Kölner Studentenberatung Durchhalten, bitte

70 Prozent der Geisteswissenschaftler schmeißen ihr Studium hin - die Universität Köln will etwas dagegen tun. Die Abbrecherberatung "Sicher zum Examen" versucht, den Schöngeistern eine Perspektive zu geben.


Das Studium der Geisteswissenschaften scheint unvorhersehbare Hürden zu bergen: 70 Prozent aller Studierenden brechen es vorzeitig ab. Die Geisteswissenschaften haben den Ruf von unstrukturierten Bummelfächern und gelten als Sammelbecken für Scheinstudenten. Und auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es mit einem Abschluss in Germanistik oder Romanistik schwierig aus - Grund genug für zwei Drittel der Studenten, das Studium hinzuschmeißen.

Um über die Ursachen des Studienabbruchs zu informieren und vor allem Tipps für ein erfolgreiches Studium zu geben, bietet die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Köln diese Woche Orientierungstage für Studierende im Hauptstudium an. "Sicher zum Examen" heißt die Veranstaltung, die über Chancen und Perspektiven, aber auch die Risiken des Studiums informiert.

Dennoch waren die Vorträge am ersten Tag der Orientierungswoche nur mäßig besucht. Das mag man als Optimismus der Studierenden deuten, vielleicht auch als diskrete Art der Realitätsverweigerung.

Fotostrecke

70  Bilder
Prominente Studienabbrecher: Es gibt ein Leben nach der Uni

Denn an einer Zahl lässt sich nicht rütteln: 70 Prozent aller Studierenden der Geisteswissenschaften in Deutschland brechen ihr Studium ab. Warum eigentlich? Peter Brenner, Germanistikprofessor an der Kölner Uni, nennt drei Gründe. "Viele Studenten brechen schon in der Eingangsphase ab", sagt Brenner, "denn die Studienmotivation und -information ist nicht immer so wie in anderen Fächern."

Zum zweiten habe der Studienverlauf Schuld: "Wir wissen, dass unsere Studien "unstrukturiert" sind - früher hätte man das "offen" genannt - das heißt also, dass wir den Studierenden sehr viel an Eigenorientierung abverlangen, was bei der modernen Studentengeneration nicht immer so klappt." Zudem spielten auch die Berufsmöglichkeiten eine Rolle. Wer keine guten Perspektiven habe, sei auch weniger motiviert beim Studium.

Ganz schön demotivierend können außerdem einschläfernde Vorlesungen und Seminare sein. Wie Dozenten spannend lehren können, sollen sie deshalb in Köln eigens erlernen. Dort werden Dozentenschulungen angeboten, um das Lehrverhalten zu verbessern und eine ansprechendere Lehre zu ermöglichen. Außerdem evaluierten die Germanisten ihre Veranstaltungen regelmäßig, so Brenner.

Er fordert nun ein besseres Beratungsangebot, um auch die Studierenden auf das, was sie erwartet, vorzubereiten. Bessere Informationsveranstaltungen brauchen alle Studenten, insbesondere aber die weiblichen. Dieser Meinung ist zumindest - qua Amt - die Gleichstellungsbeauftragte Heidrun Fußwinkel der Universität.

Im Cornelia-Harte-Mentoring-Programm etwa werden seit vier Jahren für die Kölner Studentinnen oder Absolventinnen Mentorinnen gesucht, die aus einem Bereich kommen, in dem diese später beruflich tätig sein wollen, erklärt Programmkoordinatorin Nina Steinweg. Und durch diese persönliche Beziehung sollen den Frauen Informationen vermittelt werden, persönliche Erfahrung sowohl aus der Lebens- als auch der Berufserfahrung der Mentorin.

Dass es auch andere, weniger strategisch angelegte Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf gibt, demonstrierten bei der Abbrecherberatung die Redakteure des Kölner Uni-Radios "KölnCampus". Allesamt sprühten sie vor Begeisterung, und man spürte: Die werden auch später Erfolg haben. Und wirklich: Nina Fiedler, die Pressesprecherin von KölnCampus, hat ihrem Einsatz schon jetzt Einiges zu verdanken, obwohl sie erst seit einem halben Jahr am Campus-Radio mitwirkt.

"Wer sich engagiert, kann schnell ziemlich viel machen. Ich bin jetzt direkt Pressesprecherin geworden", sagt Fiedler. Dadurch haben sie schon so einige Kontakte knüpfen können: an der Uni, aber auch im Medienbereich. "So habe ich auch eine Hospitanzstelle beim WDR bekommen, das wäre sonst wohl nicht so einfach gewesen", sagt Fiedler. Erstaunlich, dass dieser zentrale Grundstein für ein erfolgreiches Studium so selten angesprochen wird: Der Spaß an der Materie. Zusammen mit einer besseren Praxisorientierung und Beratung könnte er viele Geisteswissenschaftler vor dem Studienabbruch bewahren.

Nur der sollte sich in diese Fächer hineinwagen, der sich wirklich für sie begeistern kann. Dies klang am Rande der Kölner Beratungsveranstaltung immer wieder durch: Wer nicht überzeugt ist von dem, was er tut, wird damit weder erfolgreich noch glücklich.

Von Kersten Knipp, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.