Kein Run auf die Hochschulen Studenten, wo seid ihr?

Alle reden vom Studentenberg. Doch der große Zustrom an die Unis bleibt bisher aus. Mehr Abiturienten als erwartet entscheiden sich gegen ein Studium, zugleich machen viele Hochschulen ihre Türen zu: Der Numerus clausus schlägt Bewerber in die Flucht.

Schon lange sagen Bildungsexperten für die kommenden Jahre einen großen Run auf Deutschlands Unis voraus. Jetzt kommen geburtenstarke Jahrgänge aus den Schulen - und mit ihrer Studienbereitschaft ist es offenbar nicht weit her. Im Vergleich zu 2003 gab es im vergangenen Jahr bundesweit zwar 17 Prozent mehr Abiturienten und junge Leute mit Fachhochschulreife, gleichzeitig aber fünf Prozent weniger Studienanfänger. Zugleich registrierte das Statistische Bundesamt 28 Prozent mehr Abiturienten in einer betrieblichen Ausbildung.

Offenbar entscheiden sich inzwischen mehr Abiturienten als erwartet gegen ein Studium. Das Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover befragt jährlich Abiturienten. Demnach ist die Studienabsicht von 73 Prozent im Jahr 2002 auf 68 Prozent im Jahr 2006 gesunken.

Zugleich stehen Abiturienten, die gern studieren würden, oft vor verschlossenen Hochschultüren. Denn viele Universitäten versperren den Weg ins Studium mit hohen örtlichen Zulassungsbeschränkungen. Beispiel Münster, eine der größten deutschen Hochschulen: Die Universität verzeichnet einen Bewerberansturm, doch zum Wintersemester wird nur etwa jeder fünfte der 26.000 Bewerber zum Zuge kommen. So haben die Politikwissenschaften nur 31 Plätze für 1700 Interessenten, während die Naturwissenschaften kaum Bewerber abweisen.

Hörsäle bald voller oder leerer?

Wirtschaft und Politik warnen derzeit vor einem Akademikermangel. Und so sind die Zahlen Zündstoff für den "Bildungsgipfel" von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Länder-Ministerpräsidenten Ende Oktober in Dresden. Zwischen 2004 und 2006 ging es mit den Anfängerzahlen an den Hochschulen deutlich bergab. 2007 gab es mit 359.000 Erstsemestern zwar wieder ein leichtes Plus, was prompt zu Jubel über die "Trendwende" führte.

Aber manche Hochschulforscher beurteilten das als voreilig und sahen eher ein Studentental als einen Studentenberg nahen. Die Kultusministerkonferenz hatte deutlich mehr Studienanfänger erwartet; dort rechnet man derzeit an einer neuen Prognose.

Neben der Zahl der Studienplätze spielen für die Abiturienten selbst viele Faktoren für die Entscheidung eine Rolle, ob sie studieren wollen, zum Beispiel:

  • Finanzierung des Lebensunterhalts: Nach der letzten großen Bafög-Reform 2002 gab es im Jahr darauf fast 378.000 Neueinschreibungen, ein Rekord. Danach mussten Studenten fünf Jahre warten, bis das Bafög jetzt zum 1. Oktober 2008 wieder erhöht wird - und das ist nicht mehr als ein Inflationsausgleich bei Fördersätzen und Freibeträgen. Zudem spricht sich unter den Abiturienten herum, dass man in den straff organisierten neuen Bachelor-Studiengängen kaum noch nebenbei jobben kann.

  • Studiengebühren sind ein weiterer Kostentreiber und Unsicherheitsfaktor. Bei einer Umfrage der HIS-Bildungsforscher gab jeder vierte Studienverzichtler an, dies wegen der Campusmaut zu tun. Sieben von 16 Ländern kassieren momentan Gebühren; Hessen schafft sie zum Wintersemester wieder ab. Schon zum Jahresende hatte das Statistische Bundesamt darauf hingewiesen, dass in den unionsgeführten Gebührenländern die Studienzurückhaltung in der Regel größer sei als in gebührenfreien Ländern.

  • Wirrwarr bei der Einschreibung: In vielen Numerus-clausus-Fächern organisierte über Jahrzehnte die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) die Zulassung, doch inzwischen ist die Dortmunder Behörde entmachtet. Nun wählen die Hochschulen ihre Studenten weitgehend in Eigenregie aus. Das macht es Abiturienten ungemein schwer, einen Überblick zu gewinnen - über die Vielzahl an Angeboten, über die stark unterschiedlichen Zulassungsbedingungen und -verfahren.

  • Die Hochschulen sind vielfach unwirtlich bis marode - und gerade die Universitäten derzeit mehr an ihrer Forschung als an der Aufnahme weiterer Studenten interessiert. Die 1,9 Milliarden teure Exzellenzinitiative zur Förderung der Spitzenforschung hat diesen Trend noch verschärft. Die Lehre spielt stets nur am Rande eine Rolle. Für die Studenten aber ist zentral, wie die Studienbedingungen und die Lehre sind.

Wenn die Bundesländer mehr Abiturienten für ein Studium begeistern wollen, reichen Imagekampagnen mit schönen Plakaten nicht. Sie müssen Interessenten auch den Weg ins Studium ebnen, statt sie zu verprellen. Der Deutsche Hochschulverband als Berufsvertretung der Uni-Professoren rechnet vor, dass die Länder in den letzten zehn Jahren 1500 Professorenstellen gestrichen haben, obwohl die steigenden Abiturientenzahlen längst absehbar waren.

Mit dem 2007 geschlossenen Hochschulpakt haben die Länder allerdings zugesagt, bis 2010 über 91.000 zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Über die Fortschreibung des Paktes bis 2020 wird derzeit verhandelt. Finanziell ist der Bund bereits für das vergangene und auch für dieses Jahr in Vorleistung getreten und hat nach einem Länderschlüssel pro geplantem neuem Studienplatz 11.000 Euro überwiesen.

Doch vor allem große Flächenländer im alten Bundesgebiet verfehlten im ersten Jahr das Paktziel. Statt der bereits für 2007 verabredeten zusätzlichen 13.000 Plätze in der ersten Ausbaustufe gab es bundesweit nur 2500 Plätze mehr. Länder, die ihr Ziel nicht erreichen, müssen ab 2009 die zu viel gezahlten Bundessubventionen wieder zurückzahlen.

jol/dpa

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