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08. Juni 2012, 14:13 Uhr

Massenproteste in Québec

Eine Stadt sieht rot

Aufstand in Montreal: Aus Studentendemos gegen steigende Gebühren hat sich eine veritable Demokratiebewegung entwickelt. Die deutsche Doktorandin Anna Sigg ist dabei und erklärt, warum sie täglich mit dem Kochlöffel auf einen Topf einschlägt und was sie und die Québecer so zornig macht.

Während es blitzt, donnert, regnet und Schirme davon fliegen, tanzen und singen Tausende Menschen auf den Straßen von Montreal. Studenten, Kinder, Eltern - Menschen aller Bildungsschichten. Sie skandieren: "Wem gehören die Straßen? Sie gehören uns!"

Jeden Abend um 20 Uhr ziehen seit bald zwei Wochen meine kanadischen Kommilitonen und ich selbstbewusst durch unser Stadtviertel, das Plateau Mont Royal, um zu demonstrieren. Wir schlagen täglich mit Kochlöffeln auf Teller und Töpfe, um durch musikalische "casserole protests" unsere Solidarität mit den Studenten auszudrücken. Sie demonstrieren seit Monaten in Québec, denn die Regierung plant die Studiengebühren in den kommenden sieben Jahren jährlich um 254 kanadische Dollar (etwa 195 Euro) zu erhöhen.

Im Februar begannen die Studenten mit Politikern über die geplante Erhöhung zu verhandeln, wobei der Premier sie zuletzt in der vergangenen Woche abgebrochen hat. An manchen Unis blies der Wind der Revolution von Anfang an heftig, an anderen wehte nur ein laues Lüftchen. An meiner Universität in Montreal habe ich damals noch relativ wenig davon mitbekommen. Die Vorlesungen und Seminare gingen ganz geregelt weiter und einige meiner Kommilitonen schauten eher apathisch auf die Pläne der Regierung.

Studenten wissen nicht, ob sie ihren Abschluss schaffen

Mein Eindruck ist, dass sich die Studenten an den englischsprachigen Universitäten generell etwas weniger an den Protesten beteiligen. Die Québecer hingegen gingen schon in den sechziger Jahren, bei der Révolution tranquille, der stillen Revolution, auf die Straßen, damals ging es um den Einfluss der Kirche auf Staat und Gesellschaft. Seit Jahren protestieren Studenten in Québec gegen jegliche Erhöhung der Studiengebühren. Meiner Meinung nach ist das der Grund, warum die Gebühren in dieser Provinz im Vergleich noch relativ niedrig sind.

Viele meiner Kommilitonen haben Angst, dass sie keinen Schein in ihren Kursen bekommen, ich als Doktorandin bin davon zum Glück nicht betroffen. Einige Universitäten haben das Semester verlängert, andere Studenten wissen nicht, wann und ob sie ihren Abschluss rechtzeitig machen können.

Anfangs hatte keiner gedacht, dass der Streik über Monate anhalten würde. Momentan spitzt sich die Lage eher zu, als dass sie sich beruhigen würde. Kürzlich hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das die Versammlungsfreiheit, die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht stark einschränkt. Das zehnseitige neue Gesetz schreibt Organisatoren von Demonstrationen mit mehr als 50 Teilnehmern unter anderem vor, dass sie der Polizei mindestens acht Stunden im Voraus die geplante Proteststrecke mitteilen. Zudem hat die Stadt Montreal eine neue Verordnung erlassen, die es Demonstranten verbietet, sich zu vermummen. Seitdem verhüllen sich nicht nur die Mitglieder des Schwarzen Blocks, sondern auch friedliche Studenten. Zudem habe ich das Gefühl, dass mit dem neuen Gesetz Demos nur noch in unbelebten Gegenden genehmigt werden. Dort bekommen sie natürlich wesentlich weniger Aufmerksamkeit.

Was bedeutet Demokratie?

Die Politik hat uns Studenten mit dem Gesetz aber keineswegs ruhiggestellt. Im Gegenteil: Zahlreiche Anwälte fechten es an und bei den vergangenen Demonstrationen liefen auch immer mehr nichtstudentische Bürger, Eltern, Angestellte, Freiberufler mit, andere standen auf ihren Balkonen und schlugen auf Töpfe und Pfannen. Es protestierten sogar Menschen mit, die eine Erhöhung der Studiengebühren befürworten. Während es ursprünglich bei den Demos und die Studiengebühren ging, geht es inzwischen um mehr: Was ist uns Bildung wert, und was bedeutet Demokratie?

Am meisten erstaunt mich der Kontrast zwischen den Erfahrungen, die ich als friedliche Demonstrantin mache, und den Berichten in kanadischen Medien. Wenn ich nicht selbst bei Demonstrationen dabei gewesen wäre, würde ich mich wahrscheinlich nicht aus dem Haus wagen - so brutal erscheinen die Proteste der Studenten in den Berichten.

Dabei sind die große Mehrzahl der Demonstranten weder verwöhnte, radikale Anarchisten, noch sind sie an körperlichen Konfrontationen interessiert. Es kam zwar in den vergangenen Wochen tatsächlich zu gewaltsamen Ausschreitungen, aber meist steckten keine Studenten dahinter, sondern Mitglieder des Schwarzen Blocks.

Auf der anderen Seite versucht die Polizei seit Monaten mit Gewalt, die Proteste zu ersticken. Sie umzingeln Studenten und setzen Tränengas ein, Gummiknüppel und Rauchbomben. Einige Kommilitonen nehmen deswegen nicht an Demos teil - aus Angst vor der Polizei - besonders seitdem zwei Studenten bei Demos ihr Auge verloren haben. Andere können sich auch etwas Schöneres vorstellen, als die Nacht auf der Polizeistation zu verbringen. Hunderte Demonstranten, die sich fast alle friedlich verhalten haben, wurden kürzlich festgenommen. Warum? Weil sie bei einer Demonstration teilgenommen haben, die nicht genehmigt wurde.

Dabei tritt das ursprüngliche Ziel der Studentenbewegung oft in den Schatten. Bildung ist nicht käuflich, Universitäten sollten nicht kommerzialisiert werden und Demokratie wird nur durch Chancengleichheit realisiert. Viele meiner kanadischen Kommilitonen haben schon jetzt mehr als 50.000 kanadische Dollar (rund 40.000 Euro) Schulden. Meine Kommilitonen sehen die Erhöhung der Studiengebühren als eine Schranke, die nur Privilegierten den Zutritt zur Universität erlaubt.

Meine Kommilitonen sind noch friedlich gestimmt, aber andere Demonstranten sind entschlossener denn je. Montreal liegt in Flammen: Die "casserole"-Proteste dehnen sich täglich auf mehr Stadtbezirke aus. Unsere roten quadratischen Aufnäher am Revers, dem Zeichen der Studentenbewegung, sind mittlerweile ein Symbol der Demonstrationsfreiheit geworden. Wir werden jede Nacht mit Kochlöffeln auf unsere Töpfe trommeln, bis die Regierung wieder mit uns redet.

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