Kalorienbombe Berliner Studenten bewerfen Politiker mit Sahnetorten

Als Berliner Studenten am Freitagnachmittag mit Politikern diskutierten, hatten einige Gebäck im Gepäck: Auf Wissenschaftssenator Thomas Flierl, dem TU-Präsidenten und einem SPD-Politiker landeten Sahnegeschosse.


Senator Flierl: Kürzungen mit Sahnehäubchen
DDP

Senator Flierl: Kürzungen mit Sahnehäubchen

Im Audimax der Technischen Universität (TU) Berlin diskutierte am Freitagnachmittag das Kuratorium vor großem Publikum über den Anwendungstarifvertrag für wissenschaftliche Angestellte. Zum Ende startete eine kleine Gruppe von Studenten eine Wurfattacke: Sie bewarfen den Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS), TU-Präsident Kurt Kutzler, den SPD-Abgeordneten Christian Gaebler sowie andere Kuratoriumsmitglieder mit Sahnetorten.

Die TU erstattete Strafanzeige. Uni-Präsident Kutzler kritisierte die Aktion scharf und entschuldigt sich bei allen Betroffenen im Namen der gesamten Universität. Er appellierte an alle Studierenden, "Gewaltaktionen keinen Raum zu geben und entschieden dagegen vorzugehen".

Aber bitte ohne Sahne

Seit einigen Wochen protestieren Berliner Studenten gegen geplante massive Kürzungen an den Hochschulen und legten den Betrieb an den drei größten Hochschulen - Freie Universität, Technische Universität und Humboldt-Uni - teilweise lahm. Daneben besetzten sie unter anderem das Büro von Senator Flierl, die Parteizentralen der PDS und der SPD sowie Redaktionen.

Protest-Aktivisten: Besetzten das Flierl-Büro
AP

Protest-Aktivisten: Besetzten das Flierl-Büro

Auch die Uni-Präsidenten bekamen mehrfach den Zorn der Studenten zu spüren. Die Leiter der FU und der Humboldt-Uni hatten den Hochschulverträgen mit Kürzungen von 75 Millionen Euro bis 2009 zugestimmt, TU-Präsident Kutzler allerdings seine Unterschrift verweigert.

Ein Sprecher des Koordinationsbüros der TU-Studenten distanzierte sich von der Torten-Aktion. Dabei habe es sich um eine Einzeltat gehandelt, die nicht abgesprochen gewesen sei: "Das ist nicht unsere Art, Diskussionen zu führen."

Auch Senator Flierl verwahrte sich gegen die drastische Protestform. "Derartige Aktionen bergen die Gefahr weiterer Eskalation", so der PDS-Politiker, "sie schaden der hochschulpolitischen Auseinandersetzung" und seien weder im Interesse der TU noch der Studenten. Diese hätten sich schließlich "mit ihren friedlichen und fantasievollen Protestformen öffentliche Aufmerksamkeit und Respekt erworben".

Nachdem es nach der Weihnachtspause zunächst so aussah, als seien die Berliner Studenten streikmüde, sind die Proteste diese Woche wieder aufgeflammt. So demonstrierten am Freitag Physikstudenten der FU im Reichstagsgebäude friedlich gegen die Einsparungen. Mit ihrem Professor hielten sie unter anderem physikalische Experimente mit Flaschen, Wasserbällen und Klopapierrollen in den Aufgängen unter der Reichstagskuppel ab.

Weil die Aktionen bisher wenig bewirkt haben und keine echten Zugeständnisse der Politik erkennbar sind, suchen einige Studenten jetzt offenbar nach rustikaleren Formen. Attacken mit Nahrungsmitteln haben in Berlin eine gewisse akademische Tradition. Legendär ist zum Beispiel das "Pudding-Attentat" der Kommune 1: Die studentische Wohngemeinschaft plante 1967 einen Nachspeisen-Wurf auf den damaligen amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey. Der Plan flog auf, die Verschwörer wurden festgenommen - bis herauskam, dass es sich beim Geschoss lediglich um Quark und Pudding statt um Sprengstoff handelte.



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