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Junge Wähler "Die Mitte war zu mittig"

Vor allem bei jungen Wählern sind die großen Volksparteien durchgefallen. Sie haben eher den Grünen, den Linken, der FDP und der AfD ihre Stimmen gegeben.

CDU und SPD haben die jungen Wähler aus den Augen verloren. Jetzt brauchen die Parteien neue Kandidaten, die emotionaler und menschlicher wirken und die sich für Themen wie Bildung, Umwelt und Digitalisierung einsetzen - fordern Studenten und Auszubildende. "Die Mitte hat verloren, weil sie zu mittig war", sagt ein Erstwähler. "SPD und CDU sind austauschbar", meint eine junge Wählerin. Und warum konnte die AfD eigentlich so gut abschneiden? Fünf Gründe für das Verblassen der großen Parteien und den Erfolg der kleinen in der Generation U-30.

1. Misstrauen gegenüber den Volksparteien

"SPD und CDU haben beide verloren, weil es ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber etablierten Parteien gibt", sagt Professor Andreas Klee, der an der Uni Bremen unter anderem zur politischen Teilnahme von Jugendlichen forscht. Die Volksparteien müssten häufig realpolitisch agieren, auf Konsensbildung setzen und ihre eigenen Kernpositionen verwässern. Aus diesem Grund hätten es die Oppositionsparteien bei jüngeren Wählern immer leichter. Sie könnten immer sagen, was sie besser machen würden, wenn sie in der Regierung wären.

Auch Sigrid Roßteutscher, Soziologie-Professorin an der Uni Frankfurt sagt: "Junge Wähler entscheiden sich für die Randparteien, weil sie noch idealistischer sind, weil sie für Freiheit und Gleichheit einstehen." Mit dem Älterwerden könne sich das aber ändern. "Wenn sie eine Familie haben, Karriere machen, dann merken sie, wie wichtig Kompromisse sind und dass sich radikalere Positionen nicht immer durchsetzen lassen. Dann rücken sie in die Mitte."

2. Entscheidungen werden zu langsam umgesetzt

"Junge Wähler erwarten viel von der Politik. Sie wünschen sich etwas - und das soll möglichst schnell umgesetzt werden", sagt Klee. Sind die jungen Menschen daran interessiert, etwas zu verändern, wollen sie das möglichst schnell tun. So engagieren sie sich zum Beispiel für eine Umgehungsstraße in ihren Ort. Damit haben sie schnell und effektiv etwas getan und ihre Aufgabe erledigt, wenn die Straße gebaut wird. Sie haben weniger Verständnis dafür, dass sich Ideen und Positionen im demokratischen Prozess verändern können und wünschen sich schnelle Lösungen. "Wenn diese Wünsche nicht innerhalb weniger Wochen realisiert werden, sind sie enttäuscht." Das sei aber ein falsches Politikverständnis.

3. Die Politiker sind zu emotionslos

Wollen die großen Parteien bei den jungen Wählern wieder Gehör finden, müssen sie emotionaler werden. "Wir brauchen Themen, die das Herz ansprechen", sagt Klee. Emotionalität müsse der Ausgangspunkt von Politik sein. Dies könnten auch junge, unverbrauchte und attraktive Kandidaten vermitteln. Mit Angela Merkel, die immer erst einmal abwarte und nie überschnell reagiere und Martin Schulz habe man zwei sehr sachliche Kandidaten. "Martin Schulz hätte in der Elefantenrunde nach der Wahl auch einfach mal sagen können, dass er nichts sagen kann, weil er zu platt ist." Das wäre menschlich gewesen und wäre bei den Wählen sicher gut angekommen. Doch Schulz sei die ganze Zeit über hochprofessionell geblieben, sagt Klee.

4. Die Volksparteien regieren an den jungen Wählern vorbei

Durch den demografischen Wandel wird die Wählerschaft immer älter. Deswegen umgarnen die großen Parteien die älteren Wähler mit Rentenerhöhungen. "Wer 20 ist, denkt aber noch nicht an seine Rente", sagt Sigrid Roßteutscher. Die Parteien müssten also viel mehr Digitalisierung, Umwelt, Nachhaltigkeit und Bildung thematisieren - dafür interessieren sich die jungen Wähler. Auch mittelfristig sei die Strategie, auf die Stimmen der älteren Wähler zu setzen falsch, weil diese Kohorte irgendwann aussterbe und die jüngeren Wähler nachrücken, sagt Roßteutschter. Nur wenn die Parteien die Wähler in jungen Jahren erreichen, schaffen sie es sie auch später zu halten.

Die SPD konnte bei den jungen Wählern nicht punkten, weil sie ihren Wahlkampf unter dem Motto "Gerechtigkeit" geführt hat. Doch die Sozialdemokraten stehen schon von Anbeginn an für mehr Gerechtigkeit. Andreas Klee sagt, die Kampagne sei einfach nicht innovativ gewesen. "Der Markenkern der SPD ging verloren. Es gab keine Motivation diese Partei zu wählen." Doch die SPD habe nun erkannt, dass sie ihr Profil schärfen müsse, um sichtbarer zu werden.

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5. Die AfD bedient das Muster der Protestpartei

Früher waren die Grünen und die Linken die Protestparteien für junge Wähler. Sie waren noch nicht so etabliert, sie waren anders und sie waren dagegen. Nun kommt die AfD als neues Phänomen und bedient dieses Muster der Protestpartei. Die Partei punktet zwar bei den jungen Wählern nicht stärker als bei den älteren, aber sie erreicht sie. "Die AfD macht zum Beispiel jungen Männern, die wenig Geld verdienen, ein Angebot, Stärke zu beweisen." Die Partei verspricht mit ihrem konservativen Leitbild vor allem den Männern, dass sie wieder etwas wert seien.

Aber auch bei jungen Menschen spielt der sozio-ökonomische Status eine große Rolle. Berufsschüler würden eher die AfD wählen, als Studenten, sagt Andreas Klee. "Je höher das eigene Einkommen und das der Eltern und je höher der Bildungsstand, desto weniger wählen junge Menschen die AfD", sagt der Professor. "Die Menschen, die soziale Ängste haben, werden von der AfD bedient, indem sie die Schuld auf die Menschen lenkt, die geflohen sind." Außerdem sei der AfD ein "Supermove" gelungen, als sie mit der Lügenpresse anfing. Vor allem die jungen Menschen würden nun denken, die Medien stellen Dinge falsch dar und sie suchen im Internet dann nach Informationen, die ihre Sichtweise stärken.

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