Junge Modedesigner Kleider machen heute

Die Auswahltests sind streng, und dann geht die Plackerei erst richtig los: Angehende Modedesigner müssen sich den Glamour ihrer Branche hart erarbeiten. Was die Studenten schneidern, ist manchmal ganz schön mutig.
Von Daniela Pemöller

Ein schwülwarmer Maiabend in der Arena Trier. Hektisch hüpfen halbnackte Mädchen zwischen üppig behängten Kleiderstangen umher. Flinke Hände helfen beim An- und Ausziehen. Es wird geschnürt, geknöpft, gebunden. Alles ganz vorsichtig, damit auch ja nichts kaputtgeht. Denn bei der schummrigen Beleuchtung will keiner eine aufgeplatzte Naht reparieren. Backstage-Feeling bei der Modenschau der renommierten Fachhochschule Trier. Studenten vom ersten Semester bis zur Diplomklasse präsentieren vor über 2000 Besuchern, darunter Modeexperten der Firma Esprit und der Zeitschrift "Elle", an diesem Abend ihre Arbeiten.

"Ich brauch eine Aspirin", stöhnt Stefan Teske, während er einer hübschen Blondine in eine 20 Kilo schwere Rüschenrobe hilft. Die Anspannung steht dem 26-jährigen Diplomanden ins Gesicht geschrieben. Seit Tagen hat der schmale, junge Mann kaum geschlafen. Bis zur letzten Minute musste er an dem Bustierkleid nähen, das aus 40 Metern Stoff besteht. "Eines meiner Models hatte erst gestern Zeit für die Anprobe", sagt der gebürtige Aschaffenburger. Dass Teske unter Zeitdruck arbeiten kann, hat er schon während eines Praktikums bei Alexander McQueen in London bewiesen. Als Belohnung durfte er dann im vergangenen Herbst den britischen Stardesigner zur Modenschau nach Paris begleiten.

Am gegenüberliegenden Kleiderständer steht Marco, ein schlaksiger Kerl, der hier modelt. Er wirkt etwas verloren. Immer wieder dreht er die weiße Pikee-Hose hin und her. Die klassische Knopf- oder Reißverschlussleiste fehlt. "Wie rum ziehe ich die an?", fragt er resigniert. Teske eilt zu ihm. Nur noch wenige Minuten, dann müssen seine 13 Models auf den Laufsteg, um seine Arbeit der letzten sieben Monate zu präsentieren. 3000 Euro kostete ihn die Diplom-Kollektion, bezahlt hat er das von dem Preisgeld, das er im vergangenen Herbst für den ersten Platz des "Passion is Fashion"-Wettbewerbs bekam. Stoffe, Stickereien, Accessoires - alles müssen die Studenten selbst finanzieren. Wenn Träume wahr werden, wird's teuer.

Laut dem Verband Deutscher Mode- und Textildesigner gibt es in Deutschland rund 120 private und staatliche Ausbildungsstätten, an denen sich der Beruf des Mode- und Textildesigners erlernen lässt; 85 davon seien relevant. Viele Diplomstudiengänge werden derzeit dem Bachelor- und Masterabschluss angepasst, was für die Anerkennung der Ausbildung im Ausland wichtig ist.

Harte Auswahltests vor dem Studium

Die Bewerbungsverfahren der Hochschulen und Akademien sind hart. Die Aufnahmequote liegt an vielen Schulen bei nur zehn Prozent. Die Aspiranten brauchen neben Ideen und Talent auch Ausdauer, Mut und ein dickes Fell. Wer nicht kritikfähig ist, hat in dieser Branche nichts verloren. Ein gutes finanzielles Polster macht vieles einfacher. Und ihr Privatleben können diejenigen, die es geschafft haben, in den nächsten Jahren am Eingang zur Modeschule abgeben.

Am Beginn der Auswahl steht eine Mappe mit künstlerischen Arbeiten - von malerischen und grafischen Proben wie Aktzeichnungen oder Collagen bis hin zu Fotos von selbstentworfener Kleidung. "Wir wollen keine fertigen Kreationen sehen, sondern die Lust und den Biss, Mode zu machen", sagt Professor Jo Meurer, Leiter der Fachrichtung Modedesign an der Fachhochschule Trier. Anderswo liegt der Akzent noch stärker auf einer persönlichen Note, einem eigenen Stil, etwa an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee oder, ebenfalls in der Hauptstadt, an der Universität der Künste (UdK).

