Jux-Forschung Das Sexualleben der Gummibären

Ein bisschen Spaß muss sein - sogar in der eher humorlosen Welt der Wissenschaft. Wer neugierig Dinge erforscht, spielt und albert auch gern, glauben Psychologen. Warum sonst beschäftigen sich gestandene Forscher mit den sexuellen Phantasien von Gummibärchen?

Von Mareike Knoke


Es war einer dieser Tage, an denen das Forscherpech wie ein dräuendes Unwetter aufzieht. Der Psychologe Joachim Funke und seine Kollegin Heike Gerdes hockten miesepetrig im Versuchslabor der Uni Bonn. Kein Experiment hatte geklappt, die Versuchspersonen spielten nicht richtig mit.

Gummibären-Forschung: "Die halten still und schmecken gut"
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Gummibären-Forschung: "Die halten still und schmecken gut"

"Vor lauter Frust futterten wir Gummibärchen", erinnert sich Funke, der heute Professor für Allgemeine und Theoretische Psychologie an der Universität Heidelberg ist. "Irgendwann fingen wir an herumzuspinnen: Gummibärchen sind bestimmt viel nettere Versuchsobjekte. Die halten still und schmecken gut."

"Wie eine Stoßlüftung fürs Gehirn"

Das war die Geburtsstunde der Gummibären-Forschung, an einem verregneten Novembertag vor gut 13 Jahren. Was folgte, ist Gaga-Forschung vom Feinsten: Anfangs waren es nur ein paar Psychologen-Kollegen, doch dann kamen im Internet-Portal Gummibaeren-Forschung.de im Laufe der Jahre auch immer mehr Beiträge von Ethnologen, Linguisten, Soziologen, Medienwissenschaftlern und Physikern zusammen, die sich mit Sozialverhalten, Kommunikation, sexuellen Vorlieben und Aufprallgeschwindigkeiten von Gummibärchen beschäftigten (Auszüge aus den Erkenntnissen über die sexuellen Phantasien und die Kommunikation der Gummibärchen gibt es hier).

Die Texte sind ernsthaften wissenschaftlichen Abhandlungen zum Verwechseln ähnlich, und man kann sich gut vorstellen, wie die Verfasser beim Schreiben kichernd in die Gummibärchentüte greifen. "Schade nur", sagt Funke, "dass einige Kollegen so gar keinen Spaß verstehen. Ich habe etliche böse E-Mails bekommen: Ich würde mit meinen Albernheiten meinen Berufsstand in Misskredit bringen und Steuergelder verschleudern."

Kompletter Blödsinn, findet Funke. Schließlich passiere die Nonsens-Forschung in der Freizeit. Und obendrein erfülle sie einen wichtigen Zweck: "Man bekommt durch den kleinen Spaß zwischendurch eine gesunde selbstironische Distanz zur eigenen Zunft und zur eigenen Arbeit. Das ist wie eine Stoßlüftung fürs Gehirn. Danach kann ich mich wieder mit frischem Blick an meine eigentliche Arbeit setzen."

Die Spaßguerilla der Wissenschaft

Manchmal gelingt es Wissenschaftlern, mit flott erfundenen Erkenntnissen der Fachwelt ordentlich heimzuleuchten. Ein besonders hübsches Beispiel dafür ist der "Cello-Hoden": Die britische Medizinerin Elaine Murphy veröffentlichte 1974 einen Beitrag im renommierten Fachmagazin "British Medical Journal". Demnach soll Cellospielen angeblich Hodenreizungen auslösen. Erst 34 Jahre später gestand Murphy, sie habe die Krankheit gemeinsam mit ihrem Mann erfunden - und sich damals inspirieren lassen durch einen Bericht über einen "Gitarren-Nippel", der durch Reibung des Instruments an den Brustwarzen entstehen soll.

