Kopfstreik Hirnrasen statt Hermeneutik

In fast jedem gutgefüllten Hörsaal sitzen auch Studenten, die unter Depressionen, Schizophrenie oder einer gestörten Persönlichkeit leiden. Nur: Meist kriegt es keiner mit - im Uni-Betrieb sind psychische Krankheiten ein Tabu.

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Jetzt, denkt Marie, jetzt sag ich's ihr. Als Lena ihr gegenübersitzt, in der Leipziger Mensa, beide ein Tablett mit Blumenkohl, dicker gelber Soße und Kartoffeln vor sich. Bei Lena hat Marie ein gutes Gefühl. Sie hatten sich in der "Einführung in die germanistische Linguistik" wiedergetroffen. Lena hatte wissen wollen, warum Marie drei Wochen weggeblieben war.

Es kommt in diesem Massenbetrieb nicht alle Tage vor, dass einen jemand vermisst.

Grippe, hatte Marie gemurmelt. Darauf Lena: "Freut mich, dass du wieder da bist. Ich dachte schon, du kommst nicht mehr."

Maries Blumenkohl schwebt auf der Gabel, die Gabel zittert: "Lena, ich muss dir was sagen. Es war nicht nur Grippe. Ich habe Depressionen. An manchen Tagen geht's mir so schlecht, dass ich es nicht mal schaffe, aus dem Haus zu gehen oder auch nur zu telefonieren. Jetzt weißt du Bescheid. Ich hoffe, du kommst damit klar. Wenn nicht, kann ich's leider auch nicht ändern."

Lena schaut erst mal nur. "Wenn ich eine Woche lang bei meinen Eltern bin, denk ich auch, ich brauch mal 'ne Therapie, weil es mir schlechtgeht", sagt sie dann vorsichtig. "Ich denke, jeder hat irgend 'ne Macke. Aber 'ne Depression ist wohl noch was anderes?"

Ja, schon. Aber das ist immerhin eine Gesprächsbasis.

Marie, deren Name genauso geändert ist wie der aller anderen in dieser Geschichte, wird Lena vielleicht irgendwann erzählen, wie es sich anfühlt, wenn sie sich tagelang auf nichts konzentrieren kann oder Panikattacken bekommt, weil sie erschöpft ist und zu viele Menschen um sie sind. Manchmal muss sie Verabredungen absagen, auch kurz vorher.

Sie wird ihr erzählen, wie sie vor zwei Jahren auf der Intensivstation in Regensburg aufwachte, nachdem sie massenweise Tabletten geschluckt und die Hälfte unfreiwillig wieder erbrochen hatte. Wie ihre Eltern verständnislos und geschockt vor ihrem Bett standen und sie ihnen nicht in die Augen sehen konnte.

Wie es war, als sie mit 21 nach einem halben Jahr in der Psychiatrie vor den Trümmern ihres Lebens stand, mit einer verhassten kaufmännischen Ausbildung, einem angefangenen Studium, einer kaputten Beziehung, und nur eines wusste: Sie musste da raus.

Und sie wird hoffen, dass Lena sich dann nicht von ihr abwendet. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass Marie diese Erfahrung machen würde. Überhaupt gibt es im ganzen Uni-Betrieb kaum jemanden, der mit ihren Problemen etwas anfangen kann, hat sie festgestellt.

"Durch das Studieren entsteht viel Stress"

"Und das finde ich erstaunlich." Denn Studierende leiden genauso oft wie der Rest der Bevölkerung unter diagnostizierten psychiatrischen Erkrankungen: Bei ein bis zwei Prozent streikt zeitweise oder dauerhaft die Seele. Leipzig kommt folglich auf rund 750 psychisch kranke Studierende, in ganz Deutschland dürften es nahezu 40 000 sein. Andere Leiden kommen noch hinzu: In Erhebungen des Deutschen Studentenwerks gibt gut ein Viertel der Befragten an, durch psychische Beeinträchtigungen Schwierigkeiten im Studium zu haben. Fast jeder 20. nennt Probleme mit Alkohol, Medikamenten, Drogen.

"Nicht das Studium macht krank, aber durch das Studieren entsteht viel Stress", sagt die Sozialpädagogin Anne Pauly, die sich an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen in Köln mit Suchtproblemen von Studierenden beschäftigt hat. "Selbstständig lernen im anonymen Massenbetrieb, allein wohnen, sich von den Eltern ablösen, räumlich wie finanziell, eine unsichere Jobperspektive - die Versagensangst ist bei allen riesig. Aber wenn einer depressiv veranlagt ist, wird er vielleicht krank."

Psychische Erkrankungen seien sogar "der häufigste Grund zur Studienunterbrechung", heißt es in der 15. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. "Trotzdem sind psychiatrische Probleme an Hochschulen immer noch mit Tabus belegt", sagt Studentenwerk-Pressesprecher Stefan Grob. "Wo die intellektuelle Elite heranwächst, passt ein störanfälliges Denkwerkzeug besonders schlecht ins Bild. Deswegen bekommen Studierende es auch schwer hin, Interessenvertretungen zu organisieren. Hut ab, wenn einer in Jura oder BWL sagt: Ich brauche mehr Zeit, weil ich krank bin."

Und das Deutsche Studentenwerk? In dessen Broschüre für "Studieninteressierte und Studierende mit Behinderung/chronischer Krankheit" geht es um zuckerfreie Mensa-Speisen, Gebärdendolmetscher oder Rampen für Rollstuhlfahrer. Ein Kapitel, das auf die Bedürfnisse chronisch psychisch Kranker eingeht, fehlt.

