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19. April 2013, 11:35 Uhr

Rechtswissenschaftler hinter Gittern

Jura-Studenten verordnen sich Knastaufenthalt

Ausgeblichene Bettwäsche, karges Essen, strenger Geruch: Anwälte und Richter wissen oft nicht, wie sich das Leben hinter Gittern anfühlt. 70 Jura-Studenten und Professoren haben sich jetzt für einige Tage selbst eingesperrt - und waren überrascht, wie hart das Gefängnis ist.

Das Essen rationiert, der Platz beengt, Eintönigkeit, Beklemmung, vor allem nachts. Durch die Zellentür sind die Schritte der Justizbeamten zu hören, ab und zu klappert ein Schlüssel, ansonsten herrscht Stille. So richtig gut hat Carolina Harbs, 23, nicht geschlafen; es war ihre erste Nacht im Gefängnis. Am Samstag wird die Jura-Studentin aus Hamburg wieder entlassen. Doch was sie hier erlebt, wird sie lange nicht vergessen. Wenn es gut läuft, wird es sie in ihrer Arbeit später prägen.

"Wenn die Tür zugeht, merkt man schon deutlich, wie klein die Zelle ist", sagt die Studentin. Für drei Tage und Nächte hat sie sich gemeinsam mit anderen angehenden Juristen in einem Oldenburger Gefängnis einsperren lassen. Bei dem Praxis-Unterricht hinter Gittern sollen die 70 Studenten und Professoren aus Hamburg, Göttingen, Greifswald und Münster den Haftalltag hautnah erleben - wie es sich anfühlt, auf engstem Raum gefangen zu sein, rund um die Uhr bewacht zu werden, kaum Kontakt zur Außenwelt zu haben. Ein außergewöhnliches Experiment.

Um 22 Uhr dreht sich der Schlüssel in der Zellentür, Wecken ist um Punkt 6 Uhr. Auf den Tisch kommt, was sonst auch im Gefängnis serviert wird. Fernsehen und Radio gibt es nicht. Ihre Handys mussten die Kurzzeit-Häftlinge abgeben. "Man bekommt schon einen Eindruck, was hier den Alltag prägt: die Routine, die Langeweile, die Einsamkeit", sagt Dennis Khakzad, 27, Doktorand aus Greifswald. Er wohnt jetzt für einige Tage auf acht Quadratmetern, spartanisch möbliert, Toilette inklusive. Ins Bett ging er hungrig: "Es ist nicht Wasser und Brot, aber auch kein kulinarischer Höhepunkt und vor allem etwas wenig."

"Das ist Vollzug light"

Das Leben im Knast ist kein leichtes - darin sind sich die Studenten schnell einig. Eine Erkenntnis, die Peter Wetzels, Professor aus Hamburg, besonders wichtig ist. "Die Studenten sollen auch das Vorurteil hinterfragen, dass der Strafvollzug möglicherweise zu soft ist." Gemeinsam mit dem Leiter der Oldenburger Haftanstalt, Gerd Koop, hat er dieses bundesweit einmalige Projekt auf den Weg gebracht. Gerade der Praxisbezug kommt nach Ansicht des Gefängnisdirektors in der Juristenausbildung zu kurz. "Man kann Recht nicht nur aus dem Gesetzbuch heraus sprechen. Es geht schließlich um Menschen", sagt er.

Tür an Tür mit echten Verbrechern leben die Studenten während ihrer Probe-Haft allerdings nicht. Seit Ende März ist der mehr als 150 Jahre alte Knast geschlossen. Die letzten Gefangenen sind vor drei Wochen in die nahe gelegene Hauptanstalt umgezogen. "Das hier ist Vollzug light", sagt Wärter Olaf Quandt. Trotzdem soll alles so authentisch wie möglich wirken. Die Studenten schlafen in der ausgeblichenen Bettwäsche, in der schon die Häftlinge lagen. Sie benutzen die gleichen Handtücher und das Gefängnisgeschirr.

Doch nicht nur das haben die Straftäter zurückgelassen. In der Luft hängt ein strenger Geruch. "Gefängnis riecht immer nach Gefängnis", sagt Wärter Quandt. Es ist eine Mischung aus Schweiß und Rauch.

"In der Zelle ist das richtig unangenehm", findet die Münsteraner Studentin Hannah Wöhrmann, 23. Sie will Staatsanwältin werden und ist sich sicher: Die Zeit im Oldenburger Gefängnis wird sie später vor Gericht immer im Hinterkopf haben. "Man bekommt mehr Respekt vor der Gefängnisstrafe."

Irena Güttel/dpa/otr

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