Junge Partei auf Kaperfahrt "Die Piraten hacken das System"

Kann vollkommene Transparenz in der Politik wirklich funktionieren? Beim SPIEGEL-Gespräch an der Uni Potsdam diskutieren Web-Guru Sascha Lobo und "Nerd Attack!"-Autor Christian Stöcker über die halbgaren Lösungen der Piratenpartei - und über die herablassende Haltung der Altparteien.
Piraten in Berlin: "Stachel im Fleisch der Parteien"

Piraten in Berlin: "Stachel im Fleisch der Parteien"

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

UniSPIEGEL: Herr Stöcker, die Generation, die Sie in Ihrem Buch beschreiben, scheint die Piraten geradezu herbeigesehnt zu haben. Was genau ist da passiert?

Stöcker: Der Erfolg der Piraten hat mit der Art zu tun, wie Politik und Öffentlichkeit noch immer über Leute reden, für die digitale Technologie und das Leben im Netz Selbstverständlichkeiten sind. In einem Feuilleton-Artikel über Social Media oder Facebook muss offenbar immer das Wort Exhibitionismus vorkommen, und Artikel über Computerspiele erwähnen immer auch Gewalt und Sucht. Es ist dieser dämonisierende und herablassende Umgang mit dem Thema, der den Piraten in die Hände spielt. Der zweite Grund ist, dass die Piraten derzeit die einzigen Politiker sind, die nicht als Politiker wahrgenommen werden. Das Wahlvolk findet das sympathisch.

Lobo: Die Piraten haben einen neuen Politikansatz, eine Art intelligentes Hacking des Systems, und zwar im positiven Sinn. Das ist auch die Brücke zu "Nerd Attack!". Stöckers Buch beschreibt die Haltung dieser neuen Generation, die vernetzte Technologie als Teil ihrer kulturellen und gesellschaftlichen Identität begriffen hat. Das wirft auch politisch neue Fragen auf: Wieso kann ich mit dem Weltkonzern Coca-Cola chatten, aber den Bundestag nur in der "Tagesschau" sehen? Anders gefragt: Warum sind mir gigantische Strukturen über das Netz relativ zugänglich und die Politiker, die wesentlich mitbestimmen, wie ich lebe, so weit weg?

UniSPIEGEL: Die Piraten wollen den Politikstil ändern. Wird das Internet dann eine politische Waffe für die jungen Netzbürger?

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Lobo: Zunächst einmal haben die technischen Möglichkeiten jetzt schon eine schlagkräftige Gegenöffentlichkeit geschaffen. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass auch das Establishment dadurch schlagkräftiger wird. Man muss sich das vorstellen wie einen Kampf, bei dem mal der eine, mal der andere die Nase vorn hat. Es stehen sich noch immer zwei Gegner gegenüber. Aber die Art, wie sie kämpfen, hat sich dramatisch verändert.

UniSPIEGEL: Welche Kräfte ringen da miteinander?

Lobo: Im Netz bildet sich Gesellschaft ab, es ist Instrument und Medium, aber das ist noch nicht alles. Vielen Menschen erscheint das Internet politisch eher links als rechts, als progressiv und transparent...

Stöcker: ...und zugleich stehen im Internet die schrecklichsten Dinge, die sich die Menschheit ausgedacht hat, da kann man nicht drum herumreden. Es stimmt nicht, dass alle, die das Netz durchstreifen, liberal, links und am Wohle der Menschheit interessiert sind. Das Netz wimmelt aber auch nicht vor Faschisten und Wahnsinnigen, wie man in Deutschland zu glauben pflegt. Beide Vorstellungen bewegen sich fern der Realität, und das ist Teil des Problems.

UniSPIEGEL: Kann Transparenz, wie die Piraten sie fordern, das Bild zurechtrücken?

Stöcker: Ich bin mir nicht sicher, ob Transparenz in jedem Fall hilft. Wenn jedes Gespräch zwischen einem Politiker und einem Lobbyisten öffentlich stattfände, wären immer diejenigen im Vorteil, die Talent zur Selbstdarstellung haben - nicht notwendigerweise die Klugen mit den besseren Argumenten.

Lobo: Tatsächlich ist die Politik heute viel zu intransparent. Aber die Gefahr ist die: Transparenz schafft automatisch eine Bühne. Auf der verhandelt man nicht mehr nur mit der Person, die einem gegenübersitzt, sondern präsentiert sich und seine Meinung auch einer Öffentlichkeit. Diese Inszenierung hat mit Verhandlung, mit Diplomatie nichts mehr zu tun.

UniSPIEGEL: Worauf müssten sich die Piraten künftig konzentrieren, um Politik im Netz zu gestalten?

Lobo: Noch fehlt es ihnen an einer Vision. Die wichtigsten Fragen der nächsten Jahre werden sein: Wie ist es möglich, eine digitale Demokratie zu entwerfen? Wie kann das Netz positiv auf den politischen Apparat und dessen Handeln einwirken? Was das betrifft, sind die Piraten zwar der Stachel im Fleisch der etablierten Parteien, haben aber bisher nur halbfertige Lösungen anzubieten. Das ist auch okay so. Erst mal.

Das "SPIEGEL-Gespräch - live in der Uni Potsdam" mit Lobo und Stöcker führte der Redakteur Holger Stark am 9. November. Dokumentation: Georgina Fakunmoju
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