Kahlschlag in Niedersachsen "Good bye learning"

An Niedersachsens Hochschulen rumort es: Nach den Plänen von Wissenschaftsminister Lutz Stratmann sollen sie 40 Millionen Euro einsparen. Vor dem Aus stehen zwei Hochschulen und mehrere Studiengänge. Opposition und Studenten vermuten Vetternwirtschaft hinter den Sparplänen.
Von Marion Schmidt

Vielleicht muss man sich das so vorstellen: Da sitzt der Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) in seinem Ministerium, in der einen Hand einen roten Stift, in der anderen eine Karte von Niedersachsen. Seine Regierung hat ihm gesagt, auch in seinem Ressort müsse gespart werden, im nächsten Jahr so ziemlich genau 40,651 Millionen Euro, die solle er mal an den Hochschulen des Landes zusammenstreichen.

Er hätte es sich einfach machen können und überall nach dem guten alten "Rasenmäherprinzip" ein bisschen kürzen können. Wollte er aber nicht. Denn Stratmann hatte eine viel bessere Idee: Er will durch Sparen das ganze Hochschulsystem im Land umstrukturieren, wie er sagt. Deshalb nennt er die Kürzungen auch nicht so, sondern "Hochschuloptimierungskonzept", kurz HOK - ein echtes Wortungetüm, bürokratisch, euphemistisch. Denn optimiert wird dadurch erst mal gar nichts.

An niedersächsischen Unis spricht man daher auch eher bitter vom HEK, vom "Hochschuleliminierungskonzept". Denn vor dem Aus stehen: gleich zwei Hochschulstandorte - die Außenstelle Nienburg der FH Hannover und der Standort Buxtehude - und die Seefahrtschule in Leer. Reihenweise Studiengänge müssten aufgegeben werden, etwa Soziologie und Romanistik an der Uni Hannover sowie Medienwissenschaft an der Uni Göttingen. Die gesamte Lehrerausbildung soll von der Uni Hannover an die Uni Hildesheim verlagert und die Göttinger Rechtsmedizin geschlossen werden, an der FH Hannover zudem das Fach Bildende Kunst.

Dabei sind die Sparvorgaben auffällig ungleich auf die Hochschulen verteilt. So treffen die Einsparungen die Uni Göttingen, Wahlkreis-Heimat von Stratmanns Vorgänger Thomas Oppermann (SPD), besonders hart: Dort sollen im nächsten Jahr 12 Millionen Euro eingespart werden, fast ein Drittel der gesamten Sparsumme aller Hochschulen in Niedersachsen.

Seltsame regionale Schieflage

Dafür müssten über 300 Stellen gestrichen und mehrere geisteswissenschaftliche Studiengänge eingestellt werden. Präsident Horst Kern fürchtet, dass der guten Ruf der Uni leidet und Spitzenwissenschaftler einer "kaputtgesparten" Hochschule den Rücken kehren - oder gar nicht erst kommen.

Warum ausgerechnet die traditionsreiche Georgia Augusta so stark bluten soll, darüber wundert man sich nicht nur in Göttingen. Auch die Opposition im niedersächsischen Landtag argwöhnt, dass etwa Osnabrück und Oldenburg nur deshalb mit einem blauen Auge davon gekommen seien, weil aus den Städten der Ministerpräsident Wulff und sein Wissenschaftsminister Stratmann kämen.

Der bedrohte Standort Nienburg etwa habe nur eine einzige Schwäche, meint die SPD-Hochschulexpertin Gabriele Andretta: "Dort wohnt kein Minister." In Niedersachsen versteht sich Hochschulpolitik demnach als lokale Wirtschaftsförderung nach Parteidünken.

Die Hochschulen wehren sich nach Kräften

"Provinzielles Denken" wirft dem Ministerium auch Marietta Fuhrmann-Koch von der Uni Göttingen vor. Dort sollen die Agrar- und Forstwissenschaften gestrichen werden, laut HOK nicht genug ausgelastet und obendrein schlecht bewertet.

Fuhrmann-Koch hält dagegen, dass mit veraltete Zahlen gearbeitet worden sei: Die Bereichen seien zu 65 bis 75 Prozent ausgelastet, im übrigen mit vielen ausländischen Studenten, die von der frühzeitigen Umstellung des Studiengangs auf Bachelor und Master profitieren würden. Außerdem sei der Fachbereich einer der drittmittelstärksten an der Uni. "Man kann sich doch nicht danach richten, wie viele Förster es in Niedersachsen geben soll - wir bilden für die ganze Welt aus!".

Auch anderswo raufen Rektoren und Professoren sich die Haare. "Das Land ist wie ein Chirurg, der am Körper Uni überall was abschneidet und von dem verstümmelten Rest noch erwartet, das er besser lebt als vorher", schimpft Jochen Brinkmann von der TU Clausthal. Dort soll allein 2004 jede zehnte Stelle wegfallen, in den folgenden Jahren noch mal genauso viele: weg mit dem Fach Bergbau, die Geowissenschaften deutlich kleiner.

"Sollen wir Professoren vergiften oder erschießen?"

Doch viele Vorgaben lassen sich laut Uni-Sprecher Brinkmann überhaupt nicht umsetzen, weil auf den strittigen Lehrstühlen Hochschullehrer mit einer Lebenszeitstelle sitzen: "Wir können die Professoren doch nicht vergiften oder erschießen, damit die Stellen frei werden."

An den Kragen gehen könnte es daher vor allem dem akademischen Mittelbau, den studentischen Hilfskräften und den Bibliotheken, fürchtet auch Daniel Flore vom Asta der Uni Göttingen. Die Studenten sind wütend und rüsten für landesweiten Protest. Am 12. November soll es eine Groß-Demo in Hannover geben. Schon jetzt gibt es Schmalzbrote für den Minister, Fasten für die Bildung und reichlich Mahnungen ("Good bye learning?").

In Göttingen entrollten aufgebrachte Studenten ein 250-Quadratmeter großes Plakat am höchsten Uni-Gebäude: "Hier verspielt die Landesregierung Niedersachsens Zukunft". Und Stratmanns Vorgänger Oppermann, der einst selbst Jura in Göttingen studiert hat, lässt derweil von seiner Homepage aus Protest-E-Mails an sein ehemaliges Ministerium schicken, in denen er den Stopp der Sparpläne fordert und sich "für eine starke Uni Göttingen" einsetzt.