Konzern-Uni bettelt um Staatsknete "Ein Armutszeugnis für die deutsche Wirtschaft"

Der Fehlstart eines Prestigeprojekts ist derzeit in Berlin zu besichtigen. Zwei Tage vor ihrer Gründung hat die Universität der Großkonzerne zu wenig Geld, kein Konzept, kaum Professoren. Jetzt will die Crème der deutschen Industrie die bankrotte Hauptstadt anpumpen.

Von Bärbel Schwertfeger


Staatsratsgebäude: Neue Heimat für High Potentials?
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Staatsratsgebäude: Neue Heimat für High Potentials?

Am Donnerstag wird ins ehemalige DDR-Staatsratsgebäude fast alles einlaufen, was in der deutschen Wirtschaft Rang und Namen hat - rund zwei Dutzend Konzernchefs, obendrein Bundespräsident Johannes Rau. Wo einst Erich Honecker logierte, entsteht eine neue Manager-Kaderschmiede: die European School of Management and Technology (ESMT). Doch viel zu feiern gibt es beim Festakt noch nicht. Denn das ehrgeizige Projekt steckt in Schwierigkeiten und droht zur Blamage für die deutsche Wirtschaft zu werden.

Die Prestige-Uni ist ein Produkt der Unzufriedenheit. Finanziell haben deutsche Unternehmen sich an privaten oder öffentlichen Hochschulen nur begrenzt engagiert, aber stets emsig an der Hochschulausbildung herumgemäkelt. Aus Sicht der Wirtschaft fehlt in Deutschland bisher eine Business School, die es in der Champions League mit Harvard oder Stanford, der französischen INSEAD oder der London Business School aufnehmen kann.

DaimlerChrysler: Einer der Motoren der Berliner Konzern-Uni. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Primus der deutschen Autobranche einen Umsatz von 152 Milliarden Euro und einen Gewinn von 5,2 Milliarden Euro. Und im dritten Quartal 2002 steigerte den Konzern den Gewinn sogar um 150 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Allianz: Ebenfalls federführend bei der Berliner Kaderschmiede - der Versicherungskonzern beschäftigt 180.000 Mitarbeiter und kam 2001 auf einen Gewinn von 1,8 Milliarden Euro. Die Deutsche Bank zählt zum Quartett der Berliner Uni-Initiatoren und häufte 2001 einen Gewinn von 1,8 Milliarden Euro an.
Eon: Der vierte Konzern im Bunde der Hochschul-Initiatoren - 166.000 Mitarbeiter, 3,1 Milliarden Euro Gewinn im vergangenen Jahr. Siemens: Ein Gigant unter den Giganten mit 484.000 Mitarbeitern und einem Gewinn von 1,4 Milliarden Euro für 2001. ThyssenKrupp koordiniert die Gründungsinitiative - 1,35 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2001.


Wie klamm sind die Großkonzerne wirklich? Sechs der 22 Firmen, die bisher nicht genügend Geld für die Berliner Kaderschmiede sammelten - per Klick auf ein Bild gelangen Sie zur Großansicht

Und so wollten deutsche Unternehmen die Sache selbst in die Hand nehmen und die Managerausbildung entstauben. Bei McKinsey gaben sie 1999 eine Studie in Auftrag. Das Ergebnis: Weltniveau ist machbar.

"Wir sagen nichts und kommentieren nichts"

Die Liste der beteiligten Unternehmen liest sich wie das "Who is who" der deutschen Wirtschaft: Früh mit von der Partie waren Allianz, DaimlerChrysler, Deutsche Bank und Eon. Mit ins Boot holten sie unter anderem ThyssenKrupp, BMW, Bosch, RWE, SAP, Schering, Siemens, die Lufthansa, Post und Telekom. Nur wenige große Namen sind nicht vertreten, etwa der Volkswagen-Konzern, der eine eigene "Auto-Uni" in Wolfsburg gründen will.

Manager Cromme: "Die Sache wird ein Erfolg"
REUTERS

Manager Cromme: "Die Sache wird ein Erfolg"

An Vorschusslorbeeren hat es durchaus nicht gefehlt. "Eine der bedeutendsten Lehr- und Forschungseinrichtungen auf dem Kontinent" kündigte etwa Gerhard Cromme an: "Das Engagement der deutschen Wirtschaft garantiert, dass die Sache ein Erfolg wird", so der Aufsichtsratsvorsitzende von ThyssenKrupp. Und die Berliner Presse schwärmte schon vom "Harvard an der Spree".

Der Lehrbetrieb soll erst 2004 beginnen, die ersten Management-Seminare laufen schon früher an - in der Außenstelle München-Riem. In Berlin sollen jährlich 2500 Manager Kurse besuchen und 500 Master-Titel verliehen werden, hieß es noch Ende September. Doch knapp eine Woche vor der Gründung gab die ESMT überraschend bekannt, die Zahl der akademischen Abschlüsse auf rund die Hälfte zu senken.

Die ESMT ist schwer ins Trudeln geraten. Seit Monaten schon geht Cromme als Koordinator der Gründungsinitiative auf Tauchstation. Wer etwas über das ehrgeizige Projekt wissen wollte, wurde stets abgewimmelt. "Wir sagen nichts und kommentieren nichts. Es ist uns egal, was die Medien schreiben", erklärte Christian König von der für die ESMT zuständigen Pressestelle bei ThyssenKrupp. Nun hat man offenbar aufgrund der zahlreichen negativen Presseberichte die Notbremse gezogen und verkündete am Freitag: "Die ESMT ist auf gutem Wege."

Vielmehr als ein Pfeifen im Wald ist das wohl nicht. Denn längst kursieren Gerüchte, dass so manches Unternehmen am liebsten wieder aus dem kostspieligen Projekt aussteigen würden - was die ESMT nicht dementiert.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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