Kopftuchkonferenz in Frankfurt Die offene Gesellschaft in der Zange

Eine umstrittene Konferenz an der Universität in Frankfurt widmete sich dem "islamischen Kopftuch". Ist es ein persönliches Accessoire oder Flagge der Islamisierung? Ein Thema, bei dem seit Jahrzehnten alle durchdrehen.

Protest gegen Kopftuchkonferenz in Frankfurt
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Protest gegen Kopftuchkonferenz in Frankfurt

Aus Frankfurt berichtet


Selten stand eine Konferenz der Frankfurter Universität derart im Fokus einer aufgeregten Öffentlichkeit wie heute. Es ging den ganzen Tag um das islamische Kopftuch und die Frage, ob es als Symbol der Würde der Frau oder ihrer Unterdrückung zu sehen sei.

Der Ausgangspunkt war eine Ausstellung im Frankfurter Museum für angewandte Kunst, in der Modeentwürfe aus der islamischen Welt, die sogenannte modest fashion, präsentiert wurde. Hierzu wollte Susanne Schröter, die sich an der Goethe-Universität mit dem globalen Islam beschäftigt, eine intellektuelle, auch kritische Erörterung der modischen Statements beisteuern.

Sowohl die Ausstellung als auch die Konferenz wurden von heftigen Protesten begleitet, das Rauschen und Wüten in den asozialen Medien war heftig. Es gab sogar eine Kampagne, um Susanne Schröter aus der Universität zu entfernen. Denn, so die Propaganda einer islamistischen Gruppe, ihre Forschung und auch die Konferenz laufe auf angewandten Rassismus hinaus. Zugleich störten sich andere an der Anwesenheit von Khola Maryam Hübsch vom konservativen Ahmadiyya-Verein.

Einige Demonstranten hatten sich vor dem Tagungsgebäude versammelt, um still ihr Missfallen zu äußern und Rassismus zu verdammen - womit sie den falschen Begriff wählten, denn Muslime gibt es bekanntlich in allen Hautfarben. So begann der Tag mit einer Pressekonferenz, in der die Präsidentin der Goethe-Universität und eine Vertreterin der Studierendenschaft, also des Asta, ihre Solidarität mit der einladenden Professorin kundtaten.

Das war außergewöhnlich, wie auch die Polizei vor dem Haus, die Fernsehkameras und generell der Andrang - es hatten sich 700 Personen zu dieser Fachtagung angemeldet. Und dann war auch wieder alles wie immer, denn beim Thema Kopftuch drehen seit Jahrzehnten alle durch. Es ist ein Thema, mit dem sich komplizierte Fragen reduzieren lassen, und sei es nur auf den Satz, dass man sich vor voreiligen Reduktionen hüten soll.

Seit Jahrhunderten leben Muslime in Europa. Aber noch immer reden wir darüber, als wären sie gestern erst vom Himmel gefallen, als seien diese Weltreligion und ihre Anhänger obskure Themen, über die nur Eingeweihte zu sprechen verstehen.

Konferenzveranstalterin Susanne Schröter
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Konferenzveranstalterin Susanne Schröter

Die Tagung begann mit zwei Überblicksvorträgen, einmal von Susanne Schröter selbst, nach ihr sprach Alice Schwarzer. Beiden gemeinsam war die historisch-politische Perspektive. Wenn man sich Bilder aus Teheran und Bagdad aus den Siebzigerjahren ansieht, lernt man, dass die Mädchen und Frauen dort eine urbane Mode trugen und die Haare offen.

Am Beispiel der Islamisierung der Öffentlichkeit in der indonesischen Provinz Aceh konnte Susanne Schröter zeigen, dass modische Bedeckung, frauenfeindliche Repression und Islamisierung durchaus Hand in Hand gehen. Sie plädiert für eine Unterscheidung zwischen dem subjektiven Entschluss einer Frau, Haar und Haut zu bedecken, die zu respektieren sei, und der systemischen und historischen Entwicklung, die das Vordringen des politischen Islams darstelle und zu der die verordnete Verschleierung gehöre - darüber müsse man aufklären.

