jahr an der UdK unter der Betreuung eines Professors, das in Kunstkreisen hohe Anerkennung genießt. "Man muss es haben", sagt Büke Schwarz. Alles andere sei fatal für den Lebenslauf. Zugelassen wird nur, wer die Absolventenprüfung mit "besonderem künstlerischem Erfolg" bestanden hat.

Anschließend geht es richtig los, das Leben als Künstlerin oder Künstler. Dann gibt es keine Uni mehr, die ein Atelier zur Verfügung stellt. Dann muss man sich ein eigenes suchen und darauf hinarbeiten, einen Vertrag mit einem Galeristen zu ergattern.

"Die ersten Jahre nach dem Studium sind besonders hart", sagt Held. "Die jungen Künstler brauchen eine große Leidensfähigkeit, um durchzuhalten."

Büke, Nele und Sahar werden ihn gehen, den Weg in die Ungewissheit. Einen Plan B haben sie nicht. "Wenn es nicht klappt, male ich trotzdem weiter", sagt Nele. Vielleicht dann nur als Hobby.