Klausurenfahndung Ein bisschen Schwund ist immer

Dem Prüfungsamt ist es "unendlich peinlich", die Studenten sind sauer: An der Jurafakultät der Universität Göttingen sind 27 Examensklausuren spurlos verschwunden. Ob es Diebstahl war oder Schlamperei, ist noch ungeklärt.

Endlich hatten die Prüflinge die Strapazen des ersten juristischen Staatsexamens hinter sich, und schon lauerte eine böse Überraschung. Das zentrale Landesjustizprüfungsamt in Hannover hatte die 27 Klausuren am 19. April zur Korrektur an einen Göttinger Professor geschickt. Kurz vor Pfingsten meldete der Gutachter sie als vermisst. "Dass sie angekommen sind, ist sicher", sagte Frank Woesthoff, Sprecher des Justizministeriums. Denn eine Mitarbeiterin habe den Empfang der Klausuren schriftlich quittiert. Doch danach verliere sich die Spur.

Jetzt sind sie weg, einfach weg

Wochenlang war das Prüfungsamt mit der Fahndung beschäftigt - völlig ergebnislos. "Wir stehen vor einem Rätsel", so Referatsleiter Karl Kröpil, "die Sache ist uns unendlich peinlich." Und auch Georg Lemmer, Verwaltungsleiter des Juristischen Seminars, hat für das Verschwinden keine plausible Erklärung: "Wir haben noch nicht einmal eine Vermutung, warum und auf welchem Weg die Klausuren abhanden gekommen sein könnten."

Hat die Uni das Paket schlicht verschlampt, oder stecken Diebe hinter dem Aktenschwund? Nach vergeblichen hochschulinternen Ermittlungen hat der Universitätspräsident Horst Kern jetzt Strafanzeige erstattet. Etwas Vergleichbares habe es in Niedersachsen noch nicht gegeben, sagte Ministeriumssprecher Woesthoff.

Same procedure: Die Prüflinge müssen erneut antreten

Für die acht Examenskandidaten aus Hannover und 19 Kommilitonen aus Göttingen und Osnabrück ist die Panne bitter. Sie müssen jetzt erneut juristische Fachliteratur wälzen und die Klausur wiederholen. Wie die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" berichtete, sind die nächsten offiziellen Klausurtermine am 4. Juli und 1. Oktober. Doch der eine Termin sei viel zu kurzfristig, der andere zu spät, kritisieren die Prüflinge.

Sie befürchten nun, dass sich ihre Abschlussprüfung um Monate verschieben könnte. Das allerdings will das Prüfungsamt vermeiden. Die zornigen Studenten könnten zwar versuchen, sich vor Gericht gegen die Wiederholung zu wehren. Doch ihre Erfolgsaussichten dürften bescheiden ausfallen.

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