Katastrophenhilfe studieren Master of Disaster

Die Erde bebt, Bürgerkriege flammen auf, immer tiefer bohren die Ölmultis: Katastrophenhelfer ist ein Zukunftsjob, so makaber es klingt. Ein Studiengang in Kopenhagen bereitet Studenten darauf vor - und auf harte Entscheidungen. Wann lohnen sich Rettungsversuche? Wen muss man sterben lassen?
Von Nicole Basel

Im Prinzip, sagt Peter Kjaer Jensen, ist die Aufgabe ganz einfach, auch wenn sie sich kompliziert anhört. "Errichten eines Defäkationsfeldes" steht auf dem Lehrplan. "Ihr sollt ein Feld bauen, wo die Menschen scheißen können", sagt Jensen und lacht. Die Studenten lachen nicht. Sie finden es nicht mehr lustig, dass ihr Dozent andauernd "scheißen" sagt, auch wenn er Hygieneexperte ist.

Zwar hantieren sie derzeit nur mit ein paar Stäben und Seilen herum, auf einer Wiese vor der Uni in Kopenhagen. Doch der Ernstfall wäre dramatisch. Wie konstruiert man zum Beispiel ein Notfallklo für 20.000 Flüchtlinge, und das schnell? Jensen, ein Mann in Flipflops, mit blonden Strubbelhaaren und schelmischem Grinsen, macht Druck. "Hier warten 20.000 Leute. Die fangen gleich an, überall hinzumachen."

Das wäre eine Katastrophe, und mit Katastrophen sollen die Studenten umzugehen lernen. Manche von ihnen haben es schon zu Hause erlebt: wie es ist, wenn Naturgewalten sich Bahn brechen, wenn Menschen rennen, flüchten, gerettet werden müssen. Figueiredo aus Mosambik war für seine Regierung bei Dürren und Überflutungen im Einsatz. Abdullah, Arzt aus Kenia, half daheim in den riesigen Camps, in denen somalische Bürgerkriegsflüchtlinge hausten. Christian ist auch Arzt und für die dänische Armee in Afghanistan unterwegs.

Gute Führung ist alles in Krisensituation

Ein Jahr lang arbeiten sie auf ein gemeinsames Ziel hin: Sie wollen Master of Disaster werden, Experten für Katastrophenhilfe. Die wenigsten von ihnen werden tatsächlich einmal ein Defäkationsfeld konstruieren müssen, aber ihr Dozent findet es wichtig, dass sie wissen, wie es geht.

Jensen weiß, dass gute Führung in Krisensituationen alles ist. Er selbst war schon in der ganzen Welt als Helfer im Einsatz. Er hat in Pakistan, Tansania und Vietnam zur Wasserqualität geforscht und in Sri Lanka Sanitäranlagen errichtet. "Zwei Millionen Kinder sterben jedes Jahr an Durchfall", sagt er. "Mehr als an Malaria und HIV." Und dann, ganz ernst jetzt: "Das ist, als ob jeden Tag zehn Jumbojets mit Kindern abstürzen würden."

Die Studenten im Aufbaustudiengang bereiten sich vor auf Hurrikans in den USA, Tsunamis in Südostasien, Bombenanschläge in New York oder Ölkatastrophen im Golf von Mexiko. "BP wäre froh, wenn sie ein paar von unseren Leuten hätten", sagt Jensen. 37 junge Frauen und Männer studieren hier, sie kommen aus 26 Ländern. "Wir haben hier allein acht verschiedene Religionen. Das Praktische ist, dass sich die Studenten, was ihre Kulturen angeht, ganz viel gegenseitig beibringen."

"In einigen Ländern steht Weiß für den Tod"

So würde Alexander Fischer, 30, nie auf die Idee kommen, in Afrika weiße Moskitonetze zu verteilen. "In einigen Ländern steht die Farbe Weiß für den Tod", sagt er. Alexander ist einer von zwei Deutschen in dem Studiengang, der offiziell "Master of Disaster Management" heißt. Er baut gerade keine Nottoiletten vor der Uni, sondern reinigt, in einer anderen Arbeitsgruppe, im Labor Wasser. Alexander hat zuvor Rettungsingenieurwesen in Köln studiert und in Ghana beim Rettungsdienst gearbeitet.

Mehr als 13 000 Euro kostet ihn das einjährige Master-Studium. "Es lohnt sich aber", sagt der Student aus Deutschland. "Mit meinem Ingenieurstudium kann ich das gar nicht vergleichen. Das sind hier keine Vorlesungen. Das sind Fachvorträge von Spezialisten aus der Praxis."

Die Jobaussichten sind exzellent. Alle Absolventen haben bislang einen Job bekommen. Bewerbungen gibt es zuhauf.

"Natürlich ist es eigenartig, vom Schicksal anderer zu leben", sagt Peter Kjaer Jensen. Aber, er zuckt mit den Achseln, es gebe eben immer mehr Terroranschläge, es gebe, bedingt durch den Klimawandel, heftigere Naturkatastrophen, und daher gehöre die Hilfe im Inferno eben zu einer Wachstumsbranche.

Krisenmanager - Keine Chance für dröge Akademiker

Nach dem Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag 2004 arbeitete Jensen in Indonesien. Dort irritierte ihn, dass die Ärzte, Ingenieure und anderen Helfer zwar Profis auf ihrem Fachgebiet waren, aber kaum miteinander sprachen, sich gegenseitig in die Quere kamen und oft von der Kultur und der Religion im Einsatzgebiet keine Ahnung hatten.

