Kochkurs für künftige Lehrer Vier Kilo Schwein zum Üben

Damit deutsche Schüler nicht immer dicker werden, lässt die Uni Osnabrück künftige Lehrer zu Ernährungsexperten fortbilden, das Dozieren übernimmt ein Sternekoch. Aber wie sinnvoll sind die kulinarischen Nachhilfestunden? Hendrik Steinkuhl hat den Jungköchen über die Schultern geschaut.

DPA

Der Maître kommt erst um halb drei, dann werden auch die letzten Lunchgäste in seinem Sterne-Restaurant ihre Pattaya-Mango verzehrt haben. Bis dahin hat Frau Püschel den Hut auf, die Mensa-Köchin: "Bevor Sie an die Arbeit gehen: Hände waschen!"

"CookUOS" heißt der Kochkurs, in dem gleich Lehramtsstudenten der Uni Osnabrück zu Küchenmeistern werden sollen. Im Veranstaltungskommentar steht etwas von "Lehrkräften als angehenden Multiplikatoren", von "gleichzeitig stimulierter, multimodaler Sinnesbeteiligung" und anderem abstraktem Zeug. Gemeint ist eigentlich nur: Ein Lehrer erreicht Hunderte Kinder. Und wer ein Schweinefilet brät, hat mehr davon, als wenn er nur darüber spricht.

Die Uni will die künftigen Lehrer also zu Ernährungsvorbildern machen und so dafür sorgen, dass deren künftige Schüler besser essen. Denn die bekommen angeblich keine Pausenbrote mehr und schlingen nur noch herunter, was im Supermarkt direkt an der Kasse steht.

Froschpflaster für verletzte Jungköche

"Man wird hier gut betreut", sagt David Marschler, der zusammen mit vier anderen Studenten den Hauptgang zubereitet. Es gibt "Schweinemedaillons an Feigen-Orangen-Jus", dazu "TriColor von Kartoffel, Kohlrabi und Möhre". David ist durch Zufall beim Hauptgang gelandet. "Ich saß gerade auf der Toilette, und als ich wiederkam, war ich in der Gruppe."

Uwe Neumann leitet das Seminar. Er ist Anfang 50 und noch Student, tritt aber so auf, als hätte er seinen Fachbereich Gesundheitswissenschaften mitgegründet. Es ist Uwes Verdienst, dass gleich der Mann kommt, den die Mensa-Köchin Frau Püschel und ein Kollege nur den "Maître" nennen: Thomas Bühner, einer der besten Köche Deutschlands; sein Osnabrücker Restaurant "La Vie" trägt drei Michelin-Sterne.

In der Küche wird geschrubbt, geschält und geschnitten. Frau Püschel läuft hin und her. Ihr Kollege erklärt, wie man am besten Zwiebeln würfelt. Am Herd steht ein Student, der den ganzen Nachmittag Gemüse dünstet. Eine Studentin schneidet sich und bekommt ein Froschpflaster. Und da, endlich, kommt der Maître!

Thomas Bühner ist ein großer Mann mit einem gewinnenden Lächeln. Seitdem er die Haare lang trägt, sieht er ein wenig aus wie Franjo Pooth. Der Maître wandert durch die Küche und schaut den akademischen Koch-Azubis über die Schulter, am Vormittag haben die Studenten bereits einen Vortrag von ihm gehört. "Ich möchte hier gar nicht jedem reinreden und der Besserwisser sein." Er beobachtet den Studenten, der etwas verzweifelt vor seiner Gemüsepfanne steht: Das Ceranfeld mit Touch-Control sieht aus wie High-Tech, heizt aber wie ein Tee-Stövchen. "Wenn ich das sehe, könnte ich natürlich einen Anfall kriegen", sagt Thomas Bühner, deutlich, aber ohne Überheblichkeit.

Vier Kilo Schwein zum Üben

Das Seminar soll auch die Frage beantworten: Was macht gesundes Essen aus? Natürlich gebe es kein gesundes oder ungesundes Essen, sagt der Sternekoch. Essen müsse einfach nur vielseitig sein. "Die Pilze in unseren Wäldern sind strahlenbelastet. Wenn man sich nur von denen ernährt, ist es ungesund. Aber wer macht das denn?"

Trotz Minderleistung haben die Herdplatten das Essen so weit erhitzt, dass gleich gegessen werden kann. Der Maître ist bereits gegangen, vielleicht auch, um dem Schwein im Hauptgang auszuweichen. "Schweinefleisch mag ich überhaupt nicht", hatte er gesagt.

