Kopftuchkonferenz in Frankfurt Die offene Gesellschaft in der Zange

Eine umstrittene Konferenz an der Universität in Frankfurt widmete sich dem "islamischen Kopftuch". Ist es ein persönliches Accessoire oder Flagge der Islamisierung? Ein Thema, bei dem seit Jahrzehnten alle durchdrehen.
Protest gegen Kopftuchkonferenz in Frankfurt

Protest gegen Kopftuchkonferenz in Frankfurt

Foto: Boris Roessler/ dpa

Selten stand eine Konferenz der Frankfurter Universität derart im Fokus einer aufgeregten Öffentlichkeit wie heute. Es ging den ganzen Tag um das islamische Kopftuch und die Frage, ob es als Symbol der Würde der Frau oder ihrer Unterdrückung zu sehen sei.

Der Ausgangspunkt war eine Ausstellung im Frankfurter Museum für angewandte Kunst, in der Modeentwürfe aus der islamischen Welt, die sogenannte modest fashion, präsentiert wurde. Hierzu wollte Susanne Schröter, die sich an der Goethe-Universität mit dem globalen Islam beschäftigt, eine intellektuelle, auch kritische Erörterung der modischen Statements beisteuern.

Sowohl die Ausstellung als auch die Konferenz wurden von heftigen Protesten begleitet, das Rauschen und Wüten in den asozialen Medien war heftig. Es gab sogar eine Kampagne, um Susanne Schröter aus der Universität zu entfernen. Denn, so die Propaganda einer islamistischen Gruppe, ihre Forschung und auch die Konferenz laufe auf angewandten Rassismus hinaus. Zugleich störten sich andere an der Anwesenheit von Khola Maryam Hübsch vom konservativen Ahmadiyya-Verein.

Einige Demonstranten hatten sich vor dem Tagungsgebäude versammelt, um still ihr Missfallen zu äußern und Rassismus zu verdammen - womit sie den falschen Begriff wählten, denn Muslime gibt es bekanntlich in allen Hautfarben. So begann der Tag mit einer Pressekonferenz, in der die Präsidentin der Goethe-Universität und eine Vertreterin der Studierendenschaft, also des Asta, ihre Solidarität mit der einladenden Professorin kundtaten.

Das war außergewöhnlich, wie auch die Polizei vor dem Haus, die Fernsehkameras und generell der Andrang - es hatten sich 700 Personen zu dieser Fachtagung angemeldet. Und dann war auch wieder alles wie immer, denn beim Thema Kopftuch drehen seit Jahrzehnten alle durch. Es ist ein Thema, mit dem sich komplizierte Fragen reduzieren lassen, und sei es nur auf den Satz, dass man sich vor voreiligen Reduktionen hüten soll.

Seit Jahrhunderten leben Muslime in Europa. Aber noch immer reden wir darüber, als wären sie gestern erst vom Himmel gefallen, als seien diese Weltreligion und ihre Anhänger obskure Themen, über die nur Eingeweihte zu sprechen verstehen.

Konferenzveranstalterin Susanne Schröter

Konferenzveranstalterin Susanne Schröter

Foto: Boris Roessler/ dpa

Die Tagung begann mit zwei Überblicksvorträgen, einmal von Susanne Schröter selbst, nach ihr sprach Alice Schwarzer. Beiden gemeinsam war die historisch-politische Perspektive. Wenn man sich Bilder aus Teheran und Bagdad aus den Siebzigerjahren ansieht, lernt man, dass die Mädchen und Frauen dort eine urbane Mode trugen und die Haare offen.

Am Beispiel der Islamisierung der Öffentlichkeit in der indonesischen Provinz Aceh konnte Susanne Schröter zeigen, dass modische Bedeckung, frauenfeindliche Repression und Islamisierung durchaus Hand in Hand gehen. Sie plädiert für eine Unterscheidung zwischen dem subjektiven Entschluss einer Frau, Haar und Haut zu bedecken, die zu respektieren sei, und der systemischen und historischen Entwicklung, die das Vordringen des politischen Islams darstelle und zu der die verordnete Verschleierung gehöre - darüber müsse man aufklären.

Alice Schwarzer ist schon lange eine Chronistin dieser Entwicklung. Sie verwies in ihrer Tour d'Horizon auf eine Reise, die sie schon 1979 nach Iran unternahm, um dortigen engagierten Frauen zu helfen. Aber es war vergebens, die Verdrängung und Repression in Iran waren nicht aufzuhalten. Susanne Schröter warnte in diesem Kontext auch vor falschen Hoffnungen auf eine Wende für ein säkulares Regime in Teheran: Zu viele Männer lebten im Dienste des islamistischen Staatsapparats und profitierten von der völligen Kontrolle der Wirtschaft des reichen Landes.

