Jungforscher auf Reisen Abenteuer inklusive

Miesmuscheln in Trinidad und Indonesien vergleichen, die Stresstoleranz von Meeresschnecken testen? Ein Kieler Institut macht's möglich und schickt Studenten zum Forschen in exotische Länder. Zwei testeten auch die eigene Stresstoleranz - sie erlebten Weltgeschichte bei Protesten in Teheran.

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Meeresforscher: Unterwegs in aller Herren Länder
Die Meeresschnecken mussten warten. Es war Juni, und in Teheran versuchte das Volk die Revolution. Zehntausende gingen auf die Straße, jeden Tag, viele wurden getötet von den Schergen des Regimes. Die blutigen Proteste nach der dubiosen Präsidentschaftswahl erschütterten das Land. José Andres Novio Linares, 29, Student der Umweltwissenschaften aus Lüneburg, und der angehende Meeresbiologe Jahangir Vajed Samiei, 26, aus Teheran, waren von Kiel aus in Samieis Heimatstadt gereist, um dort ihre Abschlussarbeit vorzubereiten: eine Feldstudie über die Stresstoleranz der Meeresschnecke Nassarius deshayesiana.

Sie wollten herausfinden, wie es den Tieren in verschmutzten sowie in naturnahen Lebensräumen auf der Insel Keshm geht, rund 1000 Kilometer südöstlich von Teheran. Doch nun zog es die beiden Studenten täglich auf die Straßen der Hauptstadt, vier Wochen lang verschoben sie die Fahrt zu der Insel. Sie erlebten gerade Weltgeschichte - es war ihnen wichtiger, die Demonstranten zu unterstützen.

"Die Atmosphäre war beängstigend, aber auch faszinierend", erzählt Novio Linares, "die Menschen standen ganz still auf der Straße, Junge und Alte, Männer und Frauen, auch Kinder. Niemand hat etwas gesagt. Sie wollten nur friedlich ihr Recht verteidigen, das die iranische Verfassung ihnen zugesteht. Und dann kamen die Prügelgarden mit Tränengas, Schlagstöcken, Gewehren."

Nach blutigen Protesten plötzlich sonnige Strände

Novio Linares und Samiei wurden nicht verletzt oder verhaftet in jenen chaotischen Teheraner Wochen. "Aber einmal standen wir direkt daneben, als ein Freund von mir mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen wurde", berichtet Samiei. "Wir haben ihn dann versorgt und an einen sicheren Ort gebracht." Als die Proteste abebbten, fuhren die beiden dann nach Keshm - obwohl es schon ein seltsames Gefühl gewesen sei, sagt Novio Linares, sich nach all dem Drama plötzlich an sonnigen Stränden dem Stress der Meeresschnecken zu widmen.

In Kiel ist es trübgrau, ein Novembernachmittag in Norddeutschland, die beiden Studenten sind seit ein paar Tagen zurück. Sie sitzen im Computerraum einer Backsteinvilla mit Türmchen und Veranda: des Leibniz-Instituts für Meereswissenschaften (IFM-Geomar).

Hier werten Novio Linares und Samiei nun ihre Daten aus; es ist der letzte Teil eines Trainings- und Forschungsprogramms für angehende Meereswissenschaftler mit dem etwas sperrigen Namen "Globaler Ansatz durch modulare Experimente" (Game). Rund 20 Forschungsinstitutionen auf fünf Kontinenten arbeiten mit den Kielern zusammen; das einzigartige Projekt feiert nächstes Jahr zehnjähriges Jubiläum.

"Am Anfang stand die Idee, weltweit identische Experimente durchzuführen, um Aussagen über globale Umweltphänomene treffen zu können", sagt Martin Wahl, wissenschaftlicher Leiter von Game. Dieser Ansatz sei neu in der ökologischen Forschung. "Die Studenten haben wir dann mit reingenommen, weil die mehr Zeit haben als fertige Wissenschaftler."

"Die Studenten sollen lernen, global zu denken"

Game solle den Studenten ermöglichen, sich international zu vernetzen und ihren Horizont zu erweitern, erklärt Wahl. "Sie sollen lernen, global zu denken." Insgesamt dauert es zehn Monate: ein Monat Vorbereitung in Kiel, dann ein halbes Jahr im Ausland und abschließend noch einmal drei Monate in Kiel. Den Studenten wird der Flug bezahlt, obendrauf bekommen sie noch eine Art Taschengeld, einmalig 1200 Euro. Finanziert wurde das alles bisher von einer Stiftung, ab 2010 sucht das IFM-Geomar einen neuen Sponsor.

Gemeinsam mit Projektkoordinator Mark Lenz legt Wahl jedes Jahr das übergeordnete Thema für die Diplom- oder Masterarbeiten fest und wählt die besten Bewerber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Die dürfen dann sagen, wo sie ihre Feldstudie am liebsten durchführen möchten - da kommen ganz attraktive Ziele zusammen. Dieses Jahr standen zur Auswahl: Brasilien, Neuseeland, Trinidad, Portugal, Großbritannien, Finnland, Indonesien, Japan, Indien und eben Iran. Vor Ort arbeiten die Nachwuchsökologen immer im Doppelpack, ein hiesiger, einer aus dem Gastland. Die Abschlussarbeit allerdings muss jeder für sich allein schreiben.

Können invasive Arten, Eindringlinge also, Umweltstress besser aushalten als die einheimische Flora und Fauna? Das war in diesem Jahr die große Frage. Um sie zu beantworten, sammelten die Studenten, verteilt über die Welt, Muscheln und Schnecken, sie fingen Seescheiden und Flohkrebse, untersuchten auch Seegras. Spannend waren vor allem jene Tiere und Pflanzen, die in dem einen Ort beheimatet sind und den anderen als Fremdlinge erobert haben.

Die "Superpower-Muscheln" halten vieles aus

Zusammen mit Ramadian Bachtiar, 29, aus Bogor in Indonesien verglich die 24-jährige Mainzerin Carolin Wendling die alteingesessene Grüne Miesmuschel aus der verschmutzten Jakarta Bay mit Artgenossen, die rund 170 Küstenkilometer entfernt in Tanjung Lesung leben, nahe einem Nationalpark. Ihre Experimente zeigen, dass die Tiere den dreckigen Standort außerordentlich widerständig ertragen. "Superpower-Muscheln", sagt Bachtiar und lacht.

In Kiel will das Team jetzt seine Ergebnisse mit denen der Gruppen aus Trinidad und Brasilien vergleichen - diese Terrains hat die Grüne Miesmuschel nämlich als Invasor besetzt.

Wendling sagt, sie habe gelernt, wie viel schwieriger Forschung sich in einem Land wie Indonesien gestalte. "Wir kamen in dieses Labor, und es war, abgesehen von ein paar Aquarien, leer", erzählt sie. "Wir mussten alle Geräte irgendwo ausleihen oder kaufen, was unglaublich viel Zeit gekostet hat." Forschen unter abenteuerlichen Bedingungen auch hier: Wendling und Bachtiar spürten in diesem Sommer das große Erdbeben in Sumatra.

Volksaufstände, Erdbeben, all das ficht die Nachwuchswissenschaftler im regennassen Kiel aber nicht an. Die meisten Studenten empfinden ihre Erfahrungen im Ausland als bereichernd. José Andres Novio Linares bringt es auf den Punkt: "Ich bin in ein wunderschönes Land gereist, habe nette Menschen kennengelernt und interessante Experimente durchgeführt. Was kann man sich von einer Diplomarbeit mehr wünschen?"



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