Wer die erste Hürde geschafft hat, wird zu einer künstlerischen Eignungsprüfung eingeladen, die meist über zwei oder drei Tage geht. Die Bewerber müssen allgemeine Fragen zur Modegeschichte und aus der Farbenlehre beantworten sowie Näh-, Zeichen- und Entwurfsaufgaben meistern. Dabei kommt es auf das Farb- und Materialempfinden und einen guten Blick für Proportion und Maß an. Am Ende findet meist ein persönliches Gespräch über die eigene Motivation statt. Oft verlangen Schulen von den Bewerbern den Nachweis über ein mehrwöchiges, fachbezogenes Praktikum vor Antritt des Studiums.

Viele der Modemacher von morgen fangen schon früh mit dem Nähen an. Bereits als kleiner Junge verärgerte Stefan Teske seine Freundinnen, weil er sich beim gemeinsamen Puppenspiel immer nur mit dem Styling beschäftigte. Nach seinem Fachabitur informierte er sich beim Deutschen Mode-Institut über die verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten. "Ich wollte so viel wie möglich lernen. Mein Schwerpunkt war das Handwerk, weniger die Kreativität. Denn das Künstlerische kommt später von selbst", meint Teske.

In das Studium muss man investieren

Erst interessierte er sich für die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, deren Studenten schon viele internationale Preise abgeräumt haben. Doch dann waren ihm die Arbeiten zu experimentell. Er entschied sich für Trier. Eine Fachhochschule, die gerade in der Industrie einen hervorragenden Ruf genießt. Ihre Absolventen arbeiten bei Tom Tailor und Esprit, Escada, Versace und Alexander McQueen.

Die meisten Modestudenten zieht es in die Großstädte. Besonders beliebt ist Berlin, wo acht Modeschulen ansässig sind. Nach jahrzehntelangem Aschenputtel-Dasein verwandelte sich Berlin in den letzten Jahren in ein neues Modemekka mit 800 Designern. Auch Katarzyna Gadziak setzt auf die Inspiration der Metropole. Die 23-Jährige entschied sich vor drei Jahren für die Privatschule Esmod. 7300 Euro kostet hier die Ausbildung jährlich. Hinzu kommen noch laufende Kosten von 180 Euro im Monat. "Das Geld habe ich von meinen Ersparnissen zusammengekratzt", erzählt die gebürtige Polin. Zusätzlich musste sie nebenbei jobben. Doch die Investition hat sich gelohnt. Gerade durfte die Absolventin mit ihrer Kommilitonin Janine Grosche nach Peking zum Finale des renommierten Hempel-Awards fliegen, um dort vor internationalem Fachpublikum ihre Diplomarbeit zu präsentieren.

"Bei Esmod lernt man das praxisbezogene Arbeiten", begründet Student David Ubl seine Wahl. Nächstes Jahr will er seinen Abschluss machen. Die Schule arbeite eng mit Firmen, Agenturen und Messen weltweit zusammen, man könne tolle Kontakte knüpfen. Nach eigenen Angaben hat Esmod das größte internationale Netzwerk von Modeschulen mit 17 Adressen in neun Ländern. "Wir erarbeiten Projekte selbst, suchen den offenen Dialog und warten nicht, bis jemand auf uns zukommt", erklärt Direktorin Silvia Kadolsky. Besonders von den vielen jährlichen Workshops ist Ubl begeistert: "Wir entwerfen nicht für uns, sondern gezielt für eine Firma. Vor wenigen Wochen hat mein Semester zum Beispiel die kompletten Kostüme für die neue Revue am Friedrichstadtpalast erstellt. Das war schon ein tolles Gefühl, bei der Premiere die eigenen Sachen zu sehen."

