#MeToo an Kölner Kunsthochschule Proteste gegen den unsichtbaren Professor

Seinen Job als "Tatort"-Koordinator ist er nach Belästigungsvorwürfen schon los, Professor dagegen ist Gebhard Henke noch. Doch Studierende fordern seinen Rücktritt. Die Hochschule traf ihn nun zum Gespräch.

Protestplakate an der Kunsthochschule für Medien Köln am 3. Juli 2019
Armin Himmelrath/ SPIEGEL ONLINE

Protestplakate an der Kunsthochschule für Medien Köln am 3. Juli 2019

Von , Köln


Seit über einem Jahr ist Gebhart Henke an der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln "ständig präsent" - obwohl er persönlich so gut wie nie gesehen wird. So beschreibt es eine Studentin. Der Professor für Kreative Produktion sei kaum da, sagt sie, die angekündigten Fachseminare am Dienstagnachmittag in diesem Sommersemester wurden von einer anderen Dozentin gehalten. Trotzdem lässt der Streit um ihn die Studierenden nicht los.

Die 25-jährige Studentin, eingeschrieben für den Regie-Studiengang, berichtet, dass es kaum einen Tag gebe, an dem nicht über den früheren WDR-"Tatort"-Koordinator Henke gesprochen werde - und über die Vorwürfe gegen ihn wegen sexueller Belästigung. "Das Thema ist erdrückend und unfassbar anstrengend", sagt eine 24-Jährige. Und es gehe weit über die Person des umstrittenen Professors hinaus.

Bereits im Februar hatten die Studierenden an der KHM sich zu Wort gemeldet und in einem offenen Brief den Rücktritt des Professors gefordert. "Uns macht es fassungslos und wütend, dass Gebhard Henke weiterhin an der KHM angestellt ist", schrieben sie, Henkes Präsenz an der Hochschule sei "nicht tragbar". Zu Beginn des Sommersemesters besetzten sie einen Seminarraum, in dem eine Henke-Veranstaltung angekündigt war. Doch der Professor kam nicht.

Ende vergangener Woche erschien Henke, der die Vorwürfe gegen ihn nachdrücklich zurückweist, dann doch persönlich in der Kölner Südstadt. Denn am Freitagmorgen war ein Klärungsgespräch angesetzt zwischen dem Professor und dem Senat der KHM - mit einem Mediator, unter Ausschluss der Hochschulöffentlichkeit. "Das Thema solle lauten: Wie kann Herr Henke das Vertrauen der Hochschule zurückgewinnen?", heißt es im Protokoll einer früheren Senatssitzung, in der das Treffen vorbesprochen wurde.

"Total gespalten"

"Das ganze Klima an der KHM ist total gespalten", sagt die Regiestudentin im Gespräch mit dem SPIEGEL. Sie will, ebenso wie andere Studierende, ihren Namen nicht in diesem Bericht lesen - aus Angst vor Repressionen und Stigmatisierung. Und weil sie der Hochschulleitung "fehlende Transparenz" vorwirft im Umgang mit dem Fall Henke und mit hierarchischen Machtstrukturen generell.

So habe es auf den offenen Brief der Studierenden im Februar keinerlei Reaktion des Rektorats gegeben: "Wir hätten uns eine öffentliche Solidarisierung gewünscht. Dass es die nicht gibt, ist frustrierend." Auf mehrfache SPIEGEL-Anfrage zu einer Stellungnahme hatte die Hochschule in der vergangenen Woche tagelang zunächst gar nicht reagiert. Auch an Gebhart Henke erging eine entsprechende Anfrage, die auch die ausgefallenen Seminare umfasste.

Die Antwort kam dann weder vom Rektorat noch von Henke, sondern von den beiden KHM-Professoren und Senatsvorsitzenden Beate Gütschow und Hans W. Koch. Sie hätten "via Herrn Henke" von der Anfrage erfahren und stellen fest: "Dazu gibt es im Moment nicht mehr zu sagen als: Alle beteiligten Parteien haben im Vorfeld vereinbart, dass das Gespräch nur im Senat und nicht hochschulöffentlich geführt wird und dass die Hochschulöffentlichkeit über ein Ergebnisprotokoll informiert wird, dem vorab unter Vermittlung unseres Moderators (sic!) von beiden Seiten zugestimmt wird." Transparenz sieht anders aus.

Protest ohne sichtbare Wirkung

Hintergrund sind die Vorwürfe, die von Henke bestritten werden und die erstmals im Mai 2018 erhoben wurden. Damals hatten sechs Frauen, darunter Charlotte Roche, im SPIEGEL gesagt, Henke habe sie betatscht und begrapscht, sie an den Po oder an den Bauch gefasst, angedeutet, sie zu fördern und dafür offenbar körperliche Zuwendungen erwartet.

Henke reagierte scharf, versuchte Roche zu diskreditieren und verklagte sie und den SPIEGEL - zog dann aber kurz vor der Verhandlung die Klage zurück, nachdem sich weitere Frauen mit ähnlichen Vorwürfen gemeldet hatten. Nach SPIEGEL-Informationen hatte die Leitung der KHM zwischenzeitlich versucht, den Professor zumindest zu beurlauben. Henke habe sich darauf aber nicht eingelassen.

"Die Strategie ist offenbar, Dinge unsichtbar abzuhandeln", sagte die 25-Jährige Studentin dem SPIEGEL mit Blick auf das Vorgehen der Hochschulleitung. Ein paar Tage vor dem Termin zwischen Senat und Henke hatten zahlreiche Studierende deshalb den KHM-Innenhof besetzt und einen Aktionstag zum Thema sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch veranstaltet. Mit Workshops und Diskussionen wollten sie ein Zeichen setzen für mehr Solidarität mit den von Machtmissbrauch Betroffenen.

Was die Studierenden dabei beeindruckte und auch ein bisschen überraschte: dass Mitglieder des Rektorats und die Kanzlerin der KHM ebenfalls zum Aktionstag kamen und zum Teil mehrere Stunden blieben. "Vielleicht war genau das das Zeichen der Solidarität, auf das wir so lange gewartet haben", sagt eine 24-jährige Kamerastudentin. Richtig sicher ist sie sich allerdings nicht, erst recht nicht nach dem geheimen Treffen am Freitag - Kommunikation an der KHM laufe derzeit eher über kleine Gesten, die leicht übersehen oder falsch interpretiert werden könnten.

Wie es jetzt weitergeht? Die Studentinnen zögern, eine Prognose wollen sie nicht abgeben. Klar sei nur: "Wir werden als Studierende damit bisher allein gelassen. Und das wollen wir nicht mehr hinnehmen."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.