Kafka in Kabul Warum junge Afghanen Deutsch studieren

Nicht alle Germanistikstudenten in Kabul schaffen es nach Deutschland. Aber wer die Sprache lernt, kann auf ein besseres Leben hoffen. Trina studiert jetzt in Jena - "es fühlt sich so nach Freiheit an". Und Khalil ist froh, dass er keine Papierkörbe mehr nach Bomben absuchen muss.

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Jena ist so harmlos. So sicher. Wenn Khalil Ahmad Sarbas zur Universität spaziert, steht an der Ecke eine Pommesbude und kein Panzer. Er muss sich keine Sorgen machen, dass ein Taliban in der Bibliothek unter einem Tisch hockt und sich in die Luft sprengt. Er muss die Toilettenräume nicht nach Bomben absuchen und auch die Papierkörbe im Hörsaal nicht. "Das ist ein sehr gutes Gefühl", sagt der 23-jährige Student aus Afghanistan.

An der Universität Kabul sind solche Sicherheitsvorkehrungen unverzichtbar. Seitdem vor knapp drei Jahren bei einem Anschlag an einer Hochschule im westafghanischen Herat eine Studentin ums Leben gekommen ist, sind die Kabuler Akademiker noch vorsichtiger geworden. "Die Angst ist immer da", sagt Khalil, der zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter Germanistik an der afghanischen Hochschule unterrichtet hat.

Sein Weg zur Uni führte jeden Tag an der Deutschen Botschaft vorbei. Dort, wo erst im vergangenen Januar ein Selbstmordattentäter fünf Afghanen mit in den Tod riss. "Es ist wahnsinnig schwierig, mit solchen Nachrichten fertig zu werden", sagt Sarbas.

Seit einigen Monaten ist er für das Masterprogramm "Deutsch als Fremdsprache" in Jena eingeschrieben und damit einer von sieben Germanistikstudenten von der Kabuler Universität, die ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) haben. Nach seinem Abschluss, im besten Fall nach der Doktorarbeit, will er zurück nach Afghanistan, um weiter als Dozent zu arbeiten. "Unter allen Umständen", sagt er. "Als Deutschlehrer kann ich jungen Menschen eine Zukunftsperspektive geben."

Enger Kontakt zur Bundeswehr

Wer Deutsch spricht in Afghanistan, der darf hoffen: auf einen vergleichsweise gut bezahlten Job und damit auch auf ein besseres Leben in der Krisenregion, in der das monatliche Durchschnittseinkommen unter 20 Dollar liegt.

Der Andrang auf die Studienplätze für Germanistik in Kabul wird immer stärker. "Wir müssen mittlerweile sehr vielen Bewerbern eine Absage erteilen", sagt Professor Gholam Dastgir Behbud, Leiter des Lehrstuhls. 30 Studenten kann der Professor pro Jahr annehmen, Hunderte bewerben sich. "Sie wissen, wie viele Möglichkeiten sie haben, wenn sie fließend Deutsch sprechen", sagt er. Deutsch sei eine der wichtigsten Sprachen vor Ort.

Unternehmen wie Heidelberger Druckmaschinen etwa oder Siemens haben afghanische Niederlassungen und brauchen Übersetzer. Es gibt Stellen bei den deutschen Stiftungen und bei der Isaf-Schutztruppe der Bundeswehr. "Zu den Soldaten pflegen wir sehr engen Kontakt", sagt Behbud. Viele seiner Studenten arbeiteten als Übersetzer für die Bundeswehr.

Student Khalil verfolgt mit Sorge die Nachrichten. Er hört, dass immer mehr Deutsche gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan sind und dass es in keinem Jahr so viele Anschläge gab wie 2008. In dem Konflikt verloren bisher 29 deutsche Soldaten ihr Leben. Der Bundestag hatte im vergangenen Oktober trotzdem das Mandat der Bundeswehr um weitere 14 Monate verlängert. Rund 3800 Deutsche sind derzeit in der Krisenregion stationiert. Bis auf 4500 Männer und Frauen soll die Schutztruppe aufgestockt werden.

"Für uns ist es wichtig, dass die Soldaten bleiben", sagt Sarbas. "Für den Wiederaufbau des Landes, die Stabilität und unsere Hoffnung."

Khalil zitiert gern Nietzsche

Auch Trina Shahkar, 27, die gerade ihre Germanistik-Masterarbeit in Jena abgegeben hat, arbeitete während ihres Studiums in Kabul mit den deutschen Soldaten zusammen. Die Afghanin hospitierte beim Radiosender Sada-e Azadi, den die Isaf-Truppe in Afghanistan betreibt. "Das war eines der spannendsten Dinge, die ich je gemacht habe", sagt sie. Seitdem möchte sie Journalistin werden.

Sie gehörte wie auch Khalil zu den Ersten, die in Kabul nach Ende der Talibanzeit Germanistik studierten. Zuvor, während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, war die Kabuler Universität Schauplatz heftiger Kämpfe gewesen. Nicht nur alle Unterrichtsräume waren zerstört worden, sondern auch das gesamte Lehrmaterial der Deutschabteilung. Die meisten Akademiker flüchteten ins Ausland.

Erst 2001 konnte Professor Behbud gemeinsam mit Hilfsorganisationen und dem DAAD den Lehrstuhl wieder aufbauen. "Mittlerweile sind wir recht gut mit Materialien und Computern ausgestattet", sagt Behbud. "Wir haben sogar eine gutsortierte Bibliothek."

Als Trina Shahkar und Khalil Sarbas mit ihrem Studium anfingen, gab es nur wenige und vollkommen veraltete Lehrbücher, aus denen die Dozenten für alle Studenten kopierten. "Ich spüre heute noch die Nachwehen", sagt Sarbas und lacht. "Meine deutschen Freunde fragen mich immer wieder, ob ich mich nicht weniger geschwollen ausdrücken könne. Dabei benutze ich einfach nur Sätze oder Redewendungen, die ich in Afghanistan gelernt habe - klingt vielleicht manchmal altmodisch."

Sarbas steht in Jena im Nieselregen auf dem Campus, eingepackt in eine dick gefütterte Jeansjacke und einen bunten Wollschal und wartet darauf, dass sein Kurs beginnt. Einfach mal zu Hause bleiben, weil das Wetter ungemütlich ist und das Bett so warm, so etwas gibt es bei ihm nicht. "Ich weiß sehr genau, wie privilegiert ich bin, dass ich dieses Stipendium bekommen habe und dass ich mit meiner Ausbildung später etwas in Afghanistan bewegen kann", sagt er und zitiert Friedrich Nietzsche: "Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens."

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