Jurastudium Unterlassene Hilfeleistung

Verschwundene Bücher, teure Nachhilfe und mehr Häme als Hilfe: Eine 22-jährige Jurastudentin erzählt, wie sie es trotz unfairer Kommilitonen bis zum Staatsexamen schaffte.
Von Nina Bärschneider
Studentin in der Bibliothek (Archivbild)

Studentin in der Bibliothek (Archivbild)

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpa

"Fest steht: Ich will Richterin werden. Dafür studiere ich Jura, und das Studium ist spannend, vielseitig und interessant. Aber.

Mit 17 Jahren saß ich mit 400 anderen Anfängern das erste Mal im Hörsaal. Das allgemeine Sich-verrückt-Machen begann schon nach wenigen Wochen: 'Was hast du heute gemacht?', fragte mich eine Kommilitonin per SMS. 'Nichts Besonderes eigentlich.' Sie schrieb zurück: 'Ich war neun Stunden in der Juristenbibliothek.' Neun Stunden?

Der Druck begann zu wachsen, als ich solche Antworten beinahe täglich bekam. Meine Kommilitonen erklärten das Lernen in der Bibliothek schnell zur Musterbeschäftigung, denn dort konnten sie öffentlich zeigen, wie sehr sie sich ins Zeug legten. Doch wenn ich denselben Typen morgens um acht dort sah, und er bei meinem Abgang am Nachmittag immer noch dort saß, regte sich sofort mein schlechtes Gewissen.

Ich fühlte mich wie in einem vier Jahre andauernden Wettbewerb, bei dem sich alle misstrauisch beäugten, wer wohl noch eine Stunde mehr lernte. Und wenn dann doch mal eine Party stattfand, drehte sich das Gespräch nachts um drei Uhr eben um Schadensrecht.

Dazu kam bei mir der immerwährende Druck, in der Regelstudienzeit fertig zu werden. Nur dann hat man statt der üblichen zwei Versuche für das Staatsexamen noch einen dritten - und das zählt viel, denn wenn ich das Examen nicht schaffe, war die ganze Mühe umsonst. Für den Richterberuf sollte ich mindestens neun von 18 Punkten bekommen, dann hätte ich ein Prädikatsexamen. 18 Punkte sind generell utopisch - bei der Hälfte kann man sich schon glücklich schätzen.

Man durfte nicht später als halb neun in der Bibliothek sein

Über ihre Noten und Lernmethoden bewahrten meine Kommilitonen normalerweise Stillschweigen. Fragte ich sie direkt danach, drucksten die meisten herum. Als ich einem Bekannten einmal erzählte, wie meine Klausur gelaufen war, wollte er es gar nicht glauben - noch nie hatte er einen anderen Jurastudenten so offen darüber reden hören.

In der Semestergruppe auf Facebook traute ich mich nicht, Fragen zu stellen, aus Angst vor blöden Reaktionen. Solche hatte ich schon das ein oder andere Mal mitbekommen - als eine Mitstudentin zum Beispiel etwas über einen juristischen Fall wissen wollte, war die hilfreiche Antwort: 'Wenn du nicht so viel auf Facebook surfen würdest, wüsstest du die Antwort schon.' Als ich mir vorstellte, dem Verfasser einer solchen Antwort am nächsten Tag in der Uni zu begegnen, ließ ich das Fragen lieber gleich sein. Redete ich mit Freunden aus anderen Studiengängen über Jura, waren sie überrascht: Diese schlechte Stimmung kannten sie aus ihrem Studium nicht.

Bei Hausarbeiten galt bei uns immer das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Für neue Bücher durfte man nicht später als halb neun morgens in der Bibliothek sein. Nach Mittag musste man gar nicht mehr hin, weil eh alle Plätze belegt waren. Wenn dann mehrere hundert Leute über das gleiche Thema schrieben, verschwanden Bücher auf mysteriöse Weise oder standen an ganz anderen Stellen.

Als ich für meine Hausarbeit über Bürgerliches Recht etwas nachlesen wollte, fehlten ganze Seiten. Um die Passage jedem zugänglich zu machen, veröffentlichte sie mein Professor daraufhin im Internet. Derjenige, der die Seiten herausgerissen hatte, hat sich damals bestimmt geärgert.

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In Klausuren spickt er, in Hausarbeiten plagiiert er, selbst sein Praktikumszeugnis hat er verändert: Hier berichtet ein 25-Jähriger, wie er sich durchs Studium an einer großen deutschen Uni schummelt - und warum. 

Jetzt bin ich 22 und stehe kurz vor meinem ersten Staatsexamen. Die meisten Jurastudenten gehen für die Vorbereitung ins Repetitorium, um sich dort acht Semester Lernstoff in den Kopf zu hämmern. Das dauert ein Jahr und kostet etwa 200 Euro im Monat, denn die Anbieter sind privat. Alternativ gibt es kostenlose Uni-Repetitorien, doch die privaten Repetitoren haben mehr Erfahrung und wissen genau, welche Themen wichtig sind. Leisten kann sich das natürlich nicht jeder. Bekannte von mir mussten deshalb neben dem Studium jobben. Dann noch sechs bis acht Stunden am Tag zu lernen, ist hart.

Ich nehme mir eigentlich viel zu Herzen, aber Jura hat mich abgehärtet. Man braucht dafür viel Ausdauer und ein klares Ziel. Bei mir ist das nach wie vor der Richterberuf - ich mag die Verhandlungen, den Kontakt zu Menschen, aber auch die Büroarbeit, außerdem ist es ein sicherer Job.

Vor allem aber muss man lernen, sein eigenes Ding durchzuziehen. Sich nicht ständig von anderen ein schlechtes Gewissen machen zu lassen und lieber die richtigen Leute zu finden - auch wenn man die vielleicht an einer Hand abzählen kann. Denn es gibt auch die, die helfen, ohne dafür etwas zurückzufordern. Und die auf einer Party um drei Uhr nachts über andere Dinge als Schadensrecht reden können."

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