Leben ohne Eltern Anna will nie wieder etwas hören

Weihnachten feiern viele mit den Eltern. Anna, 35, wurde von ihren misshandelt, erzählt sie. Deshalb fasste sie vor einem Jahr einen Entschluss: Von nun an soll sich der 24. Dezember nicht mehr schlecht anfühlen.

Junge Frau (Symbolbild)
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Hätte sie nur nicht am Daumen genuckelt. Sie war so eingeschlafen, schwups, Finger im Mund. Als sie aufwachte, erinnert sie sich, war ihr Stiefvater dabei, sie zu verprügeln. Er schlug auf sie ein, brüllte das fünf Jahre alte Mädchen an. Daumenlutschen verboten. Für den Rest des Tages konnte Anna vor Schmerzen nicht sitzen.

30 Jahre später beschreibt Anna, die eigentlich anders heißt, diese Szene, als sei sie erst gerade passiert. Wenn Anna von ihrer Kindheit erzählt, zittern ihre Lider. Sie sitzt im Wohnzimmer eines Reihenhauses in der Nähe von Hamburg. Lichterketten in den Vorgärten, bald ist Weihnachten.

Dann ist es ein Jahr her: Im vergangenen Dezember beschloss Anna, ihre Eltern nie wieder sehen zu wollen. Sie brach den Kontakt ab, löschte alle Nummern. Seither fühlt sich die 35-Jährige gut wie nie, sagt sie. Was muss passieren, damit eine Tochter die Eltern verlässt?

Kindheit in der Plattenbausiedlung

Anna lebt jetzt an einem Ort, an dem sie sich sicher fühlt, sagt sie. Weit weg von Rostock, wo sie aufwuchs, angekommen in einer neuen Familie. Oben bringt ihr Mann die beiden Kinder ins Bett, unten, auf dem Sofa, zieht Anna die Beine an und erzählt von ihrer Vergangenheit. Es ist ihre Version der Geschichte.

"Ich hatte extreme Angst vor ihm. Mein Stiefvater war ein Herrscher. Wenn ihm was nicht passte, rastete er aus. Am Abendbrottisch verfolgte er genau, was meine beiden Schwestern und ich uns nahmen. Daumenlutschen war verboten.

Wenn ich an meine Kindheit denke, fällt mir nichts Schönes ein. Wir lebten in einer Plattenbausiedlung. Mein leiblicher Vater verließ uns, als ich drei war. Ein Alkoholiker, der mit Kindern nichts anfangen konnte. Meine Mutter fand schnell einen neuen Freund. Er war Maschinenbauer und zog bei uns ein. Er war ständig sauer und gewalttätig. Während wir Schwestern erschraken, schien er meine Mutter mit dieser Wut anzustecken.

Sie war Krankenpflegerin. Auch sie war oft aggressiv, manchmal gewalttätig. Wenn mein Stiefvater es war, blieb sie aber meistens still. Sie schlug nur dann, wenn sie mit uns Kindern allein zu Hause war oder wenn er im Wohnzimmer sein Feierabendbierchen trank. Sie tat so, als sei sein Verhalten nicht schlimm. Sie hielt zu ihm."

Wie an diesem einen brutalen Abend. Annas Schwester war unterwegs, Party machen, erzählt Anna. Die Zeit verging, die Schwester kam nicht zur vereinbarten Zeit zurück. Was dann passierte, zeigte Anna, damals acht, wie sie sich künftig verhalten muss, um in ihrer Familie zu überleben.

Vertraute Gewalt

"Als sie endlich kam, gingen mein Stiefvater, meine Mutter und ich in den Flur. Dort schlug er mit einem Gürtel auf sie ein. Sie schrie, war halbnackt. Als sie erschöpft am Boden lag, hörte er auf. Sie hatte Striemen an Po, Rücken und den Oberschenkeln. Es sah so fürchterlich aus. Meine Mutter guckte nur. Dann sagte sie beiläufig: 'Och. Das war aber doll.'

Die Gewalt war zur vertrauten, normalen Sache geworden. Ich sagte mir: Wenn ich mich unsichtbar mache, alles tue, was sie wollen, dann lassen sie mich in Ruhe. Von da an wurde ich leise. Wartete auf den Tag, an dem ich meine Familie verlassen konnte."

