Kerner im Interview "Man redet schon dummes Zeug, wenn man viel redet"

Er schätzt Allgemeinbildung, den Komponisten Rossini und hat gar nichts gegen die Pop-Rampensau Lady Gaga. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt TV-Moderator Johannes B. Kerner, was Kinder drauf haben sollten, gesteht, was er selber nicht weiß und spricht über das Konzept seiner neuen Quiz-Sendung.
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SPIEGEL ONLINE: Herr Kerner, Sie haben mehrfach die Sendung "Wie schlau ist Deutschland?" moderiert. Jetzt sagen Sie uns doch mal: Wie dumm sind wir Deutschen denn?

Johannes Baptist Kerner: Einigermaßen gebildet, würde ich sagen. Wobei die größere Frage lautet, was das eigentlich ist: Bildung. In den Fernsehsendungen und auch in Ihrem Test geht's ja um Wissen. Bildung und Wissen sind sicherlich nicht identisch...

SPIEGEL ONLINE: ...aber es gibt eine Schnittmenge.

Kerner: Ja, die gibt es. Ich glaube, dass viele Leute an Wissen interessiert sind und viel draufhaben. Aber das, was für mich mit Bildung zu tun hat, wird weniger. Mein Eindruck ist, dass die nachwachsenden Generationen - ich sag's mal vorsichtig - eher andere Talente haben. Vergleichen Sie einen 18-Jährigen und einen 80-Jährigen, da gibt es enorme Unterschiede. Ich rede manchmal mit meinen Eltern darüber: Die sind schon ein bisschen traurig, dass die Form von Wissen, die sie haben, nicht mehr in dem Maße gefragt ist.

SPIEGEL ONLINE: Welches Wissen meinen Sie?

Kerner: Mein Vater ist Romanist und Germanist, und später ist er Ministerialbeamter geworden. Wenn ich den frage: Sag mal, der Richter Adam aus dem "Zerbrochnen Krug", welche Ausrede hatte der noch mal? Dann steht mein Vater auf, geht zum Bücherschrank und holt zwei verschiedene Ausgaben vom "Zerbrochnen Krug". In einer findet er ganz schnell die entsprechende Stelle: dass die Katze in die Perücke gejungt hat. Aber er erzählt mir auch, dass die andere eine Erstausgabe ist und wie er sie erstanden hat. Solches Wissen aber ist heute kaum noch gefragt, das lässt sich doch alles mit einem Knopfdruck bei Google rausfinden: Richter Adam, Zerbrochner Krug, Perücke - eine Sache von vier Sekunden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das so schlimm?

Kerner: Schlimm ist nicht meine Kategorie. Es geht aber viel verloren. Ein anderes Beispiel: Rossini, die Ouvertüre zu Wilhelm Tell, das kann ich googeln und weiß dann, wann Rossini gelebt hat und wann er sie geschrieben hat. Aber die Melodie im Ohr zu haben, sie mitsingen oder mitsummen zu können, und dann noch zu wissen, dass der Geigenbogen nicht immer nur gestrichen wird, sondern manchmal hüpft - das macht doch Spaß. Vielleicht hat man sogar noch Erinnerungen, dass man die Oper einmal gehört hat, und erinnert sich auch noch an die entsprechende Reise. Mein Vater sagt: Das ist das schöne Wissen. Ob das nützlich ist, ist eine andere Sache; und ob man damit Geld verdienen kann, ist für ihn völlig außerhalb der Bewertung. Aber es ist ein schönes Wissen, es macht froh.

SPIEGEL ONLINE: Das schöne Wissen zeichnet sich auch dadurch aus, dass man Zusammenhänge herstellen kann. In den Tests werden aber Fakten abgefragt: Jahreszahlen, Stichworte, Namen.

Kerner: Ich lerne jetzt bei meiner Tochter, dass diese Jahreszahlen, die man in der Schule immer völlig bescheuert findet, ein Gerüst für das Verständnis sind. So etwas wie: Sieben, fünf, drei...

SPIEGEL ONLINE: ...Rom schlüpft aus dem Ei.

Kerner: Ja, es hilft mir doch, wenn ich wesentliche Daten und Fakten präsent habe. Wie lange die römische Herrschaft dann dauerte, was später folgte, Völkerwanderung zum Beispiel und dann Fragen wie: Warum heißen die einen Westgoten, die anderen Ostgoten, wo sie doch beide erstmal Richtung Süden gewandert sind.

SPIEGEL ONLINE: Solche Merksprüche, wie Sie sie erwähnt haben, hat es ja immer gegeben. Drei, drei, drei...

Kerner: ...bei Issos Keilerei. Einige Daten sollte man schon präsent haben. 14 bis 18 Erster Weltkrieg, 39 bis 45 Zweiter Weltkrieg, auch 61 bis 89 Berliner Mauer - das kann man wissen, das ist das kleine Einmaleins der Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Kann man es wissen, oder muss man es wissen?

