Juristenausbildung Druck im Becken

Das Jurastudium geht seit langem völlig am Markt vorbei. Am Mittwoch haben die Justizminister eine Reform des Studiums beschlossen. Sie wollen die Juristenausbildung jetzt stärker auf den Anwaltsberuf ausrichten.


Mit dem Erfolg gingen die Probleme erst richtig los: "Oh Gott, ich hab gewonnen, und jetzt?", fragte sich die Junganwältin Brigitte Faßbender nach ihrem ersten siegreichen Zivilprozess. "Auf die ganze Abwicklung danach war ich überhaupt nicht vorbereitet."

Jurastudium in Deutschland
DER SPIEGEL

Jurastudium in Deutschland

So wie Faßbender geht es vielen jungen Rechtsanwälten. Denn das Ausbildungsziel an der Universität und im staatlichen Vorbereitungsdienst ist nach wie vor die "Befähigung zum Richteramt". Dabei gehen nur etwa vier Prozent aller Jura-Absolventen in die Justiz, aber gut zwei Drittel werden Anwälte ­ "und keiner sagt ihnen, wie's geht", weiß der Mannheimer Wirtschaftsanwalt Gerald Rittershaus aus Erfahrung. Mehr als 110 000 Advokaten sind derzeit in Deutschland zugelassen ­ doppelt so viele wie noch vor zwölf Jahren. Jährlich kommen über 6000 neue dazu. "In zehn Jahren wird es in Deutschland 160 000 Anwälte geben", schätzt Ausbildungsexperte Hartmut Kilger vom Deutschen Anwaltverein (DAV). Doch nicht die Zahl ist bedrohlich. "Wovor wir Angst haben", sagt Kilger, "ist nicht die Masse der Rechtsanwälte, sondern die Masse der schlecht ausgebildeten Anwälte." Auch Richter und Staatsanwälte beklagen bei Jungadvokaten zunehmend "fehlende Fachkenntnisse und Defizite im persönlichen Auftreten", so Richterbund-Vorsitzender Geert Mackenroth. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Doch bislang sind alle Versuche, die Misere zu ändern, gescheitert. In dieser Woche werden die Justizminister der Länder bei ihrer Konferenz in Trier einen neuen Anlauf machen: Sie wollen eine Reform der Juristenausbildung beschließen, die vor allem ein Ziel hat: eine bessere Vorbereitung auf den Anwaltsberuf. Jura als Verlegenheitsstudium,
Anwalt als Verlegenheitsberuf
An Chancen für Anwälte mangelt es nach Ansicht des DAV nicht, vor allem der Bedarf an spezialisierten Anwälten wächst. "Rechtsberatung", sagt DAV-Präsident Michael Streck, "ist immer noch ein Nachfragemarkt." Auch Berufsforscher wie der Kölner Wirtschaftsprofessor Christoph Hommerich sind davon überzeugt, dass "es immer mehr Felder präventiver Rechtsberatung gibt, wo strategisch denkende Anwälte ihren Markt finden". Umso größer ist der Druck, die Ausbildung zu reformieren. Die Anwaltschaft leidet laut Streck darunter, dass ihr Gewerbe noch immer ein "doppeltes Auffangbecken" sei: Wer nicht weiß, was er studieren soll, macht Jura. Wer nach dem zweiten Staatsexamen nichts Besseres findet, lässt sich halt als Anwalt nieder ­ egal, ob er dazu überhaupt taugt. Um eine Zulassung zu bekommen, braucht ein Bewerber praktisch nur ein Kanzleischild an seiner Wohnungstür anzubringen. Seit der Bildungsreform der siebziger Jahre "sind die Juristen von der Politik dazu missbraucht worden, die immer weiter anschwellenden Studentenzahlen abzuarbeiten", moniert der Heidelberger Rechtsprofessor Peter Hommelhoff: In keinem anderen Fach können die Länder mit so wenig Geld so viele Akademiker ausbilden, denn in keinem anderen Hochschulstudium unterrichten so wenige Professoren so viele Studenten ­ für Hommelhoff "ein politischer Skandal". Nicht einmal besondere Abiturnoten müssen Studenten der Jurisprudenz mitbringen. Seit die Studienanfängerzahlen leicht zurückgehen, greift in Jura kein genereller Numerus clausus mehr. Die Anonymität der Uni-Kurse, die übergroße Stofffülle und der Examensdruck (Durchfallquoten bis zu 46 Prozent) sorgen dafür, dass Jurastudenten wie die Lemminge zu privaten Repetitoren strömen, um sich Prüfungstechnik und Paragrafen eintrichtern zu lassen. Was die Studenten vor allem dabei lernen, höhnt