Junge Palästinenser Widerstand ohne Steine in der Hand

Krieg, Besatzung, ungewisse Zukunft: Die Jugend Palästinas hat gute Gründe, frustriert zu sein. Drei junge Erwachsene aus dem Westjordanland zeigen, wie sich trotzdem etwas bewegen lässt. Sie helfen Kindern, organisieren friedlichen Anti-Siedler-Protest und träumen von einem Ausweg.
Fotostrecke

Wütend, aber friedlich: Junge Palästinenser in der Westbank

Foto: ABBAS MOMANI/ AFP

Sie haben viele Enttäuschungen, aber noch nie einen eigenen Staat erlebt, sind mit Gewalt und Krieg aufgewachsen und kennen das Gefühl, im eigenen Land unerwünscht zu sein und eingeschränkt zu leben: Junge Palästinenser haben oft eine schwierige Vergangenheit - und auch ihre Zukunftsaussichten versprechen nicht viel Gutes.

Ohnmacht, Wut, Aggression: Der Rest der Welt stellt sich den jungen Palästinenser oft als gewaltbereiten Nachwuchsterroristen mit einem Stein in der Hand vor. Steine auf israelische Soldaten zu werfen, ist tatsächlich für manche ein Ventil, vor allem für Jugendliche. Doch viele finden Wege, die nicht dem gewalttätigen Klischee entsprechen, um mit ihrer ständigen Ausnahmesituation umzugehen.

Wajdi Yaeesh, Tamer Atrash und Abood Ali leben in den ehemaligen Hochburgen des palästinensischen Widerstands im Westjordanland, in Hebron, Nablus, Bethlehem. Einer hilft traumatisierten Kindern, einer organisiert friedlichen Widerstand und einer träumt von einem Job, der für mehr Verständnis sorgt.

Klicken Sie auf die Überschriften, um zu den Einzelporträts zu gelangen.

Wajdi Yaeesh, 27, aus Nablus: "Wir sind in einem Kreislauf gefangen"

Foto: Sonja Peteranderl

Als Wajdi Yaeesh sechs Jahre alt war, hielten israelische Soldaten während der ersten Intifada eineinhalb Jahre lang das Dach und das Treppenhaus des Hauses seiner Familie in Nablus besetzt. Sein Vater und sein Bruder waren im Gefängnis, er sah, wie seine Schwester bei einer Hausdurchsuchung zusammengeschlagen wurde und hatte jedes Mal Angst, getötet zu werden, wenn er morgens zur Schule ging.

"Während der zweiten Intifada hatte ich keine Angst mehr", sagt der 27-Jährige. "Wenn die Israelis mich provoziert haben, bin ich auf sie losgegangen."

19 Jahre alt war Yaeesh damals: Während der zweite arabische Aufstand ausbrach, begann er sein Marketing-Studium und ließ sich parallel zum Sanitäter ausbilden. Mit seinem Team lief er Häuser ab, die die Israelis besetzt hatten, um den Familien Lebensmittel zu bringen, Erste Hilfe zu leisten oder Verletzte abzutransportieren.

"Ich will, dass die Kinder intellektuell Widerstand leisten"

Bei Tag und bei Nacht seien die Israelis damals in die Häuser gekommen, sagt Yaeesh. Sie hätten Gebäude zerstört, Sperren errichtet, Leute verletzt und immer wieder auch getötet. Bei den Hausbesuchen merkten er und seine Freunde, wie sehr vor allem Kinder unter der Gewalt litten.

Also begannen sie zwischen den Invasionen Partys für die Kinder zu veranstalten. Aus der Initiative ist eine gemeinnützige Organisation geworden, die Yaeesh heute leitet: Human Supporters arbeitet mit Hunderten von Kindern aus der Altstadt von Nablus. Häufig haben sie psychische Probleme, sind hyperaktiv und gewalttätig. Die Freiwilligen versuchen mit den Kindern, die oft unter Alpträume leiden, deren Traumata aufzuarbeiten.

