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03. August 2010, 06:21 Uhr

Kanadas Militär-Hochschule

Nicht für die Uni, für den Krieg lernen wir

Aus Kingston, Kanada, berichtet Christian Salewski

Die USA haben West Point, die Briten haben Sandhurst - Kanada hat das Royal Military College. Auf der Militär-Uni in Kingston lernen Jung-Offiziere das Kriegshandwerk. Militärischer Drill geht hier über alles.

Mitten auf dem Campus friert Thomas Huet plötzlich ein. Von der anderen Seite des Platzes kommt eine Professorin auf ihn zu. Als er sie sieht, stockt sein Blick, er drückt das Kreuz durch und presst den linken Arm an die Hosennaht. Eigentlich hat er es eilig. Er ist spät dran für sein nächstes Seminar. Doch er steht da, so steif, als hätte ihm jemand Stahlstreben durch den Körper gezogen.

Dann, die Professorin ist ganz nah, schnellt seine Rechte nach oben. Er drückt die Brust nach vorne und legt die flache Hand im steilen Winkel an die Schläfe. Hunderte Male hat er die Bewegung geübt. Jetzt muss sie sitzen. Die Professorin geht vorbei, ohne ihn groß zu beachten. Sie ist es gewöhnt, dass ihre Studenten vor ihr salutieren.

Seit zwei Jahren studiert Thomas Huet nun Space Science, also Luft- und Raumfahrttechnik. Aber vor allem lernt Huet, was es heißt, Soldat zu sein. Der 19-Jährige ist Offizieranwärter bei der kanadischen Air Force. Und wie alle kanadischen Offiziere muss auch er jene Institution durchlaufen, in der seit 1876 Kanadas militärische Elite herangezüchtet wird: Das Royal Military College of Canada (RMC) in Kingston, Ontario, auf halbem Weg zwischen Toronto und Montreal.

Drill, wenig Schlaf - und dazwischen grottenlangweilige Militärgeschichte

Das RMC ist für Kanada, was West Point für die USA und ihr Militär ist. Als militärische Kaderschmiede ist das RMC malerisch auf einer Landzunge im Lake Ontario gelegen. Hier, wo sich der Rideau River in den See ergießt, wird seit 134 Jahren neben wissenschaftlichem Inhalt und militärischem Drill auch der Habitus des kanadischen Offizierskorps eingeübt. Die jungen Männer und Frauen, die heute hier studieren, sollen morgen Kanadas Armee befehligen und um dieses Ziel zu erreichen, unterwerfen sie sich einem strengen Regiment: Wahrhaftigkeit, Pflicht, Tapferkeit, das sind die offiziellen Werte, die jedem Studenten am RMC eingebläut werden. Thomas Huet sagt: "Ich teile diese Werte aus Überzeugung."

Wenig später sitzt er in einem engen, fensterlosen Raum. Er hat es noch rechtzeitig geschafft zu seinem Kurs über die Geschichte der kanadischen Streitkräfte, eine Lehrveranstaltung, die alle angehenden Offiziere belegen müssen, egal welches Fach sie studieren. Heute geht es um die kanadische Marine im Kalten Krieg. Vorne wirft ein stiernackiger Major Fotos von diversem Kriegsgerät an die Wand und erläutert, wann und warum die Nato gerade diese Waffensysteme benötigt hat und was die Sowjets dem entgegen zu setzen hatten. So geht es Folie um Folie. Der Geschichtsunterricht ist sehr techniklastig. Man könnte auch sagen grottenlangweilig.

Thomas Huet hockt in der ersten Reihe und kämpft mit der Müdigkeit. Um kurz vor sechs hat sein Wecker geklingelt, wie üblich. Mehr als fünf Stunden Schlaf bekommt er selten. Wie jeden Tag hat er sich rasiert, sein Bett gemacht und die schwarze Uniform mit den roten Streifen an der Hose angelegt. Dann ist er rüber in die Messe, einen lang gezogenen Speisesaal, dessen Decke sich kuppelförmig zwischen achteckigen Säulen aufspannt, und hat sich zum Frühstück etwas wabbeliges Rührei, einen halbfertigen Toast und eine kaffeeähnliche Brühe genehmigt. Um halb Sieben stand er vor seiner Stube bereit zum Appell wie an jedem anderen Tag.

"Freizeit" von 23 Uhr bis 6 Uhr morgens

Das Leben der Rekruten ist akribisch durchstrukturiert: Akademischer Unterricht, militärischer Drill, Sport. Dazu kommt noch Sprachunterricht, denn im bilingualen Kanada muss jeder Offizier beides können, Englisch und Französisch. Erst ab 23 Uhr haben die Kadetten wieder Freizeit, aber die geht meist fürs Lernen drauf.

