92-jähriger Professor Alle lieben Hollmann

Wildor Hollmanns Hörsaal ist immer rappelvoll - obwohl es für seine Vorlesung keinen Schein gibt. Der Sportmediziner ist seit einem Vierteljahrhundert emeritiert. Und denkt nicht ans Aufhören.
Wildor Hollmann, Professor an der Sporthochschule Köln, ist 92 Jahre alt und gibt immer noch Vorlesungen.

Wildor Hollmann, Professor an der Sporthochschule Köln, ist 92 Jahre alt und gibt immer noch Vorlesungen.

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / Oliver Berg/dpa

Offiziell ist Wildor Hollmann seit 27 Jahren emeritiert - mehr, als viele seiner Studenten an Lebensjahren mitbringen. Aber wenn an der Deutschen Sporthochschule in Köln ab Dienstag das Sommersemester beginnt, wird der 92-jährige Sportmediziner wieder im Hörsaal stehen. Zuverlässig, wie in jedem Semester.

"Allgemeines akademisches Grundlagenwissen ", heißt seine Vorlesung, und auch diesmal wieder werden die Studierenden auf dem Boden sitzen und sich auf den Fensterbänken drängen. Kein Platz bleibt frei. Die Studenten müssen keinen Schein machen, auch keine Prüfung. Sie kommen aus Interesse, wollen dem Sportmediziner zuhören.

Das akademische Grundlagenwissen, das jeder Student beherrschen sollte, fängt Hollmann zufolge mit nichts Geringerem an als mit der Entstehung des Weltalls. Weiter geht es mit der Entstehung der Sonne, der Erde, des Lebens, des Menschen."Ich will aus sogenannten Fachidioten Menschen machen, die sich im allgemeinen Leben auskennen", sagt er.

Allgemeinbildung bei Studenten? Fehlanzeige

Für seine Studenten hat er viel übrig - das sei der Grund, warum er noch doziere. "Weil es mir riesige Freude macht, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten." Doch Allgemeinbildung, Geschichtswissen, das bräuchte man von Bachelor- und Masterstudenten heute nicht erwarten. Deshalb streue er immer mal wieder ein paar historische Fakten ein.

Zwei Trainingseinheiten pro Woche im Fitnessstudio und täglich 200 Treppenstufen - damit hält sich der Sportmediziner fit. Seit September nimmt er außerdem Tanzstunden, unter anderem Rumba. Sein Erfolgsgeheimnis? "Mir wurde schon früh gesagt, dass ich ein anormales Gedächtnis habe." Was er einmal höre, könne er sich merken. Mehr als 1000 Studenten haben bei ihm ihre Diplom- oder Doktorarbeit geschrieben. Aktuell betreut der Professor noch acht Doktoranden.

Hollmann trägt das grau melierte Haar zur Seite gekämmt. Dazu Anzug, Krawatte. Er ist ein Gentleman alter Schule, der einer Frau die Tür aufhält. Auf dem Schreibtisch in seinem Büro liegt eine schwarze Aktentasche. Das abgegriffene Leder zeugt von vielen gemeinsamen Jahren. Hollmann, geboren 1925 in Menden im Sauerland, hat ein bewegtes Leben hinter sich und eine steile Karriere.

"Der Mann ist eine Ausnahmeerscheinung"

Als junger Mann studiert er in Köln Medizin, promoviert. 1958 gründet er in Eigenregie das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, indem er einen Raum in der Sporthochschule mietet. Heute ist das Institut international angesehen. Hollmann übernimmt 1965 den Lehrstuhl für Kardiologie und Sportmedizin, wird 1970 Rektor der Sporthochschule.

Durch seine Studien über den Einfluss von Sport auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit kommt Hollman zu Weltrang. Es folgen Jahre mit vielen Ämtern: Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin, Präsident der Deutschen Olympischen Gesellschaft. Hollmann betreut die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, ist im Beirat der Bundesärztekammer und Berater des Bundesverteidigungsministers. Er wird mit 34 Forschungspreisen und dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Dass Professoren nach der Emeritierung in ihren Hochschulen aktiv bleiben, sei durchaus üblich, sagt das NRW-Bildungsministerium. Statistiken dazu würden nicht geführt, heißt es beim Deutschen Hochschulverband (DHV). "Ungeachtet dessen bleibt Herr Professor Hollmann eine Ausnahmeerscheinung", sagt DHV-Sprecher Matthias Jaroch.

Seinen Studenten rät der Sportmediziner, jede Möglichkeit für körperliche und geistige Aktivität zu nutzen - "und Selbstdisziplin." Man könne sich zwingen, selbst die Dinge mit Freude zu tun, auf die man keine Lust habe, sagt Wildor Hollmann.

Und worauf hat er selbst keine Lust? Hollmann hat sofort eine Antwort parat. Aktuell nerven ihn Probleme mit seinem Internet-Provider: "Ich bin ohne Internet, das ist ganz schlimm."

him/dpa/Olivia Konieczny
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