Kinder-Vorlesungen Leicht ist schwer

Kinder-Universitäten boomen. Über 70 deutsche Unis werden in diesem Jahr Vorlesungen für Mini-Akademiker abhalten. Die Hochschullehrer sollten sich schon mal wappnen: Vor Kindern zu lesen ist verdammt hart. Bei der ersten Kinder-Uni an der Berliner Humboldt-Universität wurde der Professor in Grund und Boden gelacht.


Kinder-Vorlesung: Grundschüler außer Rand und Band
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Kinder-Vorlesung: Grundschüler außer Rand und Band

Berlin - Gegen Viertel nach fünf setzte die Verzweiflung ein. Da stand der Herr Professor nun: Vor sich etwa 1200 Kinder außer Rand und Band, eine Mikrofonanlage, die dem Lärmpegel im Audimax nicht mal annähernd Paroli bieten konnte, und ein Vorlesungsmanuskript, das sich im Laufe der kommenden Stunde als völlig nutzlos erweisen sollte.

Eigentlich hatte sich der Philosophie-Professor Volker Gerhardt auf seine erste Vorlesung vor Grundschulkindern am Donnerstagabend gefreut. Darauf, dass er der erste Hochschullehrer der Berliner Humboldt-Universität sein sollte, der vor Kindern lesen durfte, war er gar ein bisschen stolz, berichtete er vorab in Zeitungsinterviews. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, dass der akademische Nachwuchs ihn gnadenlos auflaufen lassen würden.

Kleine Studenten, große Fragen

Dabei war spätestens eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn klar: Diese Veranstaltung ist zum Scheitern verurteilt. Hunderte Kinder, Eltern und Lehrer drängten sich da bereits im Audimax - und es sollten noch mehr werden. Vom Balkon im zweiten Stock segelten die ersten Papierflugzeuge herab, im Parkett kam es dort zu Tumulten, wo von oben auch noch heruntergespuckt wurde. Ängstliche Kinder standen auf den Gängen und wollten nicht von ihren Eltern lassen, ängstliche Eltern nicht vor der Tür warten, damit mehr Kinder Einlass fänden. "Wir haben einfach nicht mit solch einem Andrang gerechnet", rief eine Uni-Sprecherin hilflos gegen den Lärm an.

Gelehrige Ministudenten: Leider die Ausnahme
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Die erste Vorlesungsreihe für Kinder wurde 2002 in Tübingen gehalten - und war ein gigantischer Erfolg. Die Idee, Schüler schon frühzeitig für die Wissenschaften zu begeistern, trat einen Siegeszug durch die Republik an. Im vergangenen Jahr luden 40 Alma Maters potenziellen Nachwuchs in ihre Hörsäle, in diesem Jahr werden es bereits 70 sein.

Da wollte auch Berlins älteste Universität nicht nachstehen. In acht Vorlesungen werden Humboldt-Professoren bis Ende Februar versuchen, große Fragen kindgerecht zu beantworten. Dabei gehen sie nicht unvorbereitet ans Pult. In mehreren Sitzungen berieten die Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen, wie man Kindern beibringt, warum Flugzeuge fliegen können oder warum wir unseren Eltern ähnlich sehen.

Buhrufe für den Wissenschaftler

Sie hätten besser daran getan darüber nachzudenken, warum es ein Ding der Unmöglichkeit ist, über tausend aufgekratzte Kinder zum Zuhören zu bewegen.

Gerhardt, höchst irritiert, versuchte sein Glück schließlich mit einer Messingglocke, die eine findige Mitarbeiterin schnell noch aufgetrieben hatte. Da war er bereits einmal ausgebuht worden: als er den Kindern erklären wollte, dass an einer Universität jede Veranstaltung cum tempore, also eine Viertelstunde später, anfängt. "Warum wollen wir eigentlich etwas wissen?", hob er schließlich zu seinem Vortrag an. "Weil wir schlau werden wollen", krähte einer zurück. "Das beste an der Vorlesung war die Klingel", sollte der Professor am Schluss seines Vortrages sagen.

Keine Frage: Kinder-Unis sind eine Bereicherung. Die ungewohnte Umgebung regt die Grundschüler an, der Umgang mit Stoffen, die in der Schule nicht durchgenommen werden, macht Lust aufs Lernen. Universitäten und Professoren können beweisen, dass sie das Tor zum Elfenbeinturm nicht eifersüchtig bewachen und trotz Mittelkürzungen nicht nur Dienst nach Vorschrift leisten.

"Genugtuung, einen Professor scheitern zu sehen"

Doch reicht es nicht, die Türen weit aufzumachen und die Dozenten zu einem Stündchen Mehrarbeit zu bewegen. Wenn Kinder-Unis funktionieren sollen, machen sie Arbeit: Eine Altersklasse muss als Zielgruppe bestimmt werden, das Thema auf ihr Niveau heruntergebrochen werden. Und Uni-Mitarbeiter müssen Kinder und Eltern im Zaum halten.

"Mir ist es eine Genugtuung, hier einen Professor scheitern zu sehen", freute sich ein Grundschullehrer, während ein weiterer erkenntnistheoretischer Exkurs im Lärm der Massen unterging. "Jetzt wissen die auch mal, wie es ist, sich täglich sechs Stunden gegen eine vorlaute Rasselbande zu behaupten." Das Niveau sei viel zu hoch, beschwerte sich ein Elternpaar: "Warum haben die nicht ein Sachkundethema genommen und Bilder und Grafiken an die Wand geworfen?"

Die Wissbegierigen unter den Jungstudenten kamen dann doch noch auf ihre Kosten. Nach Ende der Vorlesungen umlagerten sie den Professor am Pult. Warum glauben Menschen an Geister? Warum gibt es unterschiedliche Sprachen? Warum kann man Begabung weitervererben und Wissen nicht? Als ein Steppke dann auch noch wissen wollte, was denn zuerst da war, die Henne oder das Ei, gab sich der Wissenschaftler im Professor endgültig geschlagen: "Ich würde jetzt mal ganz kühn sagen, die Henne."



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