Kopflose Uni Leipzig Ein Rektor hat fertig

Volker Bigl, Rektor der Universität Leipzig, nimmt seinen Hut. Versprochen ist versprochen: Bigl hatte mit dem Rücktritt gedroht, falls die sächsische Regierung den Wiederaufbau einer 1968 gesprengten Kirche auf dem Campus beschließt. Damit eskaliert ein seit Jahren schwelender Leipziger Kulturkampf.

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Bürgermeister Tiefensee: "Schwarzer Tag"
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Bürgermeister Tiefensee: "Schwarzer Tag"

Wolfgang Tiefensee zürnt: Über einen "schwarzen Tag in der Universitätsgeschichte" klagte Leipzigs Oberbürgermeister (SPD) am Donnerstagnachmittag, über einen "schweren Schlag für die junge Selbstverwaltung einer ehrwürdigen Universität" und einen "beispiellosen Affront" der sächsischen Regierung.

Zwischen dem Land und der Universität Leipzig hat sich ein tiefer Graben geöffnet. Im Streit um den Wiederaufbau der Paulinerkirche auf dem Universitätsgelände mitten in der Stadt hat der Uni-Rektor jetzt die angekündigten Konsequenzen gezogen: Am Donnerstag gab Volker Bigl seinen Rücktritt bekannt.

Uni-Gebäude: Installation "Erinnerung an die Sprengung der Paulinerkirche"

Uni-Gebäude: Installation "Erinnerung an die Sprengung der Paulinerkirche"

Die Querelen um die Neugestaltung des Campus haben damit einen neuen Höhepunkt erreicht. Im Jahr 2000 hatte die Universität dafür Pläne vorgelegt und die Landesregierung zugestimmt. Doch als Wissenschaftsminister Matthias Rößler am Dienstag eine Kosten-Nutzen-Rechnung vorlegte, nach der ein Freihalten des Platzes für die rekonstruierte Kirche kaum teurer ist als ein Augustusplatz ohne Sakralbau, schwenkte das Kabinett um. In den Wiederaufbau sollen allerdings keine Landesmittel, sondern nur Spenden fließen. Rund 20 Millionen Euro müssten dafür zusammenkommen.

Seit 1992 hatte eine Leipziger Initiative für den Wiederaufbau der Paulinerkirche geworben, die im 13. Jahrhundert gebaut, 1543 an die Universität übergeben und 1968 von den SED-Machthabern gesprengt worden war - weil am damaligen Karl-Marx-Platz kein Gotteshaus stehen sollte.

Günter Blobel: "Moralische Verpflichtung"
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Günter Blobel: "Moralische Verpflichtung"

Als prominentes Zugpferd legte sich vor allem der Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel ins Zeug und sprach von einer "moralischen Pflicht" und "nationalen Aufgabe". Er sammelte unter anderem Unterschriften von 26 weiteren Nobelpreisträgern.

Das lange Bohren dicker Bretter zahlte sich für die Bürgerinitiative aus, führte aber zu einer Art Kulturkampf in Leipzig. Die Kirche nicht wieder aufzubauen, bedeute doch, die aus ideologischen Gründen erfolgte Sprengung "im Nachhinein zu genehmigen", argumentierte Günter Blobel, der sich schon für die Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche engagiert und in New York die Vereinigung "Friends of Dresden" und den Anstoß für eine beispiellose Spendenwelle gegeben hatte.

"Glatte Erpressung"

Die Universität und die Stadt indes wollen auf dem Augustusplatz bis zum 600-jährigen Hochschuljubiläum eine neuen innerstädtischen Campus mit moderner Aula bauen, um ihr Platzproblem zu lösen. Lediglich Elemente des Komplexes sollen an die Kirche erinnern.

Die Gegner des Wiederaufbaus finden ebenfalls deutliche Worte: Der StudentInnenrat nannte die Kabinettsentscheidung "ideologisch und kontraproduktiv". Der ehemalige Leipziger Rektor und heutige SPD-Landtagsabgeordnete Cornelius Weiss kritisierte, hier wolle "eine Hand voll ewig Gestriger ein Prestigeprojekt errichten, um die eigene Vergangenheit zu begraben". Leipzig solle "mit Hilfe der Staatsregierung auf kaltem Wege christianisiert werden", so Weiss laut "Leipziger Volkszeitung".

Für Empörung an der Universität hat vor allem der Hinweis von Wissenschaftsminister Rößler auf die Abhängigkeit der Universität von Landesmitteln gesorgt - glatte "Erpressung", schimpfen die Studentenvertreter, die ihren Rektor lieber behalten hätten und stattdessen jetzt Rößler den Rücktritt nahelegen.

Volker Bigl, seit 1997 Rektor, hat nach der Kabinettsentscheidung am Dienstag zwei Tage lang geschwiegen und dann seine Rücktrittsdrohung wahrgemacht. Und in seiner Erklärung lässt er kein gutes Haar an der Landesregierung: Sie habe unverhüllt gedroht, "den Neubau des innerstädtischen Campus ganz zu stoppen, wenn sich die Universität nicht fügen und am bisherigen (gemeinsamen!) Konzept festhalten sollte".

Der Augustusplatz vor 100 Jahren

Der Augustusplatz vor 100 Jahren

Der Bruch der Zusagen zeuge, so Bigl weiter, von einem "katastrophalen Demokratieverständnis und einer Überheblichkeit der Macht, die ihresgleichen sucht". Der Uni-Senat stärkte Bigl den Rücken und sagte die für Donnerstag vorgesehenen Gespräche mit Rößler ab; außerdem will die Hochschule nicht weiter an den Verhandlungen für den ohnehin umstrittenen Sächsischen Hochschulkonsens teilnehmen.

Wer sich im Dauerzwist um die Kirche letztlich durchsetzen wird, ist ungewiss. Das Land kann die brüskierte Universität kaum zum Wiederaufbau zwingen, die Universität den Platz nicht ohne Unterstützung des Landes bebauen - ein seltsames Patt.



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