Alice Schwarzer ist schon lange eine Chronistin dieser Entwicklung. Sie verwies in ihrer Tour d'Horizon auf eine Reise, die sie schon 1979 nach Iran unternahm, um dortigen engagierten Frauen zu helfen. Aber es war vergebens, die Verdrängung und Repression in Iran waren nicht aufzuhalten. Susanne Schröter warnte in diesem Kontext auch vor falschen Hoffnungen auf eine Wende für ein säkulares Regime in Teheran: Zu viele Männer lebten im Dienste des islamistischen Staatsapparats und profitierten von der völligen Kontrolle der Wirtschaft des reichen Landes.

Es geht um Geld, Geopolitik und militärische Macht

Die Geschichte des Vordringens des politischen Islam ist eines der brisantesten Themen unserer Zeit. Die diversen, aus Iran, Saudi-Arabien und der Türkei unterstützten politischen Bewegungen, die mit den Mitteln der Religion operieren, sind zu einer ernst zu nehmenden Herausforderung für die liberale Gesellschaft geworden.

Alice Schwarzer war eine der Ersten, die diese Strömungen korrekt als rechte politische Bewegungen eingeordnet haben. Sie, so die einleuchtende These des algerischen Autors Kamel Daoud, kooperieren bestens mit den rechtspopulistischen Parteien klassischer Provenienz, die ja auch als Bewegungen gegen Islamisierung begonnen haben. So nehmen beide, die den anderen als probates Sujet ihrer Propaganda nutzen können, die offene Gesellschaft in die Zange.

Diese makrohistorische Betrachtung des Kopftuchproblems kam aber nur zu Beginn zur Sprache. Dabei ist das einer der verblüffendsten Aspekte: Es geht bei diesem Thema um sehr viel Geld, um Geopolitik, strategische Einflüsse und militärische Macht. Aber der Streit wird am Ende über die Bedeckung weiblicher Köpfe ausgetragen, die auf all diesen Feldern wenig zu entscheiden haben. Wir regen uns leicht und womöglich zu Recht über Mädchen mit Kopftüchern auf, während die diversen Kooperationen mit Saudi-Arabien, Iran und der Türkei weiterlaufen. Hier gab die Konferenz gute, aber zu wenige Impulse.

Im Rahmen solch eines Tages der offenen Fragen zum geschlossenen Tuch war es auch möglich, sich den koranischen Quellen und den Auslegungsschulen zu nähern. Hier überzeugten die glänzenden Vorträge von Dina El Omari von der Universität Münster und Abdel-Hakim Ourghi aus Freiburg. Man würde ihre Differenzierung jeder Debatte um "den Islam" wünschen, denn sie konnten deutlich machen, dass es auch unter Muslimen nicht eindeutiger zugeht als in der christlichen oder jüdischen Tradition: Schulen, Auslegungskonflikte, divergierende Interpretationen und historische Besonderheiten prägen das jeweilige Bild des Islam.

Das Thema ist einfach zu gewaltig

Eine Beschäftigung mit den ursprünglichen Textstellen, die ein Kopftuchgebot belegen sollen, ergibt einen großen Interpretationsrahmen. El Omari plädierte dafür, für diese Arbeit der Interpretation Räume zu schaffen, etwa im Unterricht oder den Gemeinden, wo sich Frauen mit den diversen Traditionen vertraut machen können. Sie schlug vor, im Anlegen des Kopftuchs einen individuellen spirituellen Akt zu sehen, eine Geste der Demut nicht gegenüber irgendwelchen Männern oder der Gemeinde, sondern direkt an Gott adressiert.

Khola Maryam Hübsch versuchte emphatisch, den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen in der islamischen Welt mit ihrem Kampf gegen ein Kopftuchverbot auf eine Ebene zu stellen. So wie man keine Frau zwingen sollte, sich zu verhüllen, so solle man ihr auch nicht befehlen können, ihre Haare fliegen und flattern zu lassen.