Bis der Tag kam, musste Anna durch weitere traumatische Jahre. Zu Hause sprach sie kaum mehr, um nicht misshandelt zu werden. Es traf nun vor allem Annas leibliche Schwester. Immer wieder wurde Anna Zeugin, sagt sie. Zeugin davon, wie der Stiefvater schlug und trat, die Eltern es anschließend gemeinsam herunterspielten. Mit den Schwestern konnte sie nicht richtig reden, bis heute ist das so, sagt Anna. Damals hörte sie auf zu essen. Als sie 17 war, wurde sie in der Schule darauf angesprochen.

"'Anna, du wirst immer dünner', sagte meine Lehrerin. 'Geht es dir gut?' Diese Frage, dieses Leben. 'Es geht so', sagte ich. Ich sah wohl schlimm aus. Meine Lehrerin verstand. Sie sagte, dass sie mir helfen wolle."

Die Lehrerin sprach die Eltern an, erzählt Anna. Es setzte sich etwas in Bewegung. Was in der Familie passierte, drang nach außen, weil man es Anna inzwischen ansehen konnte. Sie kam in eine psychiatrische Klinik. Eigentlich wegen der Magersucht, doch die Therapeuten wollten so viel mehr wissen: Was ging in der Familie vor sich? Anna redete, zum ersten Mal. Nach sieben Wochen, erinnert sie sich, war der Aufenthalt vorbei, doch sie kehrte nie wieder nach Hause zurück.

"Meine Eltern versuchten, es unter den Teppich zu kehren. 'Du denkst dir alles aus', sagten sie. In der Therapie kam das erste Mal Wut auf. Kein Anpassen mehr, keine Zurückhaltung. Ich rief meine Mutter an, beschimpfte sie, wie ich es als Kind nie hätte tun können. Ich sagte, dass ich nicht mehr nach Hause komme."

Sich selbst finden, selbst Mutter sein

Anna nutzt eine Hand, die Finger, um aufzuzählen, einzuordnen, wie ihr Leben Achterbahn fuhr. Es ist die traurige Zusammenfassung einer Zeit, in der es bei Anna nicht ruhiger werden wollte.

Sie zog ins betreute Wohnen, erzählt sie. Sie lernte einen Typen kennen. Erste Liebe, da war sie 18. Sie wurde schwanger. Ein Unfall. Nebenbei machte sie Praktika, wusste nicht, was aus ihr werden soll. Dann kam das Baby. Ein Junge. Wenn die Eltern anriefen, dauerte das Gespräch nur wenige Minuten. Vorwürfe, Unverständnis. Nach anderthalb Jahren trennte Anna sich von ihrem Freund.

"Als ich Mutter wurde, kam alles wieder hoch. Ich als Kind. Meine Mutter. Es war eine schwierige Zeit, in der ich oft allein war mit meinen Gedanken. Ich wendete meine Kraft auf, um alles anders zu machen als meine Eltern. Ich wusste, wie es geht, weil ich erfahren hatte, wie es nicht geht."

Jahrelang machte sie eine ambulante Psychotherapie, ging immer wieder in Tageskliniken. Zwischendurch, erzählt Anna, schrieb die Mutter per SMS: "Und, hast du dich wieder gefangen?"

"Jeder Kontakt war schmerzhaft, und doch konnte ich nicht anders, als zu antworten. Ich hoffte. Vielleicht hatten sie sich geändert? Vielleicht würden sie endlich verstehen? Ich wünschte, dass meine Mutter fragte, wie es mir geht. Aber es kam nichts. Ich holte mein Abi nach, das war ihr egal. Ich lernte einen neuen Mann kennen, ihr egal. Ich bekam zwei weitere Kinder, heiratete, ließ mich zur Hebamme ausbilden. Das alles war ihr egal. Einmal sagte sie: 'Heute ist Muttertag. Wieso denkst du nicht an mich?' Über die Misshandlungen von damals sprachen wir nicht mehr."

"Mama, Opa hat mich gehauen"

Dann der Tag, an dem Anna die Eltern noch einmal besuchte. Es war Wochenende. Grillen im Garten der Eltern, anschließend Übernachtung. Es war für alle etwas Besonderes. Ein letzter Versuch, sagt Anna.

