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30. Januar 2008, 16:17 Uhr

Jura-Professor vor Gericht

Geld für Doktortitel, gute Noten gegen Sex

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Für Geld übernahm er die Betreuung von Doktorarbeiten, einen Schein gab es gegen Sex. Ein Professor der Uni Hannover steht seit heute wegen Bestechlichkeit in 69 Fällen und Begünstigung vor Gericht. Seine Ex-Geliebte ist mitangeklagt - und sagt gegen ihn aus.

Kameras, Mikrofone, fragende Journalisten: Der Medienauftrieb ist riesig, als heute vor dem Landgericht Hildesheim der Prozess gegen den 53-jährigen Jura-Professor Thomas A. beginnt. Wie das Drehbuch eines Hollywood-Streifens klingt die Geschichte, die sich da in der Juristischen Fakultät der Universität Hannover seit Ende 2001 zugetragen haben soll.

Jura-Professor Thomas A.: Der Doktormacher
DDP

Jura-Professor Thomas A.: Der Doktormacher

Zu einer mitangeklagten Studentin soll der Hannoveraner Professor seit Ende 2001 eine sexuelle Beziehung gehabt und die heute 30-Jährige dafür bei Prüfungsnoten bevorzugt und ihr einen Job als Hilfskraft verschafft haben. Einer anderen Studentin soll er, wiederum gegen Sex, zu einer besseren Note in der Übung "Vertragsrecht II" im Wintersemester 2003/2004 verholfen haben, dafür klagt ihn jedenfalls die Staatsanwaltschaft an.

Eine dritte Studentin bekam angeblich das Angebot, als Gegenleistung für die "Begleitung" des Professors zu einem Kongress in Bremen einen Schein für ein Seminar zu erhalten, das sie gar nicht besucht hatte. Und dann sind da noch die 69 Doktoranden, die Thomas A. betreute und für die er von einer umstrittenen Promotionsberatung in Bergisch Gladbach jedesmal 4100 Euro bekam – obwohl die Betreuung von Doktoranden eigentlich zu seinen normalen Dienstpflichten als Professor gehört. Einer der Geschäftsführer dieses Beratungsunternehmens ist ebenfalls angeklagt.

Er schaut seine Ex-Geliebte nicht einmal an

Mit akkuratem Scheitel und offenem Hemd kommt der 53-jährige Professor in den Gerichtssaal, ein bisschen blass sieht er aus. Seine mitangeklagte Ex-Geliebte schaut er nicht einmal an. Vor drei Jahren begann die Staatsanwaltschaft, gegen ihn zu ermitteln. Vor zwei Jahren wurde er suspendiert und durfte nicht mehr an der Universität Hannover lehren. Er hat Hausverbot an der Uni und wird auf seinem Lehrstuhl vertreten. Seit September sitzt er in Untersuchungshaft, nachdem die Staatsanwaltschaft ihn nach monatelangen Ermittlungen verhaftet hatte.

Angeblich habe sich der Jurist nach Panama absetzen wollen – eine Vermutung, die seine Anwältin Annette Voges als "völlig unberechtigt" zurückweist. Auch könne von Bestechung keine Rede sein – ihr Mandant habe ja gar nicht alleine über den Erfolg oder Nicht-Erfolg der Promotionen entscheiden können. Weil auch andere Professoren daran beteiligt waren, komme allenfalls der Straftatbestand der Vorteilsnahme in Betracht. Und die ist mit höchstens drei Jahren Haft weit weniger streng bestraft als nachgewiesene Bestechlichkeit, bei der pro Fall mindestens zwei Jahre fällig wären.

Gute Noten durch "sexuelle Hingabe"

"Der Schwerpunkt des Verfahrens liegt auf den Promotionsverfahren und weniger auf den Beziehungen des Angeklagten zu den Studentinnen", sagte Richter Peter Peschka zu Beginn der Verhandlung. Die mitangeklagte Jura-Studentin hatte die Hoffnung, dass ihr Verfahrensteil heute schon abgeschlossen werden könnte.