"Wenn die Israelis nachts schießen, ist die Arbeit des Tages dahin", sagt Yaeesh. "Wir sind in einem Kreislauf gefangen, aus dem wir nicht ausbrechen können." Trotzdem müssten sie weitermachen. Bei Theater, Sport, Lachtherapie oder Kunst können die Kinder Wut und Energie herauslassen. "Ich will, dass die Kinder intellektuell Widerstand leisten - und nicht, indem sie Steine schmeißen, um ihre Gefühle auszudrücken", sagt Yaeesh.

Ausland keine Option

Er selbst hat viel sinnlose Gewalt erlebt: Er wurde angeschossen, als er nachts auf seinem Hausdach eine Zigarette rauchte. Als Sanitäter hat er entstellte Leichen gesehen, Menschen, die durch Raketenexplosionen zerfetzt wurden. Hinter Yaeeshs Schreibtisch hängt das Foto eines Teenagers. Der sei mit einem Walkman, Kopfhörer im Ohr, auf einen Grenzposten zugelaufen. Israelische Soldaten hätten ihn für einen Selbstmordattentäter gehalten und erschossen.

Inzwischen ist Nablus ruhiger geworden. Die meisten Grenzposten rund um die Stadt sind nicht mehr besetzt. "Jetzt kommen sie öfter mal nachts, stürmen Häuser, um jemanden zu verhaften", sagt er. "Sie wollen, dass wir nicht vergessen, dass sie da sind."

Viele junge Akademiker würden Nablus verlassen, weil sie im Ausland bessere Chancen hätten - für Yaeesh ist das aber keine Option. "Ich hatte hier eine schlechte Kindheit, ich will bei den Kindern bleiben", sagt er. "Es macht mich glücklich, wenn sich die Kids freuen, lernen, wenn sie etwas Neues entdecken."

Tamer Atrash, 24, aus Hebron: "Ich will smarten Protest"

Tamer Atrash (links) mit einem Freund: "Ich glaube an ein Leben in Würde"

Tamer Atrash (links) mit einem Freund: "Ich glaube an ein Leben in Würde"

Foto: Sonja Peteranderl

Wenn Tamer Atrash durch die Basargasse der Altstadt von Hebron läuft, wird er wütend. "Die jüdischen Siedler, die hier leben, werfen ihren Dreck, manchmal auch Urin, aus den oberen Stockwerken", sagt der 24 Jahre alte Student und deutet auf die Gitter und Planen, mit denen sich die Händler vor Angriffen zu schützen versuchen. Die Siedler versuchten, den Leuten das Leben zur Hölle zu machen, sagt Atrash.

Eine andere Gasse ist ganz gesperrt: Wo früher palästinensische Läden waren, liegt heute Abfall. Sehr viele Läden seien in den letzten Jahren geschlossen worden. "Auch die Shuhada-Straße ist verwaist - das war früher die Hauptverkaufsstraße und das Herz von Hebron", sagt Atrash. Nur wenige Palästinenser harren noch an der Grenze zu dem Stadtteil aus, in dem inzwischen etwa 600 jüdische Siedler leben, beschützt von israelischen Soldaten.

Um den Anwohnern zu helfen und ihre Verdrängung aus ihren Vierteln öffentlich bekanntzumachen, hat Tamer Atrash mit Freunden die Initiative Youth Against Settlements (Jugend gegen Siedlungen) gegründet.

Radikal sieht Atrash nicht aus, mit seinem Karohemd, engen Jeans und schmalen Lederschuhen ist er sehr modisch gekleidet. Er habe sich dem friedlichen Widerstand verschrieben, schon immer, sagt er: "Ich will smarten Protest." Das sei sinnvoller, und auch international könnten die Palästinenser nur auf diesem Weg Unterstützer gewinnen.