Kerner: Lieber würde ich sagen: das muss man wissen. Aber ich weiß, dass das nicht stimmt. Dennoch ist es doch keine Schande, einige Dinge im Kopf zu haben - dass Deutschland 16 Bundesländer hat oder wie die Landeshauptstädte heißen. Wüssten Sie von allen Bundesländern die Regierungskoalition? Können Sie die letzten zehn amerikanischen Präsidenten aufzählen? Wie heißt Frau Lieberknecht mit Vornamen, und von welchem Bundesland ist sie Ministerpräsidentin?

SPIEGEL ONLINE: Moment, heute dürfen wir mal Fragen stellen, nicht Sie!

Kerner: Okay. Das alles muss man natürlich nicht beantworten können, kann man aber ruhig mal. Es hat ja seinen Wert, auch wenn es das Einkommen nicht erhöht.

SPIEGEL ONLINE: Außer in den Fernsehshows, wenn man dann eine Million Euro gewinnt.

Kerner: Ja, da schon.

Fernsehen

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Quizshows im so erfolgreich?

Kerner: Spielshows hat es immer schon gegeben, die Wissensquiz sind eine Erscheinung der späten Achtziger Jahre, frühen Neunziger Jahre im weltweiten Fernsehen. Ich glaube, dass sie auch noch lange leben werden. Diese Quizsendungen mit ganz normalen Zuschauern im Ratestand, die leben vom thrilling moment: Es geht um viel Geld. Aber natürlich leben sie auch von dem Effekt, dass manche bei den simpelsten Fragen scheitern, dass also der Zuschauer einen Tick mehr weiß als derjenige auf dem Stuhl. Bei "Wer wird Millionär?" ist das Prinzip: Die ersten fünf Fragen sind lustig, die zweiten fünf sind von einem Schwierigkeitsgrad: kann man wissen, muss man nicht. Die letzten fünf sind eigentlich unlösbar. Der neueste Trend ist das Duell Mann gegen Mann, durchaus auch körperlich wie bei "Schlag den Raab". Das funktioniert weltweit sehr gut, bei den Japanern geht es noch ein bisschen härter zur Sache.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer neuen Sendung soll es im nächsten Jahr auch Wissensduelle geben. Was ist der Unterschied zu den bestehenden Rateshows?

Kerner: Es gibt einen ganz erheblichen Unterschied. Der Zuschauer ist zum ersten Mal dabei, wenn wir das so genannte Casting auf der Straße machen. Wer hier gut abschneidet, hat die Chance, der nächste Kandidat im Studio zu sein und den Ratekönig vom Thron zu stoßen. Der Ratekönig kann sich nach Ansicht des Films entscheiden, ob der Straßenkandidat sein nächster Gegner wird oder ob er sich doch nicht traut, gegen ihn anzutreten.

SPIEGEL ONLINE: Zuletzt haben Sie selbst an einer Frageshow im Fernsehen teilgenommen, dem "Quiz der Deutschen" mit Frank Plasberg. Hatten Sie keine Angst vor der Blamage?

Kerner: Ach was, die Fragen waren ja teilweise so weit weg vom normalen Wissen, dass es einen adelte, wenn man etwas nicht wusste.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Kerner: Unter welchen Pseudonymen Dieter Bohlen schon Musik gemacht hat? Das wusste ich nicht, es ist ja auch nicht wichtig. Und im Übrigen ist etwas nicht zu wissen ja auch immer Ansporn, sich mit einer Sache intensiver zu beschäftigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele machen das wirklich?

Kerner: Das weiß ich nicht, aber wenn man die Anlage hat, seine Interessen zu leben, dann funktioniert das. Es gibt ja das Volkshochschulprinzip des lebenslangen Lernens. Ich könnte mir lebhaft vorstellen, noch mal zu studieren oder eine Sprache zu lernen, nur weil mich das interessiert. Sudoku allein reicht nicht.

"Das ist ekelhaft und menschenverachtend und dumm"

SPIEGEL ONLINE: Vermitteln Sie das Bildungsideal, das Sie von Ihren Eltern bekommen haben, auch Ihren Kindern?

Kerner: Ich bin überzeugt davon: Was wissenswert ist, verschiebt sich immer - nicht nur von Generation zu Generation, sondern vermutlich schneller. Trotzdem glaube ich, dass es unsere Aufgabe als Eltern ist, Kindern gewisse Hilfestellungen zu geben. Ich hab' überhaupt nichts gegen Lady Gaga und Cindy aus Marzahn, aber man hat als Eltern die Verantwortung, Vielfalt aufzuzeigen. Es geht darum, auf eine softe Art und Weise das Interesse zu entfachen.

SPIEGEL ONLINE: Wie machen Sie das?

