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Karneval auf Kölsch: Fundament als Basis der Grundlage

Foto: Christian Knieps

Kulturschock Kölner Karneval "Ihr habt ja nix zum Anstoßen!"

Alaaf für einen Ami: Manuel Heckel macht den amerikanischen Studenten Jourdan in einer Karnevalsnacht zum echten Jecken - verkleidet ihn, zahlt das Bier und bringt ihn zu einer Prunksitzung. Unglaublich, findet der Gast.

18.11 Uhr: Die ersten Meter im Kostüm sind die schwersten. Zögernd ziehe ich die Haustür hinter mir zu. In Lederhose und Trachtenhemd durch den Norden von Köln, das fühlt sich derzeit noch nicht richtig an. Wir befinden uns in einer komplizierten Phase des Karnevals, dem Warm-up. Bald ist wieder die halbe Stadt verkleidet, im Moment aber spielt sich das meiste noch hinter verschlossenen Türen ab, in Sitzungen mit straffem Programm und Büttenreden wie auf einem Parteitag.

Ich wohne seit sieben Jahren in Köln, mit dem Straßenkarneval habe ich mich angefreundet. Aber dieser in Konferenzsälen organisierte Spaß ist mir suspekt, das scheint etwas für Einheimische zu sein. Mal sehen, ob ich bereit bin für den nächsten Schritt. Zur Verstärkung habe ich Jourdan eingeladen, einen amerikanischen Freund. Dann gibt es jemanden, der das alles noch weniger kennt. Jourdan kommt aus New Mexico und lernt seit einem halben Jahr Deutsch. Heute gibt es für ihn also einen Zusatzkurs in Kölsch: nicht nur sprachlich, sondern auch an der Biertheke.

Autor Heckel (l.) und sein amerikanischer Freund Jourdan auf dem Weg zum organisierten Spaß

Autor Heckel (l.) und sein amerikanischer Freund Jourdan auf dem Weg zum organisierten Spaß

Foto: Christian Knieps

19.00 Uhr: Jourdan ist da - in schwarzer Hose und Kapuzenpullover. Das geht so nicht. Also auf zum Kostümshop "Deiters" in der Nähe des Heumarkts, zwei Etagen vollgestopft mit Verkleidungen. Jourdan zeigt irritiert auf eine Ehrenuniform einer Karnevalsgesellschaft, die aussieht wie die Soldatenkluft von Friedrich II. "Wer trägt denn so was?", fragt er.

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Sein Favorit ist lange ein silbrig glänzender Anzug, aber dann sieht er das Preisschild. Am Ende entscheidet er sich für den Klassiker: ein Piratenkostüm mit roter Weste, Hose und Dreispitz. Anschließend essen wir in einem libanesischen Restaurant in der Altstadt. Es gibt Brechbohnen mit Lammgulasch, Zwiebeln und Knoblauch, gekocht in Tomatensoße. Alte Karnevalsweisheit: "Beim Trinken ist das Fundament die Basis aller Grundlagen."

Ohne Verkleidung geht gar nichts: Ein Narr im Kostümshop "Deiters"

Ohne Verkleidung geht gar nichts: Ein Narr im Kostümshop "Deiters"

Foto: Christian Knieps

20.00 Uhr: In den Messehallen auf der rechten Rheinseite bauen Handwerker eine Möbelausstellung auf, im Kongresszentrum daneben ist Karneval im Akkord. Wir sind im "Kristallsaal", der in den Wochen vor Aschermittwoch beinahe täglich von Karnevalsgesellschaften belegt ist. Heute hat die "Bürgergarde blau-gold" zur Prunk- und Kostümsitzung geladen: fünf Stunden Musiker, Tanzgruppen, Redner. Etwa tausend Menschen hocken eng gedrängt an Biertischen. Unser Platz ist ganz hinten in der Ecke, und wir kommen als Letzte. Rechts von uns ein Ehepaar in Abendgarderobe, er skeptisch, sie voller Vorfreude. Links von uns ein kölscher Clan, vollständig kostümiert, offenbar Karnevalsprofis. Wir sitzen kaum, da ruft das Familienoberhaupt: "Ihr habt ja nix zum Anstoßen!" Kurz darauf sitzen wir vor zwei randvollen Gläsern Kölsch, müssen aber schon bald Nachschub ordern: Wir kaufen direkt ein überteuertes Fünf-Liter-Fässchen für 50 Euro.

Einmarsch in den Kristallsaal: Fast jeden Abend feiert dort eine andere Gesellschaft

Einmarsch in den Kristallsaal: Fast jeden Abend feiert dort eine andere Gesellschaft

Foto: Christian Knieps

20.20 Uhr: Die erste Band kommt auf die Bühne. Jourdan muss sich konzentrieren, aber die Textzeilen bleiben hängen: "Wir sind Kölsche aus Kölle am Rhing." Jourdans Nachbarin hat ihn unter ihre Fittiche genommen, erklären kann sie ihm die Zeilen jedoch nicht. Der nächste Vers, den er aufschnappt, ist einfacher: "Wir sind Kölle - wir sind supertolerant".