Aus Angst völlig zurückgezogen

In Leipzig, wo sie keinen Menschen kannte, hatte Marie den Neuanfang gewagt. Als sie dort zum Studentenwerk gegangen war, um finanzielle Förderung zu beantragen, druckste sie erst mal herum, als sie ihrer Sachbearbeiterin Cornelia Jurack das halbe Jahr Fehlzeit erklären wollte. Die drückte ihr den Flyer einer Selbsthilfegruppe in die Hand. Jurack selbst hat sie zusammen mit einer Studentin ins Leben gerufen: Hopes Leipzig - Hilfe und Orientierung für psychisch erkrankte Studierende. Alle zwei Wochen treffen sie sich in einer Galerie.

Viele in der Gruppe waren schon mal in einer Klinik, wegen Depressionen, Schizophrenie, Magersucht, Ess-Brech-Sucht, Angstzuständen oder weil sie sich wegen einer Borderline-Störung selbst verletzen.

Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz oder Leistungsbereitschaft zu tun. Auch Genies wie Gustav Mahler, Vincent van Gogh oder Virginia Woolf waren psychisch krank. Sogar Otto von Bismarck, der Eiserne Kanzler, hatte Depressionen. Phasenweise bedeutet das: schachmatt zu sein.

Aus der Gruppe fällt immer mal einer für Wochen oder Monate aus. Praktisch alle hatten schon mal das Gefühl, jemand wolle ihnen deshalb einen Stempel aufdrücken: "Irgendwas zwischen verrückt, kriminell, faul und geistig behindert", sagt Rupert.

Vor einem Monat hat Rupert seine Abschlussprüfung in Zahnmedizin geschafft, als Jüngster, mit 23 Jahren, Note 2. An der Uni hat keiner mitgekriegt, dass er ein halbes Jahr lang schwerkrank war. Diagnose: Schizophrenie. Es hatte schleichend begonnen. Er hatte sich zurückgezogen, grübelte nur noch zusammengekauert auf seinem Bett. Manchmal spürte er in seinem Kopf ein merkwürdiges Flackern. Innerhalb von drei, vier Wochen war er überzeugt, mit einer Art Röntgenblick geheime Mechanismen zu erkennen, nach denen die anderen funktionierten. Er, Rupert, hatte das ganz große Programm durchschaut - und wurde immer ängstlicher. Denn es blieb ihm noch ein Rest von Bewusstsein, der ihm sagte, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

Immer wieder Selbstzweifel und Schuldgefühle

Seine Eltern brachten ihn in eine psychiatrische Klinik. Seiner Doktormutter erzählten sie, ihr Sohn sei überlastet und müsse sich erholen. Rupert hatte noch Glück. Seine Eltern haben ihn nicht im Stich gelassen. Und niemals hatte er sich in einem Seminar peinlich benommen, etwa sein Geheimwissen um die Weltgesetze herausgebrüllt. Anderen ist so was passiert. Wie soll man dann in einen Kreis zurückkehren, in dem einen alle, auch der Professor, für bekloppt halten?

"Woher sollen sie es auch besser wissen?", sagt Rupert. Ihm war ja vorher auch nicht klar, dass Schizophrenie nicht so selten ist und jeden treffen kann: "Der Hirnstoffwechsel funktioniert nicht so, wie er soll. Es ist wie bei Diabetes: Man kann absolut nichts dafür. Aber das muss man selbst erst mal kapieren."

Dabei hilft der Austausch mit den anderen. Mal wird "nur" über die Bewältigung des studentischen Alltags geredet, oder alle gehen gemeinsam zu einem Vortrag über Arbeitstechniken. Sie feiern Geburtstage und Weihnachten zusammen. Für den Notfall, und sei es um drei Uhr morgens, hat jeder alle Telefonnummern. Wenn einer mal wieder frisch aus der Klinik kommt und auf wackligen Beinen zurück ins normale Leben balanciert, hält ihn die Gruppe. Neulich hat jemand eine gesunde Freundin als Gast zu einem Treffen mitgebracht. "Ich hab zwar nichts", sagte die am Ende, "aber kann ich vielleicht trotzdem ab und zu kommen?"

Oft fließen bei den Sitzungen Tränen, besonders bei der Frage: "Kann ich das Studium trotz der Krankheit schaffen?" Schlimm sind die Selbstzweifel. Jeder hier hat sich schon mit nutzlosen Schuldgefühlen gequält; mit der Sorge, ob man jemals wieder so leistungsfähig sein wird wie früher oder ob man am Ende doch versinkt im Strudel der Krankheit. Es geht um die Existenz.

"Wenn man einem Gesunden davon erzählt", sagt Inka, "kommt garantiert der Abwehrreflex: 'Hey, du bildest dir das nur ein. So schlimm kann's nicht sein!'" Mittlerweile sagt sie lieber nichts mehr. Inka ist 22 und studiert Tiermedizin. Anders als manche ihrer supertaffen Mitstudentinnen kapieren in der Gruppe alle, wie tief ihre Verzweiflung über jeden Fressanfall ist. Oder wie sehr es sie verletzt, wenn ausgerechnet ihre Eltern ihr in einer depressiven Phase vorhalten: Reiß dich mal zusammen!

"Irgendwann muss man begreifen, dass man seine Eltern nicht ändert", sagt Inka. "Das zu akzeptieren und ihnen zu vergeben, dass sie so sind, ist das Schwerste."



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