Jensen wollte das ändern. Er sprach mit Verantwortlichen an den Universitäten in Kopenhagen und im schwedischen Lund, er hatte eine Idee: Ein neuer Studiengang müsse her, um Führungskräfte auszubilden, die solche Einsätze managen können. Er überzeugte. Und weil Jensen ein Praktiker ist, haben dröge Akademiker keine Chance, einen Job als Dozent im Kopenhagener Katastrophen-Studium zu ergattern. Die Lehrer hier sind alle schon mal durchs Feuer gegangen, haben Blut und Tränen gesehen: Malaria-Experten, die im Kongo oder Ruanda im Einsatz waren, Flüchtlingsexperten der Uno, Katastrophenhelfer vom Internationalen Roten Kreuz in Indien.

Einige der Studenten haben im Frühjahr auf Feuerwehrübungsplätzen Erdbebeneinsätze trainiert, andere mussten ihre Fähigkeiten schon in der Praxis testen: Als im Januar in Haiti die Erde bebte, war plötzlich fast die Hälfte des Kurses entschuldigt - aus gutem Grund. Die Studenten fuhren zu den Hilfsorganisationen, für die sie schon zuvor gearbeitet hatten. "Wir hatten Haiti oft als Fallbeispiel genutzt, daher kannten unsere Leute sich bestens aus", sagt Jensen.

Die Studenten haben spätestens in Haiti gelernt, dass die Hilfe vor Ort oft aus dem Ruder läuft, etwa wenn es um die Bergung von Verschütteten geht. "Nur 132 Menschen wurden aus den Trümmern gezogen", berichtet Jensen. Viele von diesen Menschen seien später an Nierenversagen gestorben, sie lagen tagelang unter Betonpfeilern, Geröllhaufen, eingestürzten Decken, die Last hatte ihre Organe zerquetscht. Trotzdem wurden sie vor ihrem Tod der Welt als gerettet präsentiert. "Die Hilfsorganisationen brauchen die Vermisstensuche für ihre Publicity", sagt der Katastrophenschützer, "und die Menschen wollen Wunder sehen."

"Vielleicht muss man Verschüttete sterben lassen"

Wenn es aber 200.000 Verletzte gebe, die dringend Hilfe brauchen und von denen viele bald sterben könnten, erklärt Jensen, dann mache es keinen Sinn, Millionen Dollar auszugeben, um 132 Leute aus den Trümmern zu ziehen. "Das hört sich fürchterlich an, ich weiß. Aber - man muss Verschüttete in solch einem Fall vielleicht sterben lassen."

Die Studenten sind längst zurück aus Haiti, zurück in der heilen dänischen Welt, und überlegen, wie man es hinbekommt, dass 20.000 Menschen einigermaßen organisiert ihre Notdurft auf einem Feld verrichten, ohne dass Krankheiten ausbrechen. Vier Tage müssen überbrückt werden, so gibt es die Fallstudie vor, dann werden die Plumpsklos geliefert.

"Männer und Frauen müssen wir unbedingt trennen, sonst gehen die woanders hin und machen da", sagt Peter, ein Däne, der schon in vielen Ländern als Helfer im Einsatz war. Die Kinder, überlegt die Gruppe, bleiben immer bei den Frauen, also brauchen die Frauen mehr Platz. Morgens nach dem Aufstehen wird es eine Rush Hour geben. Die Studenten versuchen auszurechnen, wie groß der Ansturm wohl sein wird, wie viel Platz sie brauchen. Jensen drängelt wieder. "Ich bin eine Frau mit zwei Kindern, und ich komme in 20 Minuten wieder, dann will ich hier ein Defäkationsfeld sehen."

Jetzt wären die Studenten wohl froh, wenn sie auf ihr allwissendes Informationsnetzwerk zurückgreifen könnten, im Helferjargon "Backbone" genannt. Es ist eine Art Notfallsystem, betrieben von den bisherigen Absolventen des Master-Programms. Die Idee: Wenn ein Kopenhagener Katastrophenschützer hilflos vor der Gluthitze eines rasenden Steppenbrandes in Australien steht, wenn er helfen soll, die Panik nach einem Terroranschlag in Kabul in den Griff zu kriegen, dann kann er eine E-Mail an alle Professoren, Studenten und Ehemaligen schicken. "Irgendeinen Nerd gibt es immer, der auch die speziellste Frage beantworten kann", sagt Jensen.

Jetzt überlegen seine Studenten, wie man die Flüchtlinge am besten zum Händewaschen anhält. Sind die Flüchtlinge Muslime, braucht man ihnen nichts über Hygiene zu erzählen. Sind es Christen, muss man darauf achten, dass sie ihre Finger reinigen.

Die Studenten schauen ins Lehrbuch: 0,25 Quadratmeter soll man pro Person einplanen. Bei 20.000 Menschen braucht man also 5000 Quadratmeter - pro Tag. Gibt es irgendwo einen Zollstock?

"Jeder hier muss wissen, wie lang seine Schritte und sein Fuß sind!", ruft Dozent Jensen. "Ihr habt vor Ort keine Zeit für einen Zollstock!"

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