Kerner: Eine meiner Töchter musste in der vierten Klasse erstmals ein Referat machen. Sie hat sich Reetdächer als Thema ausgesucht, und da bin ich mit ihr zu einer Baustelle gefahren und habe einen halben Tag lang zugeguckt, das fand ich ja selber sehr spannend. Auf dem Nachhauseweg hat sie mir gesagt: Papa, das war ja gar nicht wie Schule lernen, das war ja wie ein Abenteuer. Wenn man das Feuer entfacht - dann hat man schon was geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Ihren eigenen Geschichtsunterricht?

Kerner: Ich bin sehr interessiert an Geschichte, aber an den Unterricht habe ich keine positiven Erinnerungen.

SPIEGEL ONLINE: Keine positiven oder gar keine?

Kerner: Eher keine. Mein Interesse ist erst später gekommen, als ich dann zielgerichtet lesen konnte, Biografien oder Sachbücher. Es geht ja darum, dass man das Hier und Jetzt versteht. Und dass man die Zukunft gestalterisch mitprägen kann. Dafür ist es zwingend erforderlich, dass man weiß, was vorher war. Da verliert das Mittelalter vielleicht an Wert, weil natürlich noch wichtiger ist, was in den letzten hundert Jahren passiert ist - auch wenn manche Lehrer noch so gerne Walther von der Vogelweide lesen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Über das 20. Jahrhundert lernt man doch viel, in der Schule und auch anderswo.

Kerner: Nein, über das letzte Jahrhundert wissen wir immer noch viel zu wenig. Ich weiß zum Beispiel über Asien fast nichts. Als ich zu den Olympischen Spielen 2008 nach Peking gefahren bin, haben wir einen Stadtführer genommen, der uns zwei Tage lang die Sehenswürdigkeiten gezeigt hat - und auf den vielen Wegen dazwischen, im Stau, hat er uns erzählt. Der Lange Marsch der Kommunisten: Wie lang der gedauert hat? Das wusste ich nicht. Und wie viele Millionen Menschen ihr Leben gelassen haben. Da hatte ich riesige Lücken - und ich würde bestimmt noch mehr finden...

SPIEGEL ONLINE: Wie lernen Sie jetzt dazu?

Kerner: Ich bin Zeitungsleser alter Schule. Natürlich nutze ich auch das Internet, lese SPIEGEL ONLINE oder auch bild.de, aber ansonsten bin ich vermutlich einer der Letzten von Gestern.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle hat das Fernsehen?

Kerner: Ich glaube nicht, dass das Fernsehen so verdummend wirkt, wie immer gesagt wird. Man muss natürlich vernünftig damit umgehen, dann kann man doch tolle Sachen sehen. Und ich kann zumindest für die Zeit, die ich beobachte, die letzten 15, 20 Jahre, nicht erkennen, dass alles dramatisch schlimmer geworden wäre. Vielleicht ist die Bandbreite größer geworden, es gibt Extreme, Big Brother auf der einen Seite und ein abgehobenes Angebot auf der anderen Seite; dazwischen ist ein ordentliches Medium.

SPIEGEL ONLINE: Als Vater sind Sie nicht entsetzt, wenn Ihre Kinder die Zeit mit irgendwelchen banalen Sendungen verschleudern?

Kerner: Über "Superstars" oder "Topmodels" will ich gar nicht richten, das hat alles seine Berechtigung. Ich versuche immer, das in einem größeren Zusammenhang zu sehen. In den fünfziger Jahren hat es große Protestbewegungen gegen Elvis Presley gegeben. Da wurden Cover verbrannt, Platten zerbrochen, und Radiostationen spielten ihn nicht mehr. Möglicherweise ist das heute auch nicht so falsch, wie wir Älteren glauben. Was ich nicht mag, sind nur Sendungen, die deshalb funktionieren, weil der letzte Zuschauer zu Hause merkt, dass es ihm noch ein bisschen besser geht als demjenigen, der da gerade vorgeführt wird. Das ist ekelhaft und menschenverachtend und dumm. "Bauer sucht Frau" ist hart an der Grenze, die Steigerung ist "Schwiegertochter gesucht". Aber es gibt doch auch "Galileo", das ist nicht doof, und es ist sogar erfolgreich, eine Wissensshow im Privatfernsehen!

SPIEGEL ONLINE: Eine Ihrer Wissenssendungen sollen Sie mal mit dem Satz begonnen haben: "Vorher sind wir klüger als nachher."

Kerner: Das hab ich gesagt? Wirklich? Naja, das war dann ein schöner Versprecher. Ich hab auch mal gesagt: Jetzt halten Sie die Luft an, aber vergessen Sie das Atmen nicht. Man redet schon dummes Zeug, wenn man viel redet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kerner, vielen Dank für das Gespräch.

Kerner: Ach, das war's schon? Schade, ich dachte, ich müsste noch ein paar Wissensfragen beantworten.

Das Interview führten Martin Doerry und Markus Verbeet
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