Jura-Quartett Mord und Totschlag à la carte

Ist Tätowieren eine Körperverletzung? Und ist Brandstiftung an einem bereits brennenden Objekt möglich? Mit ihrem Quartett "Strafbar" will eine Berliner Juristin und Designerin beweisen, dass die Juristerei keine sturztrockene Sache sein muss.

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Gustave Flaubert und das Jurastudium wurden keine Freunde. Briefe pflegte der französische Schriftsteller mit der Formel "Wie dem auch sei, ich scheiße auf die Rechtswissenschaften" zu beenden - sein persönliches Delenda Carthago. "Die Rechtswissenschaften bringen mich um, verblöden und lähmen mich", schrieb Flaubert 1842. Und Zahnschmerzen seien gar nichts gegen jene "furchtbaren Krämpfe, die mir diese reizende Wissenschaft verursacht, die ich studiere". Kein Wunder, dass er das Studium sausen ließ.

Flauberts Stoßseufzer dürften Legionen von Juristen teilen. Die Studenten wissen: Wer Anwalt oder Richter werden will, der lernt leiden. Schon seit vielen Generationen stöhnen Jurastudenten über die staubtrockene Hochschulausbildung, stecken ihre Nasen tief in Schönfelders Gesetzessammlung, lassen sich Examenswissen von teuren Repetitoren eintrichtern - und wer nicht bei den Prüfungen scheitert, kommt am Ende auf einen völlig überlaufenen Arbeitsmarkt.

Sonja Reichel, 31, hat das Paragrafenbimsen schon hinter sich gelassen. Nachdem sie das erste wie das zweite Staatsexamen absolvierte, hat sie umgesattelt - auf ein völlig anderes Fach. Reichel studiert jetzt Design an der Fachhochschule Potsdam: "Entgegengesetztere Welten kann man sich kaum vorstellen."

Klicken Sie bitte auf das Bild, um das Quartett zu starten







Auszug aus dem Quartett: Trickdiebe, Täter, Tätowierer


Mit einem Projekt hat die Grafikerin beide Welten zusammengeführt: "Strafbar" heißt ihr Spiel - ein "Quartett für alle, die sich für Diebe, Betrüger und andere Straftäter interessieren". Sonja Reichel sieht es als Mischung aus Unterhaltung und Information. Und als "Beweis, dass Jura nicht immer trocken ist".

Die 32 Spielkarten, die sie gestaltete, sind ein kleiner Streifzug durch das Strafrecht. In je vier Karten geht es um einen Tatbestand, von A "Mord" über E "Betrug" bis H "Beleidigung". Wie beim klassischen Auto- oder Flugzeug-Quartett geht es darum, möglichst viele Quartette zu sammeln.

Das ist auch für Nichtjuristen mitunter unterhaltsam und aufschlussreich: Macht man sich zum Beispiel strafbar, wenn man zu viel Wechselgeld schweigend einsteckt? Ist es Diebstahl, Produkte im Einkaufswagen zu verstecken, solange man die Kasse noch nicht passiert hat? Wo liegen die Unterschiede zwischen Diebstahl, Raub und Betrug?

Sonja Reichel geht es vor allem um den Spaßfaktor, "weil man im trockenen Jurastudium allzu schematisch lernt". Das Quartett - erhältlich in einigen Läden und via Internet - soll einen spielerischen Zugang zum Strafgesetzbuch eröffnen. Und wenn die Inhalte en passant bei angehenden Juristen besser im Gedächtnis kleben bleiben, hat sie gar nichts dagegen.



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