Der Ernstfall: Schon nach vier Monaten die erste Modenschau vor Publikum in Champagner-Laune

So viel Professionalität kommt auch bei Wettbewerben gut an. Vergangenes Jahr gewann die Esmod-Schülerin Bernadett Penkov kurz vor ihrem Abschluss den ersten Preis des prestigeträchtigen Moët & Chandon Fashion Debuts, ihre Kommilitonin Susanne Stangl holte sich den mit 8000 Euro dotierten Mittelmoda-Award. "Unsere Schüler sind erst vier oder fünf Monate an der Schule, und schon müssen sie ihre ersten Entwürfe auf einer Modenschau vor 1400 Personen im Champagner-Rahmen präsentieren", sagt Esmod-Geschäftsführer Klaus Metz. Das Konzept geht auf: 80 Prozent der Absolventen steigen innerhalb eines halben Jahres nach dem Diplom in das Berufsleben ein, so die Esmod-Statistik. Sie landen bei Hugo Boss, John Galliano oder gründen ihr eigenes Label.

Die Lehrpläne der Modeschulen in Deutschland basieren auf drei Bausteinen: Kreativität, Bekleidungstechnik samt Umsetzung sowie Management. Dabei kombinieren die Schulen möglichst alle drei Aspekte und versuchen ihren Schülern eine breite Ausbildung zu bieten, damit diese sich in verschiedenen Bereichen bewegen können - vom Designer über den Modelisten bis hin zum Modejournalisten. Kunstschulen wie die UdK oder Berlin-Weißensee setzen traditionell ihren Schwerpunkt auf Kreativität, Fachhochschulen konzentrieren sich in der Regel mehr auf die Bekleidungstechnik - das sogenannte Handwerk, Drapieren, Schnitttechnik und Ähnliches.

Preise gewinnen alle drei Konzepte. Besonders die Hochschule Pforzheim räumte in der jüngsten Zeit fleißig ab: Kristina Schneider gewann 2005 den renommierten Apolda Award, der nur alle drei Jahre verliehen wird. Elena Schneider durfte dieses Jahr ihre Kollektion bei der Berliner Beck's Fashion-Experience präsentieren. Schmuckdesignerin Brigitte Adolph, die vor zwei Jahren ihr Studium in Pforzheim beendete, bekam vor wenigen Tagen für ihre Perlenkette "Loop" sogar einen weltweit begehrten Preis verliehen: den Red Dot Design Award des Design-Zentrums Nordrhein-Westfalen.

Ab ins Ausland: Mode ist eine internationale Branche

Wer auf internationalem Parkett spielen will, muss ins Ausland. Da ist sich der Lübecker Oliver Lühr, 26, ganz sicher. "Mode ist traditionell das internationalste Geschäft. Nur wer seinen Lebenslauf international anlegt, hebt sich von der großen Konkurrenz ab", so der Absolvent der Eliteschule Central Saint Martins (CSM) in London. Sie ist, zusammen mit der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen, so etwas wie das Harvard der Modebranche und genießt Weltruf. In London habe Lühr sein Netzwerk viel besser ausbauen können: Nur hier bekomme man auf einer Privatparty so königliche Gäste wie Prinzessin Lilian von Schweden vorgestellt. Nach einem kurzen Plausch erhielt Lühr den Auftrag, ihre Abendrobe für die Nobelpreisverleihung zu kreieren.

Bereits Modegötter wie Alexander McQueen, Stella McCartney oder Jetset-Designer Zac Posen drückten im Central Saint Martins die Schulbank. Kreativität und Exzentrizität, darauf kommt es an dieser Kaderschmiede an. Wer angenommen wird, hat es geschafft. Denn die größten Modehäuser der Welt rekrutieren hier ihren Nachwuchs.

Doch viele Studenten halten den Druck nicht aus. In Antwerpen verabschiedet sich jeder Dritte, in London in manchen Jahren sogar jeder Zweite frühzeitig aus der Ausbildung. Meist aus Mangel an Talent. Wer durchhält und zu den Besten seines Master-Studiengangs zählt, darf zur Belohnung seine Abschlusskollektion auf der London Fashion Week präsentieren. Vor den Augen der Crème de la Crème der Modebranche.

Ein allgemeines Schnittmuster zum Erfolg gibt es nicht. Von den etwa 2000 Jungdesignern, die die deutschen Modeschulen jährlich auf den Markt spülen, gelingt nur wenigen der Berufseinstieg. Wer eine der begehrten Festanstellungen bekommt, kann sich mit durchschnittlich 40.000 Euro Jahresgehalt zufrieden geben.