der Bundesverfassungsrichter und Hochschulprofessor Wolfgang Hoffmann-Riem, sei "die juristische Lösung fiktiver Fälle anhand fiktiver Sachverhalte, also eine von der Berufsrealität der Mehrheit der Juristen weit entfernte Tätigkeit". Auch das zweijährige Referendariat, als praktische Ausbildung gedacht, ist bislang zu sehr auf die Tätigkeit als Richter zugeschnitten: Sachverhalte im Gespräch mit dem Mandanten zu ermitteln, lernt der Referendar im Normalfall ebenso wenig, wie Konflikte ohne Rechtsstreit zu lösen oder vor Gericht zu plädieren. Außen vor bleiben aber auch Kanzleiorganisation, Personalführung oder strategisches Management ­ "Fähigkeiten, die ein guter Anwalt dringend braucht" (Hommerich). "Am Ende helfen einem nur zehn Prozent dessen, was man im Studium gelernt hat, im Alltag als selbständiger Anwalt weiter", klagt die Bonnerin Susanne Riebensahm, 32, die vor sechs Monaten eine eigene Kanzlei aufgemacht hat. Der Wunschkandidat verlässt die Trampelpfade früh Zwar stellen die Justizprüfungsämter im zweiten Staatsexamen zunehmend auch Aufgaben zur Arbeit des Advokaten, in denen nicht Urteile geschrieben, sondern Verträge gestaltet und Klageschriften formuliert werden müssen, doch die Ausbildung ist darauf meist noch nicht abgestellt: In der Regel werden Rechtsreferendare nur von Richtern und Staatsanwälten unterrichtet. Wer im zweiten Staatsexamen zu den 10 bis 20 Prozent der Besten gehört, hat exzellente Aussichten, wobei nicht nur die Noten über die juristische Karriere entscheiden. Der Wunschkandidat der gut gehenden Sozietäten hat im Studium frühzeitig ausgetretene Trampelpfade verlassen, sich gezielt Professoren und Ausbildungsanwälte ausgesucht, im Referendariat für ein paar tausend Mark Fachanwaltskurse belegt und zusätzlich im Ausland studiert. "Es gibt solche Leute immer wieder", sagt der Nürnberger Anwaltskammer-Präsident Christian Bissel, "und die sind oft unglaublich fit." Den Trend wollen die Justizminister mit ihrem Reformvorhaben kräftig verstärken, allen voran der baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP) und sein nordrhein-westfälischer Kollege Jochen Dieckmann (SPD). Nach ihren Plänen
  • sollen Studium und Referendariat sich stärker an der anwaltlichen Praxis orientieren. Dementsprechend sollen Praktiker in speziellen Kursen die Bewerber lebensnah schulen, etwa in Verhandlungsführung, Streitschlichtung oder Rhetorik;
  • soll als Anwalt sich nur noch niederlassen können, wer zuvor mindestens zwölf Monate bei einem anderen Anwalt ausgebildet worden ist;
  • sollen die Unis gestärkt werden: Sie dürfen in Eigenregie Schwerpunktfächer (wie Medienrecht oder Wirtschaftsstrafrecht) prüfen, die fürs Examen mitzählen; statt Massenvorlesungen soll es mehr Examensübungen und andere Kleingruppenkurse geben;
  • soll ein Teil des Lehrstoffs schon während des Studiums und nicht erst im ersten Examen geprüft werden;
  • soll, wer das erste Staatsexamen besteht, einen akademischen Titel bekommen, etwa als "Diplom-Jurist".
Wie ein praxisnäheres Studium aussieht, können die Justizminister bereits an der Universität Heidelberg begutachten. Dort sind seit Jahren Anwälte wie Gerald Rittershaus in den Lehrplan einbezogen. Zusätzlich organisieren Dozenten und Hochschulgruppen nach US-Vorbild Prozess-Spiele, so genannte Moot-Courts, damit interessierte Studenten, so Rittershaus, auch "Mut zur Parteilichkeit" entwickeln. Einige Studenten zieht sich der ehrenamtliche Professor während des Referendariats im "Fohlenstall" seiner Sozietät als Assistenten heran ­ die Chance für die Jungjuristen, später übernommen zu werden. Für seine Kanzlei, schwärmt der Jurist, habe das nur Vorteile: "Wir kennen die Leute fachlich, sehen ihre Loyalität und wissen auch, wie sie sich nach dem fünften Bier auf dem Kanzleiausflug verhalten." DIETMAR HIPP



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