Sichtlich nervös wartete die 30-Jährige auf ihre Aussage, belagert von Fotografen und Kamerateams. Sie hatte bereits gestanden, ihren Professor durch "sexuelle Hingabe" bei der Notengebung beeinflusst zu haben, so die Staatsanwaltschaft. Nach einer Absprache aller Prozessbeteiligten hätte sie offenbar heute schon verurteilt werden können. Aber daraus wurde nichts.

Die Anwälte des Professors und des Promotionsberaters zweifelten an der korrekten Zusammensetzung des Gerichts: Ein Verteidiger hatte sich über die Besetzung des Gerichts beschwert, die Zuständigkeit der Wirtschaftskammer des Landgerichts infrage gestellt, außerdem seien die Schöffen falsch besetzt worden. Daraufhin wurde die Verhandlung bis zur kommenden Woche unterbrochen. Und die Studentin wartet immer noch auf ihre Aussage.

Immerhin: Die knapp zweistündige Verlesung der Anklageschrift erlaubte tiefe Einblicke in die windige Arbeit der Promotionsberatung: Unter den 69 angeklagten Fällen sind ein amtierender Sozialrichter und ein Oberregierungsrat, dazu etliche Anwälte, die jeweils zwischen 17.000 und 25.000 Euro bezahlt haben sollen, um den Weg zum Doktortitel zu ebnen.

Ihre Noten im ersten juristischen Staatsexamen hatten dafür nicht ausgereicht. Gegen das Geld habe die Bergisch Gladbacher Promotionsberatung "die Vermittlung einer geeigneten Themenstellung und eines Betreuers" versprochen. Diese Zählungen sind allerdings nicht Gegenstand des Verfahrens, die Anklage gegen den Chef der Firma wurde vom laufenden Verfahren abgetrennt, weil er aufgrund einer Krankheit derzeit nicht verhandlungsfähig ist.

"Von Promotionsbetrug kann man nicht sprechen"

Dieser Betreuer sei in Thomas A. immer sehr schnell gefunden worden sein. Er sollte von den Promotionsbewerbern, so die Anleitung aus Bergisch Gladbach, "diskret" angerufen werden, so die Staatsanwaltschaft. 2050 Euro habe Thomas A. immer vorab erhalten, weitere 2050 Euro nach erfolgreichem Abschluss des Promotionsverfahrens. Im Gegenzug soll der Professor dafür gesorgt haben, dass die eigentlich zu schlechten Kandidaten an der Uni Hannover eine Ausnahmegenehmigung für das Promotionsverfahren bekamen.

Das Geschäft sei glänzend gelaufen. Laut Staatsanwaltschaft ein richtiger Familienbetrieb: Thomas A. fädelte die Promotion ein, seine Frau stellte das Betreuungshonorar in Rechnung, das Geld landete anschließend auf dem Konto seines Vaters bei der Sparkasse Bremen oder auf dem Konto der Studentin. Mehr als 180.000 Euro sollen so im Laufe der Jahre zusammengekommen sein.

Sollte der Professor zu einer Haftstrafe von mehr als einem Jahr verurteilt werden, verliert er Beamtenstatus und Pensionsansprüche. Und die Doktortitel, die er verliehen hat? Müssen die nun alle aberkannt werden?

Verteidigerin Annette Voges sagt: "Die Promotionsverfahren wurden an der Universität regulär abgewickelt." Wenn ihr Mandant allerdings kein Geständnis ablegt, müssten wohl alle 69 Doktoren, vor Gericht erscheinen und ihre Promotion vorlegen - als Beweismittel. Das Gericht hat 16 weitere Verhandlungstermine bis Ende Mai festgesetzt, in der kommenden Woche geht das Verfahren weiter.

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