Die fehlenden Stunden in der Nacht rächen sich jetzt im bunkerartigen Seminarraum, in dem die Luft immer schlechter wird. Thomas Huet versucht trotzdem, interessiert zu wirken. Denn Interesse gehört zur Haltung eines kanadischen Offiziers, wie er später erklärt. Huet grüßt stets mit einem Lächeln, er hält jedem die Tür auf und wenn er doch einmal gähnen muss, dann hinter vorgehaltener Hand. Gerade erzählt der Major etwas von einer ehedem neuen Klasse von Kriegsschiffen, angeschafft anno 1951. Man hört den Stolz in seiner Stimme, als er sagt: "Von Kanadiern erfunden, von Kanadiern gebaut." Huet nickt ihm aufmunternd zu, als ihre Blicke sich treffen.

Wenn es um die großen internationalen Konflikte geht, um Krieg und Leid, dann denkt man nicht unbedingt an die kanadische Armee. Dabei haben Kanadier in beiden Weltkriegen gekämpft, im Kalten Krieg kam dem riesigen Land mit Arktiszugang eine Schlüsselrolle zu und auch heute stehen Huets Kameraden an vorderster Front. In Kandahar im Süden Afghanistans kämpfen sie gegen die Taliban und zahlen dabei einen hohen Blutzoll. 151 kanadische Soldaten sind bereits in Afghanistan gefallen. Auf dem großen Appellplatz vor dem Hauptgebäude des RMC weht die Flagge in trauriger Regelmäßigkeit auf Halbmast.

Sobald Thomas Huet morgens aus seiner Stube tritt, die er sich mit einem Mitstudenten teilt, blickt er in die Gesichter jener 151 gefallenen Kameraden. Die Studenten am RMC sind in so genannten Squadrons organisiert, je 70 Kameraden bilden eine solche Staffel. Huets Squadron hat im Flur des Wohntrakts eine "Heroes Corner" eingerichtet. Auf roter Pappe kleben dort die die Fotos der Gefallenen, darunter auch Absolventen des RMC. "Natürlich beschäftigt uns Afghanistan", sagt Huet. Und die vielen Gefallenen? "Das Risiko gehört zum Beruf, aber es geht darum, kanadische Werte im Ausland zu vertreten." Der Afghanistan-Einsatz, er scheint den Studenten am RMC wie eine ferne Realität. Aber sie kann schnell sehr nahe kommen.

"Bei den Kanadiern ist die Afghanistan-Diskussion präsenter"

Anthony Seaboyer weiß, wie wichtig es den angehenden Offizieren ist, sich mit dem Krieg in Afghanistan auseinanderzusetzen. Der Deutsch-Kanadier Seaboyer, Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, unterrichtet als Gastdozent am RMC einen Kurs in Staatsbürgerkunde. "Auch wenn die Kanadier 2011 mit dem Abzug beginnen wollen: Die Studenten wollen wissen, was es mit dem Einsatz auf sich hat, wie er sich entwickelt und natürlich, was er für sie persönlich bedeutet", sagt er.

Eine Beobachtung, die auch Nils Müller gemacht hat. Der 23-jährige Leutnant zur See hat im vergangenen Herbst an der kanadischen Kaderschmiede studiert, im Rahmen eines Austauschprogramms mit der Bundeswehr-Universität in Hamburg. "Die Diskussion um den Afghanistaneinsatz findet bei uns genauso statt, aber in Kanada ist sie präsenter", sagt er. Er meint, das liege auch an der unterschiedlichen Organisation der Offiziersausbildung. "In Deutschland hat man die militärischen Anteile vor dem Studium. Am RMC schlägt das Militärische ja durch bis in die Lehrveranstaltungen." Tatsächlich leben Bundeswehrsoldaten während ihres Studiums, anders als die kanadischen Kameraden, ein beinahe ziviles Leben. "Wir haben nur einmal in der Woche militärisches Training, also etwa marschieren und schießen", erklärt Müller. Auf dem Campus des RMC hört man hingegen täglich die Salven vom nahe gelegenen Schießstand.

Inzwischen ist es Abend geworden und die tief stehende Sonne taucht den Lake Ontario in ein flammendes Orange. Thomas Huet schlendert über den Campus, der für weitere zwei Jahre sein Zuhause sein wird. Er ist auf dem Weg zum Wasserball-Training. Der Weg führt ihn vorbei an einigen ausgemusterten Panzern und Kanonen, die hier wie in einem Freilichtmuseum ausgestellt sind. "Wir haben traditionell eine Rivalität mit den US-Offizieranwärtern", erklärt Huet. "Bei Sportwettkämpfen treten wir regelmäßig gegeneinander an und in den letzten Jahren haben immer wir gewonnen." Direkt am See steht ein Torpedo auf Stahlstützen im Gras. Er zielt nach Süden, in Richtung West Point, USA.

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