21.30 Uhr: Ich gebe Jourdan eine kleine Einführung. Erklärt man die Bräuche auf Englisch, klingt alles noch absurder. Es gibt ein Dreigestirn, bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau, das während der Karnevalszeit über die Jecken herrscht und repräsentative Aufgaben erfüllt. Was heißt Dreigestirn auf Englisch? Mein Vokabular stößt an seine Grenzen. Gerade waren die drei kurz auf der Bühne. Schwer zu erkennen von den billigen Plätzen, auf denen wir sitzen. "Die Jungfrau ist auch ein Typ?", fragt Jourdan. So ist es.

Schunkeln mit dem Amerikaner: "Unglaublich, wie die Leute abgehen", sagt Jourdan

Schunkeln mit dem Amerikaner: "Unglaublich, wie die Leute abgehen", sagt Jourdan

Foto: Christian Knieps

21.35 Uhr: Jetzt schunkeln alle. Arm in Arm mit den Tischnachbarn, im Takt nach rechts und links. Warum? Wieso? Egal. Zwei Damen haben Jourdan schon fest im Griff. Auf der Bühne tritt jetzt der Komiker Guido Cantz auf, diese wasserstoffblonde Grinsekatze. Ich erspare es Jourdan, die Gags zu übersetzen.

22.45 Uhr: Pause. Das kölsche Clan-Oberhaupt sorgt sich um meinen amerikanischen Gast: Ob es ihm auch gefällt? Kurzer Blick über den Tisch: Ja, das tut es. "Ich verstehe nur ungefähr ein Drittel", sagt Jourdan, "aber es ist unglaublich, wie die Leute abgehen." Das steigert sich noch, als kurz danach die Band "Querbeat" auftritt, die Pauken und Trompeten mitbringt und Karnevalshits mit Sambarhythmen mischt. Wieder Zuprosten quer über die Tische, Schunkeln und Mitsingen, so gut es geht. "So eine enge Kameradschaft unter Fremden, das würde es bei uns nicht geben", sagt Jourdan.

23.15 Uhr: Das Fässchen ist leer. Noch mal 50 Euro für fünf Liter? Wir entscheiden uns dagegen. Lieber zwei Stunden auf dem Trockenen sitzen und unsere Portemonnaies schonen.

Die Polizei ist auch schon da: Kölsche Jecken machen auf US-Cops

Die Polizei ist auch schon da: Kölsche Jecken machen auf US-Cops

Foto: Christian Knieps

01.20 Uhr: Die Sitzung ist vorbei und, nun ja, die Karawane zieht weiter. Wir folgen einfach den kostümierten Menschen, die werden es schon wissen. Bald landen wir im Hotel Pullman beim Friesenplatz, einer sicheren Adresse. Sobald die Sitzungen in den Kongresszentren zu Ende sind, kommen hier Busladungen von Karnevalisten an. Das Hotel ist sozusagen der Königshof: Hier wohnt das Dreigestirn. Noch sind die hohen Herrschaften nicht da, also drängeln wir uns zwischen Ehrengardisten und Tanzmariechen an die Theke. Neben mir ordert jemand ein ganzes Tablett voller Longdrinks und zahlt mit Kreditkarte. Wir bleiben beim Bier und schauen uns um. Eine Frau trägt ein sackförmiges, nachtblaues Kostüm mit aufgenähten goldenen Sternen und Monden. Um den Hals hängt ihr eine Tafel mit der Aufschrift "Schlafzimmer". Kostüme, die eine Erklärung brauchen, sind meistens nicht so gut. Etwas sehnsüchtig blickt das Schlafzimmer auf den Prinzengardist in Gardeuniform, der neben ihr mit einer Frau Mitte vierzig anbandelt. Die trägt ein sehr kurzes, schwarzes Kleid. Und kein Schild um den Hals.

02.35 Uhr: Zigarettenpause vor dem Hotel, Zeit fürs Fazit. In Zukunft bleibe ich wohl beim Straßenkarneval, da ist weniger Sitzung und mehr Freiheit. Jourdan ist immer noch amüsiert, ich glaube, ihm gefällt das alles ganz gut. Dann fährt eine Wagenkolonne vor. Das Dreigestirn kommt nach Hause. Um uns herum wird es eng, deshalb beschließen wir zu gehen. Das Piratenkostüm trägt Jourdan mittlerweile mit großer Selbstverständlichkeit. Auch noch im McDonald's am Hauptbahnhof, wo vor allem das normale, nicht verkleidete Partyvolk betrunken auf den Sitzbänken hängt. "Komischer Hut", sagt eine Britin im Vorbeiwanken. "Schöner Akzent", antwortet Jourdan. Was soll man auch sagen, zu Leuten von außerhalb.

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Foto: Alexandra Polina
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