Studentin Merle-Marie hingegen ist grundsätzlich eine Freundin von totem Tier. "Mein Motto ist: Ohne Fleisch verpasst du was!" Beim Parieren des Filets hatte sie zunächst Probleme. Dann habe ihr Thomas Bühner geholfen, das beste Stück vom Tier ließ sich plötzlich viel einfacher freilegen. Ob sie in Zukunft häufiger so aufwändig kochen wolle? Sie zögert. Dafür brauche man das entsprechende Budget. "Hier hatte ich ja vier Kilo Schwein zum Üben!"

Um 18.15 Uhr wird endlich serviert. Erster Gang: Gefüllte Kohlrabiblätter auf Limettenschaum. Danach: Kohlrabicreme in ausgehölten Sauerteigbrötchen, die so groß sind wie ein Pferdehuf. Am Nebentisch verkündet eine Studentin, sie müsse jetzt schon einen Hosenknopf aufmachen.

Die Schweine-Medaillons des Hauptgangs landen eher kalt auf dem Tisch. "Das Anrichten hat zu lange gedauert", sagt Student David Marschler, der wie die anderen aus der Hauptgang-Gruppe sehr kritisch die eigene Arbeit beurteilt. Trotzdem schmeckt das Filet, die anderen Gruppen klatschen sogar. Zum Nachtisch gibt es noch einen Marzipan- Apfelstrudel.

Spätestens jetzt ist der Bauch voller, als er es um diese Uhrzeit sein sollte. Das ist zwar nicht gesund, aber lecker. Die Lust am Kochen und guten Essen lernen die angehenden Lehrer hier mit Sicherheit. Aber ob sie dadurch zu Gesundheitsmultiplikatoren werden?

Irgendwann wird ja vielleicht Lehrerin Merle-Marie das Snickers eines dicken Problemschülers gegen ihr Pausenbrot mit Hüttenkäse, Tomaten und Schweinefilet tauschen und sagen: "Marvin, merk dir das: Ohne Fleisch verpasst du was!"



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
1Willi1 09.11.2011
1. Drei Wiederholungen........
Zitat von sysopDamit deutsche Schüler nicht immer dicker werden, lässt die Uni Osnabrück künftige Lehrer zu Ernährungsexperten fortbilden, das Dozieren übernimmt ein Sternekoch. Aber wie sinnvoll sind die kulinarischen Nachhilfestunden? Hendrik Steinkuhl hat den Jungköchen über die Schultern geschaut. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,794974,00.html
Drei mal Kohlrabi in einem Menü? Na kommt schon Von einem Sternekoch kann man/frau doch mehr erwarten, oder ging es um Resteverwertung?
urban4fun 09.11.2011
2. Multitalent Lehrer
Lehrer sollen nun auch noch für Schüler kochen und deren Ernährungsberater spielen? Wie wäre es, wenn Lehrer ihre Schüler zwangfsadoptieren müssten, damit sie sich gleich wie in einer große Familie um ihre Schützlingen kümmern können? Natürlich alles nach Lehrplan...
ostsuedost 09.11.2011
3. Eigentlich ist es ganz einfach:
Esst Lebensmittel, nicht zu viel, vorwiegend pflanzlich. Siehe auch: http://www.youtube.com/watch?v=O7ijukNzlUg http://www.forksoverknives.com/ http://livinlavidalowcarb.com/blog/vegan-propaganda-movie-forks-over-knives-set-to-hit-theaters-on-may-6/10221 ein sehenswerter Film...
Peking Ente 09.11.2011
4. Kultur
Zitat von urban4funLehrer sollen nun auch noch für Schüler kochen und deren Ernährungsberater spielen? Wie wäre es, wenn Lehrer ihre Schüler zwangfsadoptieren müssten, damit sie sich gleich wie in einer große Familie um ihre Schützlingen kümmern können? Natürlich alles nach Lehrplan...
Essen ist Kultur. Und Kulturverständniss und Vermittlung von Kultur gehört zum Aufgabenfeld eines Lehrers, basta!
frigor 10.11.2011
5. Basta?
Zitat von Peking EnteEssen ist Kultur. Und Kulturverständniss und Vermittlung von Kultur gehört zum Aufgabenfeld eines Lehrers, basta!
Pasta würde da besser passen.
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