"Ich konnte ihnen nie verzeihen, musste aber auch immer daran denken, dass meine Eltern selbst schwierige Kindheiten hatten. Meine Mutter aus der Alkoholikerfamilie. Mein Stiefvater, der aus einer angeblich perfekten Familie kommt, mit einem erfolgreichen Bruder, in dessen Schatten er aber offenbar immer stand. Kann man solchen Menschen übel nehmen, dass sie das Erlebte weitertragen?

Der Abend war in Ordnung. Angespannt, aber in Ordnung. Es passierte beim Frühstück. Mein Sohn sagte: 'Mama, Opa hat mir gestern auf den Po gehauen. Das tat ganz schön weh.' Ich wurde starr. 'Stimmt das?', sagte ich in die Runde. Meine Mutter sagte was. Ich hörte es nicht mehr. Ich stand auf, riss meinen Sohn vom Stuhl. 'Das war's', sagte ich. Und zu meinem Stiefvater: 'Nicht mein Sohn. Du fasst ihn nicht an.'"

Anna fuhr nach Hause, nahm sich vor, den Stiefvater anzuzeigen, erzählt sie. Eine Rechtsanwältin sagte ihr: Ein Prozess könne Jahre dauern, die Beweislage sei dünn. Ein zermürbender Gedanke, während Anna gerade dabei war, sich eine neue Familie aufzubauen. Die Kinder brauchten sie. Anna las Ratgeber, erzählt sie, verschlang Fachzeitschriften über Erziehung, um ja nichts falsch zu machen. Dazwischen hämmernde Gedanken:

"Muss man die eigenen Eltern verklagen, um sich von ihnen zu trennen? Was würde es bedeuten, wenn ich alles, was je passiert ist, vor Richtern noch einmal ausbreiten muss? Ich wollte nichts mehr von ihnen hören. Meine Mutter schrieb ab und zu, dann antwortete ich, wenn auch kühl. Mit meinem Stiefvater sprach ich fast gar nicht mehr."

Weg waren die Eltern trotzdem nie ganz. Immer wieder waren sie da, im Kopf, erzählt sie. Vergangenes Weihnachten fragte sich Anna wie jedes Jahr, wie diese Tage wohl für sie werden würden. Wird die Mutter wieder schreiben? Was würde Anna diesmal antworten? Wann hört endlich alles auf?

Sie saß mit ihrem Mann auf dem Sofa, erzählt Anna, die Kinder lagen in ihren Betten. Anna öffnete WhatsApp. Dann kam sie in ihr hoch. Die Vorstellung, dass sie jetzt, sofort, ganz einfach, mit allem Schluss machen könnte. Es dauerte ein paar Minuten. Sie blickte zu ihrem Mann, erzählt sie. Er nickte ihr zu. Dann war sie sich sicher: Dieses Mal würde sie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Endgültig. Bevor wie jedes Jahr die unechten Weihnachtsgrüße durch den Chat geschickt werden würden, Grüße, die eh keiner brauchte, sagt Anna.

"Ich lösche jetzt deine Nummer", tippte sie an diesem Abend ins Handy, so erzählt sie es heute. Sie schickte die Nachricht ab und ging ins Bett. Eine Antwort bekam sie nie. Ihre Gefühle:

"Trauer. Triumph. Riesiger Triumph. Mir war klar, mich kann keiner mehr umstimmen. Da fiel Ballast ab. Endlich hatte ich einen Schlussstrich gezogen. Trotzdem wusste ich, dass diese Erlebnisse immer ein schwerer Rucksack sein würden, den ich auf dem Rücken trage. Und dass ich immer wieder lernen muss, damit umzugehen."

Ein Jahr ist das her, seitdem hat Anna nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen. Das vergangene Weihnachtsfest war das erste ohne sie. Keine WhatsApp mehr, kein plötzlicher Anruf. Sie feierte mit ihrem Mann und den Kindern, erzählt sie. Es fühlte sich okay an, wahnsinnig gut sogar, sagt sie, dass die Eltern das alles von nun an nichts mehr anging.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Missbrauch in den späteren Jahren der Kindheit habe vor allem die leibliche Tochter des Stiefvaters getroffen. Tatsächlich handelt es sich in dem Zusammenhang um Annas leibliche Schwester. Wir haben die Angaben korrigiert.



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