Körperspenden Zu viele Leichen für die Unis

Der Sezierkurs gehört zum Pflichtprogramm im Medizinstudium. Während die Unis lange Zeit per Anzeigen nach Leichen suchten, melden sich nun zu viele willige Spender. Einige Institute bitten daher jetzt die Sterbenden zur Kasse.


Mit zittrigen Fingern und weichen Knien stehen die meisten Medizinstudenten im Seziersaal, wenn sie zum ersten Mal Hand an einer Leiche anlegen müssen. Nicht selten kippen Studenten im Labor um, wenn sie sich mit dem Skalpell durch Haut, Fleisch und Sehnen arbeiten müssen.

Anatomiekurs an der Uni Frankfurt: Hier werden 30 Leichen für 500 Studenten gebraucht
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Anatomiekurs an der Uni Frankfurt: Hier werden 30 Leichen für 500 Studenten gebraucht

Lange Jahre wurde es dabei ziemlich eng im Saal. In Gruppen scharten sich die angehenden Mediziner um eine Leiche, denn die Körper in Formalin waren rar. Mittlerweile hat sich das geändert. Während die Anatomischen Institute vor einigen Jahren noch per Anzeigen nach Körperspenden suchten, wollen nun immer mehr Menschen nach dem Tod der Lehre dienen.

Doch Sterben ist teuer. In Baden-Württemberg etwa wissen einige Hochschulen wegen der steigenden Zahl an Leichen nicht, wie sie die Kosten für die Bestattungen tragen sollen. Denn seit im Jahr 2004 das Sterbegeld von zuletzt 525 Euro weggefallen ist, bleiben die Universitäten ganz auf den Kosten sitzen. Zuvor war das Geld direkt von den Krankenkassen an die Hochschulen gezahlt worden. "Mit dem Wegfall des Sterbegeldes, das bisher der Universität Ulm als Ausrichter der Bestattung ausgezahlt wurde, steigt für uns die finanzielle Belastung", heißt es zur Erklärung in Ulm. Daher bittet die Hochschule die Körperspender um "eine freiwillige finanzielle Beteiligung an den entstehenden Kosten".

Billiger sterben

Es bleibt nicht immer bei der Bitte um freiwillige Zahlungen für Körperspenden. Nach Angaben der Anatomischen Gesellschaft verlangen etwa 20 bis 30 Prozent der 32 Anatomie-Institute in Deutschland von den Spendern eine finanzielle Beteiligung zwischen 600 und 1200 Euro für die Aufnahme einer Leiche. Und das, obwohl deren Körper unverzichtbar sind für die Ausbildung der angehenden Ärzte.

Doch das ist immerhin billiger, als eine Beerdigung zu bezahlen. Eine Erdbestattung kostet in Deutschland durchschnittlich 4000 Euro. Das Geld müssen die Erben oder Unterhaltspflichtigen berappen - eine Summe, die viele Sterbenden ihren Verwandten nicht aufbürden wollen.

Das preiswerte Begräbnis sieht Hans-Joachim Wagner vom Anatomischen Institut der Universität Tübingen dagegen nicht als Hauptmotiv der Körperspender. Selbst aufkommende Kosten hielten viele Körperspender, darunter auch Anhänger nichtchristlicher Religionsgemeinschaften, nicht davon ab, ihre Leichen als Studienobjekte für den medizinischen Nachwuchs und die Forschung zur Verfügung zu stellen. "Der Idealismus ist sehr groß", sagt Wagner. Es gebe auch Menschen, die eine Spende als Dank für gute medizinische Betreuung zu Lebzeiten oder wegen der intensiven Beziehung zur Universität geben. Einige meinen auch, ihre Krankheiten seien interessant für die Forschung.

Schon zu Lebzeiten legt ein Körperspender fest, was nach dem Tod mit seinen sterblichen Überresten passiert. Er entscheidet, ob sein Körper zeitlich begrenzt untersucht wird oder als Dauerspende am Institut verbleibt. Über die Oberschenkelschlagader werden dann etwa 20 Liter Formalin-Lösung in den Körper gepumpt, anschließend kommt der Leichnam für sechs Monate in ein Formalin-Bad. Erst danach darf der Körper in den Seziersaal.

Selbstmörder und Fettleibige werden abgelehnt

Auch die Unis in Heidelberg und Freiburg mussten den großen Leichenandrang drosseln und schränkten daher das Einzugsgebiet für Körperspenden stark ein. Die Bewerber müssen das 50. Lebensjahr vollendet haben und in der Region wohnen. Zudem werden nur an drei Tagen im Jahr Anmeldungen akzeptiert. "Wir haben anhaltend sehr viele Anfragen von Interessierten, die bei weitem unsere Kapazitäten überschreiten", sagt auch Martin Scaal vom Institut für Anatomie und Zellbiologie an der Universität Freiburg. Auch das Heidelberger Institut registriert durchschnittlich vier Anfragen pro Tag. Die Zahl der Körperspenden sei auf lange Jahre gesehen allerdings gleichgeblieben.

Eine ähnliche Entwicklung hat auch Professor Hans-Joachim Wagner vom Anatomischen Institut der Universität Tübingen beobachtet: "Während die Zahl der Absichtserklärungen steigt, nimmt die Anzahl der Toten leicht ab, die wir im Institut für wissenschaftliche Zwecke aufnehmen", sagt er. Um die Zahl der Körperspender auf das Nötigste zu begrenzen, habe die Universität Ausschlusskriterien entwickelt wie etwa übermäßige Metastasen oder fettleibige Körper, die immer häufiger angeboten würden.

Denn nicht alle Leichen eignen sich zur Körperspende. Anatomische Institute verzichten auf Menschen, die an einer ansteckenden Krankheit wie beispielsweise Hepatitis oder HIV litten. Außerdem werden keine Körper angenommen, die zuvor einer Obduktion unterzogen wurden. Ebenfalls abgelehnt werden Unfalltote und Selbstmörder. Im Sezierkurs zerlegen die Studenten dann die konservierten Leichname in kleinste Einzelteile. Für die ärztliche Weiterbildung werden neue Operationstechniken an den Körpern trainiert. Danach wird der Leichnam eingeäschert und, so wie es der Körperspender verfügt hat, beigesetzt.

cpa/dpa



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