Diese Wirkung des Humorvollen, Kontemplativen ist wissenschaftlich erwiesen, wie Rainer Holm-Hadulla, Kreativforscher und Direktor der psychologischen Beratungsstelle der Uni Heidelberg, bestätigt. Und historisch belegt ist sie auch. "Goethe betrachtete das Abschweifen und Träumen als sehr stimulierend. Und von Schiller stammt der Ausspruch: Der Mensch ist nur da Mensch, wo er spielt. Das gilt auch für Wissenschaftler. Wer neben all der konzentrierten Arbeit auch das Spielerische zulässt und die Distanz zu sich selbst, wird erleben, wie kreativitätsfördernd das sein kann", sagt Holm-Hadulla.

Was Albert Einstein zur Entspannung seine Geige war, ist anderen Wissenschaftlern die Nonsens-Forschung. Holm-Hadulla glaubt, dass Forscher besonders empfänglich für den zweckfreien Spaß sind. Denn auch Grundlagenforschung sei ja in gewissem Sinne zweckfrei: "Es geht dabei ums Erforschen, Entdecken und Sichfreuen über die Ergebnisse, auch wenn nicht sofort erkennbar ist, wo und wie die Ergebnisse zur Anwendung kommen sollen."

Dräcker, Nagelmann, Dölle - alles Lüge

Besonders beliebt scheint das Erfinden von Wissenschaftlerpersönlichkeiten zu sein. Den Verfassungsrechtler Dr. Friedrich Gottlob Nagelmann und den Psychologen Prof. Dr. Ernst-August Dölle kann man zwar problemlos googeln und unter anderem bei Wikipedia einiges über ihr bewegtes Forscherleben nachlesen.

Beide entspringen aber dem Hirn phantasievoller Forscher und sind ebenso erfunden wie die Loriotsche Steinlaus, die allerdings sogar Eingang in das Mediziner-Handbuch Pschyrembel fand. Zu solchen Phantomen gestaltete der Hamburger Designstudent Stefan Schröter vor einigen Jahren eine bemerkenswerte Diplomarbeit.

"Gute Wissenschaftler sind Nerds, Spezialisten, die in ihrer eigenen Forscherwelt leben. Im Kern bleiben sie vom Erwachsenwerden unangetastet und daher oft spielerisch und im guten Sinne weltfremd", sagt Dr. Mark Benecke. Der Kriminalbiologe ist Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher (unter anderem "Lachende Wissenschaft"), berichtet in Radio und TV über skurrile Forschung und sitzt in der Jury des "Ig Nobelpreises".

Stimmung wie beim Kindergeburtstag

"Ig" steht für "ignoble" (englisch für "unwürdig"). Der Preis wird seit 1991 Jahr für Jahr im Oktober von der Harvard University für unnütze und schräge Forschungsarbeiten verliehen. Die entstehen meistens im Dunstkreis "ernster" Forschung und sollen zum Lachen, aber auch zum Nachdenken anregen. Wie zum Beispiel die Erkenntnis, dass ein pupsender Pinguin so viel Druck produziert, dass man damit einen Autoreifen aufpumpen könnte. Ein Brüller bei der Preisverleihung.

Forscher Benecke: "Im guten Sinne weltfremd"
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Forscher Benecke: "Im guten Sinne weltfremd"

Deutsche sind bislang dünn gesät unter den Spaß-Nobelpreisträgern. Vielleicht weil ihnen noch immer der Ruf der humorlosen Teutonen vorauseilt. 2002 gelang es dem Physiker Arnd Leike - damals wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ludwig-Maximilians-Universität München, den Physik-Preis einzuheimsen: für die Demonstration, dass Bierschaum den Gesetzen des exponentiellen Zerfalls unterliegt. Das ist zwar nicht so komisch wie ein pupsender Pinguin, aber immerhin ganz lustig und aufschlussreich für die Biertrinker in der Jury.

Mark Benecke freut sich jedenfalls jedes Jahr auf die Preisverleihung: Die Stimmung bei der Feier, sagt er, gleiche immer einem Kindergeburtstag. Die Forscher treten in verrückten Kostümen auf und lachen sich tot über ihre eigene Zunft. "Nur die Kollegen aus Asien haben damit ein kleines Problem. Denn wenn ein Asiate ausgelacht wird, verliert er sein Gesicht."



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