Katholische Kirche Die nächste Generation

Immer wieder wird die katholische Kirche in den USA von Sex-Skandalen erschüttert. Jetzt beschuldigt man sogar einen Bischof, Minderjährige missbraucht zu haben. Die Kirche versucht nun, dem abzuhelfen - durch eine reformierte Ausbildung.


Papst Johannes Paul II: In den USA steht es nicht gut um das Ansehen der katholischen Kirche
REUTERS

Papst Johannes Paul II: In den USA steht es nicht gut um das Ansehen der katholischen Kirche

Und schon wieder hat man einen katholischen Geistlichen in den USA, den Bischof von Palm Springs, Anthony J. O'Connell, des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen beschuldigt. Damit reiht sich der Geistliche ein in die Reihe der mindestens 55 US-Priester, die seit Januar wegen derartiger Vorwürfe ihre Kanzeln räumen mussten.Die katholischen Kirche will nun eine neue, disziplinierte Generation von Gottesdienern ausbilden. Ein Priesterseminar in Illinois, die University of St. Maria of the Lake, zeigt, wie das zu schaffen sein soll.

Die Ursachen für die jetzigen Skandale liege in der Ausbildung der Geistlichen. Denn die sei früher einfach zu locker gewesen, und genommen wurde fast jeder, berichtet der Vizekanzler der University of St. Maria of the Lake, August Belauskas. "Niemand hat mich über meine bisherigen Beziehungen, meine Familie oder warum ich Priester werden wollte, ausgefragt", sagte Belauskas gegenüber der "New York Times" (NYT).

Standhaft und gläubig sollen die zukünftigen Priester sein, um mit ihnen wieder das Vertrauen der verunsicherten katholischen Eltern zurückgewinnen zu können. Denn viele haben mittlerweile Angst, ihre Zöglinge auch weiterhin in die Sonntagsschule zu schicken. Deshalb sollen die Priesteranwärter jetzt schon vor der Aufnahme in das Seminar gründlichst auf ihre Tauglichkeit hin überprüft werden.

Härter als die Armee

Soll 130 Jungen sexuell belästigt haben: Priester John Geoghan
AP

Soll 130 Jungen sexuell belästigt haben: Priester John Geoghan

"Ich musste mehr Screenings bestehen, um in das Seminar zu kommen, als bei einem Sicherheitsscheck der Armee", erzählte der ehemalige Navy-Soldat und jetzige Priesteranwärter, John Fain, der NYT. Doch wenigstens wurde er angenommen. Von den 130 Bewerbern an dem auch als Mundelein bekannten Seminar haben das nur 30 geschafft.

Durch etliche Interviews und psychologische Tests - vom Rorschach bis hin zum Persönlichkeitstest MMPI - bemüht sich die Seminarleitung, die schwarzen Schafe herauszufiltern. Die Bejahung von Fragen wie "Besuchen sie Gay- oder Singlebars?" und "Haben Sie jemals ein uneheliches Kind gezeugt?" lassen die Probanten sofort durchfallen.

"Wir fragen sie Dinge, die ich nie von jemandem gefragt worden bin", erzählt Belauskas. Von vergangenen Liebschaften bis hin zum polizeilichen Check des Strafregisters - man versuche, so viel wie nur möglich über die jungen Männer zu erfahren. Erst wenn alle Tests bestanden seien, würden sie ins Seminar aufgenommen.

Abhärtung gegen die Sünde

Aber auch danach versucht man intensiv, sie auf ihre Arbeit als Priester vorzubereiten und gegenüber sexuellen Versuchungen abzuhärten. Die Einhaltung des Zölibats - auch unter homosexuellem Vorzeichen - ist ständiger Diskussionsstoff in den Lehrveranstaltungen.

Auch der Aufbau von Mundelein selbst unterscheidet sich von alten Priesterseminaren: Die Leitung setzt auf Offenheit - sowohl für die Studenten als auch für interessierte Journalisten. Die Seminarteilnehmer können das Gelände jederzeit verlassen. Nach dem Ende der Lehrveranstaltungen besteht keinerlei Anwesenheitspflicht mehr.

Denn gerade die Geschlossenheit vieler Seminaranstalten war nach Ansicht der Mundelein-Leitung eine der vielen Ursachen für unmoralische Beziehungen zwischen den Studenten. Dem will man nun durch Selektion, Vertrauen und offene Diskussionen entgegenwirken.

Nach Auffassung von Psychologen bietet das aber keinerlei Garantie, zukünftige Sex-Skandale mit Priestern zu verhindern. Das weiß auch der Mundelein-Vizepräsident Thomas Baima. Gegenüber der NYT sagte er: "Wir sind nicht unfehlbar. Wir können es nicht wissen, und ich bete jeden Tag zu Gott, dass uns nichts entgeht. Aber es soll nicht daran liegen, dass wir es nicht versucht haben".



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