Freischaffende hingegen müssen jährlich zwischen 50.000 und 70.000 Euro verdienen, errechnet der Verband Deutscher Mode- und Textildesigner. Anders seien Lebensunterhalt, Betriebskosten, Versicherungen und Rücklagen nicht zu finanzieren. Noch härter trifft es die kleinen Atelierbetriebe. Sie müssen einen Umsatz von 100.000 Euro einfahren, sonst rechnet sich das Geschäft nicht. 2005 gab es laut Verband bundesweit etwa 8000 Mode- und Textildesigner, drei Viertel davon hatten ein eigenes Label oder arbeiteten freiberuflich. Doch nur die Hälfte kann auch von ihren Aufträgen leben.

Marketing ist die Trumpfkarte

Das größte Manko in der Ausbildung: Marketing in eigener Sache. Oft wird dieser Aspekt nur gestreift. Dabei ist Marketing, neben renommierten Preisen, guten Ideen und einem starken Willen, die wichtigste Faser, der aus einem Traumstoff ein Gewand der Wirklichkeit webt.

Das haben auch die beiden ehemaligen Esmod-Schülerinnen Alexandra Fischer-Roehler und Johanna Kühl von der heute sehr erfolgreichen Marke "Kaviar Gauche" begriffen. Zu den Pariser Schauen 2005 hatten sie sich eine Wohnung gegenüber der Trendboutique Colette gemietet, Lautsprecher aus dem Fenster gehängt und ihre Kollektion auf der Straße gezeigt. Danach klopften auch prompt Einkäufer von Barneys aus New York an ihre Tür. Mittlerweile werden ihre bekannten Lamellabags von Stars wie Heike Makatsch oder Paris Hilton getragen.


Im Fall von Clara Kraetsch und Doreen Schulz, beides Absolventinnen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, war es ein Preis, der sie in die internationale Modewelt katapultierte. 2005 gewannen sie mit ihrem Label "c.neeon" den begehrten Nachwuchsdesigner-Preis im südfranzösischen Hyères. Kurz darauf konnten sie ihre Mode auf der London Fashion Week zeigen und eine Kollektion für die britische Kette Topshop entwerfen.

Leuchtendes Beispiel am Modehimmel

Die Schuhdesignerin und Tierschützerin Inga Thomas machte sich nach ihrem Studium am renommierten Cordwainers College in London mit einem eigenen Geschäft in der Hamburger Marktstraße selbständig. Hier verkauft und fertigt sie Veganer-Schuhe in so exklusivem Design, dass sogar die Mädels von "Sex and the City" ins Schwärmen geraten würden.

Auch Diplomdesignerin Alexandra Baum setzt ein leuchtendes Beispiel am Modehimmel. Als sie vor vier Jahren ihr Studium an der Fachhochschule in Hamburg beendete, gründete sie die Firma "textile interfaces". Mit ihrer Kollektion "the poetry of future" schickt sie schicke Entwürfe voll technischer Raffinessen über den Laufsteg. Eine Fernbedienung für den Laptop im seidenen Ärmel. Kleider, die mit elektronischer Hilfe ihre Farbe verändern oder auf Knopfdruck leuchten.

Ihre Kunden kommen hauptsächlich aus der Event- und Werbebranche. Doch seitdem sie im vergangenen Herbst ihre Kollektion beim Baltic Fashion Award präsentierte, wächst auch das Interesse der Industrie.

Die Modedesignerin Bianca Koczan fand ihren Erfolg in der Nische Arbeitskleidung. An Stelle verstaubter, unförmiger Blaumänner designt die Erfurterin graue, figurbetonte Arbeitskittel aus feinen Stoffen. Sie kombiniert Rohseide, geprägtes Leder oder Viskose-Ripp mit Baumwollköper in Fischgratwebung. Die Kittelschürzen, Hosen, Kopftücher und T-Shirts verkauft sie an Unternehmen wie die edle Uhrenmanufaktur Nomos in Glashütte, die ihre Mitarbeiter nicht in 08/15-Kittel stecken wollen.

Über dem Laufsteg in Trier gehen zu später Stunde indes die Lichter aus. Ganz in der Nähe dröhnt laute Musik aus einem Raum. Es sind die Studenten, die den Erfolg ihrer Schau feiern.

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