Es geht um Geld, Geopolitik und militärische Macht

Die Geschichte des Vordringens des politischen Islam ist eines der brisantesten Themen unserer Zeit. Die diversen, aus Iran, Saudi-Arabien und der Türkei unterstützten politischen Bewegungen, die mit den Mitteln der Religion operieren, sind zu einer ernst zu nehmenden Herausforderung für die liberale Gesellschaft geworden.

Alice Schwarzer war eine der Ersten, die diese Strömungen korrekt als rechte politische Bewegungen eingeordnet haben. Sie, so die einleuchtende These des algerischen Autors Kamel Daoud, kooperieren bestens mit den rechtspopulistischen Parteien klassischer Provenienz, die ja auch als Bewegungen gegen Islamisierung begonnen haben. So nehmen beide, die den anderen als probates Sujet ihrer Propaganda nutzen können, die offene Gesellschaft in die Zange.

Diese makrohistorische Betrachtung des Kopftuchproblems kam aber nur zu Beginn zur Sprache. Dabei ist das einer der verblüffendsten Aspekte: Es geht bei diesem Thema um sehr viel Geld, um Geopolitik, strategische Einflüsse und militärische Macht. Aber der Streit wird am Ende über die Bedeckung weiblicher Köpfe ausgetragen, die auf all diesen Feldern wenig zu entscheiden haben. Wir regen uns leicht und womöglich zu Recht über Mädchen mit Kopftüchern auf, während die diversen Kooperationen mit Saudi-Arabien, Iran und der Türkei weiterlaufen. Hier gab die Konferenz gute, aber zu wenige Impulse.

Im Rahmen solch eines Tages der offenen Fragen zum geschlossenen Tuch war es auch möglich, sich den koranischen Quellen und den Auslegungsschulen zu nähern. Hier überzeugten die glänzenden Vorträge von Dina El Omari von der Universität Münster und Abdel-Hakim Ourghi aus Freiburg. Man würde ihre Differenzierung jeder Debatte um "den Islam" wünschen, denn sie konnten deutlich machen, dass es auch unter Muslimen nicht eindeutiger zugeht als in der christlichen oder jüdischen Tradition: Schulen, Auslegungskonflikte, divergierende Interpretationen und historische Besonderheiten prägen das jeweilige Bild des Islam.

Das Thema ist einfach zu gewaltig

Eine Beschäftigung mit den ursprünglichen Textstellen, die ein Kopftuchgebot belegen sollen, ergibt einen großen Interpretationsrahmen. El Omari plädierte dafür, für diese Arbeit der Interpretation Räume zu schaffen, etwa im Unterricht oder den Gemeinden, wo sich Frauen mit den diversen Traditionen vertraut machen können. Sie schlug vor, im Anlegen des Kopftuchs einen individuellen spirituellen Akt zu sehen, eine Geste der Demut nicht gegenüber irgendwelchen Männern oder der Gemeinde, sondern direkt an Gott adressiert.

Khola Maryam Hübsch versuchte emphatisch, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen in der islamischen Welt mit ihrem Kampf gegen ein Kopftuchverbot auf eine Ebene zu stellen. So wie man keine Frau zwingen sollte, sich zu verhüllen, so solle man ihr auch nicht befehlen können, ihre Haare fliegen und flattern zu lassen.

Der Wert der individuellen Freiheit, die Würde der Frau und die Güte des Grundgesetzes waren während dieser Konferenz ein Konsens. Differenzen gab es in der Frage des Kopftuchverbots an Grundschulen, für das sich Necla Kelek aussprach, und über die Frage der manifesteren Bedrohung - ob die nun von den Islamisten komme oder den Islamhassern.

Genau genommen braucht man beide nicht, wird aber die einen nicht ohne die anderen zurückdrängen können. Man soll also nicht die Islamisten vor den Rechtspopulisten schützen und deswegen kulturrelativistisch schonen. Und umgekehrt wird beispielsweise die Pegida-Bewegung wenig tun, das Zusammenleben in der Republik zu befördern.

Unruhig wurde es nach den Vorträgen immer wieder, auch sehr emotional, denn die Zeit für Diskussion war jedes Mal zu knapp, das Thema ist einfach zu gewaltig. Es blieben zu viele Fragen, zu viele Geschichten übrig. Im Saal waren viele interessante Frauen mit einer wechselvollen Biografie, deren Statements und Fragen noch weitere Tage gut gefüllt hätten.

Immerhin, dieser Tag des Kopftuchs hat deutlich gemacht, wie es ist, wenn eine Universität sich öffnet, sich und dem Publikum etwas zumutet: Die Bürgerinnen und Bürger kommen mit Fragen und noch mehr Fragen. Es war höchste Zeit für solch eine Konferenz.

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