Kopf-Bälle Gott ist rund

Kirche und Kicken, zwei Paralleluniversen? Mitnichten, meinen Hochschul-Theologen und denken ganz ernsthaft über Fußball nach: über den Zusammenhang von Christentum, antiker Arena- und heutiger Stadionkultur. Oder darüber, was Pfarrer von Fankurven lernen können.

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"Das Verhältnis der Christen zur Arena war nicht immer so harmonisch wie heute, wo Schalke eine Kapelle beherbergt und der Papst ein Kleinfeldturnier für Kinder auf dem Petersplatz austragen lässt", sagt Andreas Merkt. Den Professor für Historische Theologie an der Uni Regensburg beschäftigte der Fußball schon als Kind - als ihm nämlich seine Oma mitteilte, Fußballspielen sei Sünde. "Seither versuche ich, das Gegenteil zu beweisen."

WM-Gottesdienst (in München): An Gott kommt keiner vorbei. Außer Libuda
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WM-Gottesdienst (in München): An Gott kommt keiner vorbei. Außer Libuda

Zusammen mit zehn anderen katholischen Theologen hat Merkt ein Buch zum Thema verfasst. Er selbst zieht darin eine Linie von den römischen Arenen, in denen Christen und andere Verfolgte niedergemetzelt wurden, zu den modernen Fußballstadien - die bezeichnenderweise neuerdings auch wieder Arenen genannt werden. Als Ewald Lienens Oberschenkel im August 1981 von den Stollen seines Bremer Gegenspielers 30 Zentimeter lang aufgeschlitzt wurde, machten die Medien diese Wunde "zur Mutter aller Verletzungen", sagt Merkt, "hier blitzte sie noch einmal kurz auf: Die Schlachthausatmosphäre antiker Arenen."

Kontinuität gebe es auch bei den Versuchen, im Stadion die Massen zu manipulieren. Merkts Beispiel: Silvio Berlusconi, "der sich mit Hilfe eines Fußballvereins und eines Medienkonzerns an die Spitze des italienischen Staates katapultiert und damit in die Tradition der römischen Kaiser gestellt" habe. Stoibers Besuche beim FC Bayern oder die unvermeidlichen Bundeskanzler-Visiten bei der Nationalmannschaft seien dagegen, so der Theologe, nur Kinderkram.

"Die antike Arena und das Christentum bildeten Gegensätze", bilanziert Andreas Merkt, "im modernen Fußball aber ist eine grundsätzlich mit dem Christentum versöhnte Form von Ballspiel und Arenakultur entstanden." Und ganz falsch kann der Theologe mit seiner Analyse nicht liegen: Schließlich stammt von Papst Benedikt XVI. die Bestätigung, Fußball sei "das Heraustreten aus dem versklavten Ernst des Alltags in den freien Ernst dessen, was nicht sein muss und deshalb so schön ist".

Fangesänge auf der Empore

Auch die andere theologische Fraktion hat längst ihre Begeisterung am Kick und am Drumherum der Fans entdeckt. Für eine "Brunnenstube des Singens" hält etwa Bernhard Leube die Stadien - kein Wunder, Leube ist Pfarrer an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen. "Etliche Parallelen" zwischen Fankurven und Emporen sieht er; so wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor englischen Cup-Finalspielen das Kirchenlied "A bide with me" ("Bleib bei mir, Herr") angestimmt. Leube fordert deshalb seine Kollegen auf: "Wenn die Stadiongesangsforscher Voraussetzungen dieses öffentlichen und massenhaften Singens präsentieren, muss die Kirchenmusik daran interessiert sein."

Auch im Stadion wird mit quasi religiöser Inbrunst gesungen, Vom Fanblock lernen heißt singen lernen - nach diesem Motto will Leube die gemeinsamen Lieder im Gottesdienst wieder lebendiger machen. Sein Vier-Punkte-Plan:

  • Große Gruppen singen besser als kleine, und wer in einer Runde steht, singt mit mehr Engagement: "Man sieht die, mit denen man musikalisch kommuniziert." Im Gottesdienst fällt der Blick dagegen eher auf die leeren Bankreihen vor einem.
  • Fangesänge gehen von den Stehplätzen aus. In der Kirche heißt es dagegen: "Zum Schlusslied nehmen wir noch einmal Platz!"
  • Fangruppen haben so genannte Chantleader, die Gesänge anstimmen und den Takt vorgeben. Diese Rolle könnte in Kirchen ein Kantor übernehmen: "Er gibt vor, die Gemeinde respondiert oder sie übernimmt den Refrain."
  • Fangesänge werden auswendig gesungen, Fang-Gesangbücher wären "ein Indiz für nachlassende Lebendigkeit". In der Kirche aber ist es anders herum: "Selbst Lieder, die wir eigentlich auswendig können, singen wir aus dem Buch - beziehungsweise ins Buch hinein."

Dass Fußball überhaupt etwas mit Gottesdiensten zu tun haben soll, entspricht zwar ganz und gar nicht der Selbstwahrnehmung der Fans. Doch die irren sich, ist Bernhard Leube überzeugt: Die Menschen im Stadion agieren "wie ein Leib", sagt der Theologe - und das sei genau das Bild der christlichen Gemeinde in der Bibel.

Bei allen Parallelen zieht Leube allerdings auch klare Grenzen: Die im Stadion übliche Schmähung der Gegner, gern unterlegt mit sexuellen Anspielungen, will er im Gottesdienst nicht übernehmen. Und das plumpe Umtexten von Stadion-Evergreens - denkbar wäre zum Beispiel: "Zieht den Atheisten die Lederhosen aus…" - kommt für den Hochschuldozenten erst recht nicht in Frage.


Buchtipps:

Andreas Merkt (Hg.): Fußballgott. Elf Einwürfe. Kiepenheuer & Witsch, 2006.

Armin Himmelrath: Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung. Herder, 2006.



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