Wachsen am Konflikt

Die Jugendbewegung organisiert Demonstrationen und eilt herbei, wenn palästinensische Bewohner und Siedler aneinandergeraten. "Manche hier haben erst gedacht, dass unsere Proteste nutzlos sind", sagt Atrash. "Doch dann kam der Arabische Frühling." Inzwischen kommen manchmal mehrere hundert Menschen zu ihre Protestkundgebungen - Palästinenser, internationale Unterstützer, aber auch israelische Friedensaktivisten.

Tamer Atrash kann sich auch einen gemeinsamen Staat mit den Israelis vorstellen - wenn die die Palästinenser nicht weiter vertreiben: "Ich glaube an ein Leben in Würde", sagt er.

Sein Engagement ist ihm wichtig, er ist bei jeder Demonstration dabei - auch wenn er sich gerade auf seine Abschlussprüfungen vorbereiten müsste. Seine Noten haben ziemlich gelitten in der letzten Zeit, erzählt er. Statt einem Arbeitsvertrag im Ausland werde auf sein Studium der Ingenieurswissenschaften wohl erst mal der nächstbeste Job im Westjordanland folgen. "Aber man wächst auch an dem ständigen Konflikt", sagt Atrash. "Der Protest inspiriert mich - und gibt mir die Kraft, hier zu leben."

Abood Ali, 23, aus Bethlehem: "Ich muss raus hier"

Foto: Sonja Peteranderl

Von gesellschaftlichem oder politischem Engagement hält Abood Ali sich fern: "Ich muss mich um mein eigenes Leben kümmern", sagt der 23-Jährige aus Bethlehem. Wie die meisten Bewohner der Stadt, in der Jesus geboren worden sein soll, versucht er vom Tourismus zu leben, denn Alternativen gibt es kaum.

Ali hilft zurzeit im Souvenirladen eines Bekannten aus, den ganzen Tag steht er in dem kleinen, vollgestopften Geschäft in der Altstadt von Bethlehem und versucht, Palästinensertücher, arabische Kleider, Schmuck und Tassen zu verkaufen. Aber die Geschäfte laufen schlecht.

"Die meisten Touristen werden mit dem Bus zur Geburtskirche gekarrt und hauen dann gleich wieder ab", sagt Ali. "Wahrscheinlich haben sie immer noch Angst vor Terroristen." Dabei passiere in Bethlehem gar nichts mehr.

Zur Jahrtausendwende florierte der Tourismus in Bethlehem noch - dann brach die zweite Intifada aus, die Stadt wurde zum Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischem Militär.

Nicht mal bis nach Jerusalem

Als kleiner Junge habe auch er mit seinen Freunden Steine auf israelische Soldaten geworfen und sich dann schnell in den engen Gassen der Altstadt versteckt. "Es war ein bisschen wie ein Abenteuer", erinnert er sich. "Vielleicht aber auch nur dumm."

Als sein Vater ihn erwischte, habe der ihm mit einer Tracht Prügel und Hausarrest eingebläut, sich aus allem herauszuhalten. "Damals war ich sauer, heute bin ich froh", sagt Ali. Viele seiner Freunde litten unter bleibenden Verletzungen, manche seien im Gefängnis, manche tot.

Ali hat Sprachen studiert, Englisch, Deutsch und Spanisch gelernt, er wollte eigentlich Übersetzer werden. Dann musste er sein Studium abbrechen, weil es zu teuer war. Seine Familie kann kaum das Schulgeld für seinen kleinen Bruder bezahlen.

Wenn Ali sich im Souvenirladen langweilt, weil den ganzen Tag kein Kunde kommt, stellt er sich vor, wie es wäre, auszuwandern - nach Deutschland, Spanien, irgendwohin. "Aber ich kann ja nicht einmal eben nach Jerusalem", sagt er, "auch wenn es bis dorthin nur ein paar Minuten sind."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.