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Diskriminierung im Studium: Juristen haben ein Frauenproblem

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Diskriminierung im Jura-Studium Im Zweifel für den Mann

Wie objektiv sind Jura-Abschlussnoten? Drei Forscher haben in einer umfangreichen Studie die Ergebnisse Hunderter Staatsexamen ausgewertet. Das Ergebnis erschreckt - nur Männer mit deutschem Namen dürften sich freuen.

Leistung lohnt sich, zumindest in Abschlussprüfungen galt das als sicher, auch am Ende des Jura-Studiums. Wer fleißig lernt, bekommt auch gute Noten, denken viele Studenten. Doch Leistung lohnt sich nicht gleichermaßen, wie eine neue Studie zeigt: Geschlecht und Herkunft der Prüflinge beeinflussen anscheinend massiv, wie sie im Examen abschneiden. "Ein trauriges Ergebnis", sagt Studienautor Christian Traxler von der Hertie School of Governance.

Gemeinsam mit zwei Kollegen vom Max-Planck-Institut und der Uni Göttingen hat er Tausende Datensätze von Jura-Studenten aus Nordrhein-Westfalen ausgewertet. Erschienen ist ihre Analyse "Zur Benotung in der Examensvorbereitung und im ersten Examen" in der "Zeitschrift für Didaktik der Rechtswissenschaft" (Studie als PDF ). Sie fragten sich unter anderem: Was beeinflusst die Examensnote? Unterscheiden sich die Ergebnisse von Männern und Frauen? Von Studenten mit deutschem und nicht-deutschem Namen?

Das Resultat erschreckt: Frauen schneiden im Examen knapp zehn Prozent schlechter ab - bei gleichen Leistungen und Voraussetzungen. Ähnliches gilt für Studenten mit ausländischem Namen. Traxler sagt: "Wer sich ein Bildungssystem wünscht, das hinsichtlich Geschlecht und Herkunft neutral wirkt, dem sollte dieses Ergebnis Bauchschmerzen bereiten."

Gleiches Recht auf Bildung? Eher nicht

Schon Dutzende Wissenschaftler haben sich mit Diskriminierung in Schule und Ausbildung beschäftigt. Sie fanden heraus, dass der Vorname die Notengebung beeinflusst, genauso wie Gewicht und Herkunft der Schüler. Sie zeigten, dass Lukas und Tim in Deutschland schneller einen Ausbildungsplatz finden als Hakan oder Ahmet. "Wir haben es in Deutschland mit einem ernsthaften Diskriminierungsproblem zu tun", warnte Jan Schneider, Autor der Studie "Diskriminierung am Arbeitsmarkt", erst Ende März.

Traxler und Kollegen kennen diese Ergebnisse. Sie fanden allerdings kaum Aussagen über die Situation an den Hochschulen. Diese Lücke füllen sie nun.

Sie haben unter anderem die Daten sämtlicher Kandidaten ausgewertet, die zwischen September 2007 und Dezember 2010 am Oberlandesgericht Hamm ihr erstes Staatsexamen geschrieben haben, insgesamt 2217 Studentinnen und Studenten von den Unis in Münster, Bielefeld und Bochum. Ein sehr umfangreicher Datensatz also, trotzdem stehen ihre Ergebnisse nicht repräsentativ für das Jura-Studium in Deutschland.

Die Forscher kannten das Geschlecht der Prüflinge, das Geburtsdatum, die Abiturnote, die Noten der schriftlichen Klausuren, des Prüfungsgesprächs sowie des Kurzvortrags. Von den insgesamt 1560 Münsteraner Studenten wussten sie zudem den Namen; so identifizierten sie 150 Prüflinge mit ausländischen Wurzeln. Zusätzlich erhielten sie aus Münster 71.405 Ergebnisse von 2979 Studenten, die in einem Vorbereitungskurs Klausuren geschrieben hatten.

Die Wissenschaftler fanden heraus:

  • Schon bei den Probeklausuren erzielten Männer (6,10 von 18 Punkten) deutlich höhere Ergebnisse als Frauen (5,83 Punkte von 18 Punkten). Erstere verbessern sich im Laufe des Vorbereitungskurses auch stärker.
  • Frauen starten mit besseren Abiturnoten (2,05) ins Studium als Männer (2,22), werden dann aber abgehängt: Sie schneiden im Schnitt im Examen um 0,3 Punkte schlechter ab. Dabei ist der Geschlechterunterschied in der mündlichen Prüfung stärker als in der schriftlichen. Klausuren schrieben die Jura-Studenten unter einer Kennziffer, also anonym; die Forscher vermuten allerdings, dass die Handschrift Hinweise auf das Geschlecht liefern und unbewusst wirken könnte.
  • Die Forscher sprachen auch mit einigen Prüfern über die Ergebnisse. Die erklärten die Differenz so: Die schwächere Bewertung von Studentinnen hänge mit "allgemein beobachteter geringerer Selbstsicherheit" zusammen, dadurch würden sie sich weniger aktiv am Prüfungsgespräch beteiligen. Zudem würden sie seltener non-verbal signalisieren, dass sie eine Frage beantworten wollen.
  • Noch gravierender unterscheiden sich die Examensergebnisse, wenn die Forscher "statistische Zwillinge" bilden, Studenten also, die sich nur im Geschlecht unterscheiden, die Abiturnote ist dann gleich, die Uni, die Vornoten. Dann steigt der Unterschied auf 0,7 Punkte.
  • Auch die Herkunftseffekte verursachten Unbehagen, schreiben sie: Studenten mit ausländischem Namen schneiden im Examen mit 7,01 Punkten ab, Studenten mit deutschem Namen mit 7,74 Punkten. Das kann mit sprachlichen Defiziten zusammenhängen - sollte es aber nicht, betont Traxler. Schließlich sei im Examen Fachwissen gefragt, nicht rhetorische Brillanz. Die Forscher schreiben: "Hier liegt es nahe, Diskriminierung anzunehmen."

Beweisen können die Forscher das mit dieser Studie nicht. Auch über die Gründe für das schlechtere Ergebnis können sie nur spekulieren: Es könnte am sehr geringen Professorinnenanteil im Jura-Studium (rund 16 Prozent) liegen. Oder setzen die meist männlichen Prüfer Frauen anders unter Druck? Reagieren Studentinnen darauf nervöser? Leiden sie unter dem starken Konkurrenzdenken eher als dass es sie anspornt? Denkbar ist auch, dass die Professoren, die Materialien und Aufgaben des traditionellen Jura-Studiums in einer Zeit stehen geblieben sind, in der noch mehr Männer als Frauen in den Hörsälen saßen.

Fest steht für Traxler und seine Kollegen: Frauen bringen das Potential mit, das zeigen ihre Abiturnoten. Sie werden im Jura-Studium allerdings nicht richtig gefördert: "Darüber müssen wir uns bei der Gestaltung der Lehre und der Prüfungen mehr Gedanken machen."

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