Der Wert der individuellen Freiheit, die Würde der Frau und die Güte des Grundgesetzes waren während dieser Konferenz ein Konsens. Differenzen gab es in der Frage des Kopftuchverbots an Grundschulen, für das sich Necla Kelek aussprach, und über die Frage der manifesteren Bedrohung - ob die nun von den Islamisten komme oder den Islamhassern.

Genau genommen braucht man beide nicht, wird aber die einen nicht ohne die anderen zurückdrängen können. Man soll also nicht die Islamisten vor den Rechtspopulisten schützen und deswegen kulturrelativistisch schonen. Und umgekehrt wird beispielsweise die Pegida-Bewegung wenig tun, das Zusammenleben in der Republik zu befördern.

Unruhig wurde es nach den Vorträgen immer wieder, auch sehr emotional, denn die Zeit für Diskussion war jedes Mal zu knapp, das Thema ist einfach zu gewaltig. Es blieben zu viele Fragen, zu viele Geschichten übrig. Im Saal waren viele interessante Frauen mit einer wechselvollen Biografie, deren Statements und Fragen noch weitere Tage gut gefüllt hätten.

Immerhin, dieser Tag des Kopftuchs hat deutlich gemacht, wie es ist, wenn eine Universität sich öffnet, sich und dem Publikum etwas zumutet: Die Bürgerinnen und Bürger kommen mit Fragen und noch mehr Fragen. Es war höchste Zeit für solch eine Konferenz.



insgesamt 83 Beiträge
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Pascal Meister 08.05.2019
1. Wenigstens Kinder verschonen...
Es wäre schon ein Fortschritt, wenn Mädchen bis 15 oder 16 in der Schule kein Kopftuch tragen dürften. Noch besser wäre es, wie bis vor wenigen Jahren sogar in der Türkei üblich, das Kopftuch generell aus Schulen und Unis usw. zu verbannen zusammen mit allen anderen religiös geprägten Symbolen auch. Das funktioniert auch in Frankreich bis zu einem gewissen Grad ähnlich. Wieso bloss wollen die Deutschen da falsche Toleranz zeigen? Nicht die Religion ist das Problem, sondern das Mass der Religiosität und deren Symbolik im Alltag.
jankem4343 08.05.2019
2. Kopftücher tragen auch Christinnen!
Ich erinnere an die Russlanddeutschen, deren Frauen nur mit Kopftüchern Gottesdienste besuchen. Das Kopftuch ist also mitnichten ein nur islamisches Kleidungsstück! Auch erinnere ich mich, dass in meiner Jugendzeit viele Frauen bei bestimmten Arbeiten Kopftücher trugen, um ihr Haupthaar vor Schmutz und Dreck zu schützen. Im übrigen meine ich, das bei Kommentaren und Leserbriefen im Internet die Diskussion viel sachlicher wäre, wenn nur Kommentare zugelassen würden, die nicht anonym erfolgen. Mit freundlichem Gruß von Jan Kempermann
recepcik 08.05.2019
3. Das Problem ist der politische Islam
Der die Frau für sich instrumentalisiert. Wir dürfen aber nicht zulassen, daß die Islamisten uns verbieten wollen worüber zu diskutieren haben. Habe mal in einer Zeitschrift Vergleiche der Frauenbekleidung aus den Siebzigern in Afghanistan, Ägypten und der Türkei gesehen. Viele Frauen sind bei Ihrer Bekleidung kaum von den Frauen in der westlichen Welt zu unterscheiden. An diesem Beispiel hat man gesehen wohin der politische Islam die Gesellschaft führt.
kzr 08.05.2019
4. Naiv
In meinem Dorf, in Frankreich, Grenzgebiet zur Deutschland, werden die pubertierende Mädchen aus moslemische Familie sehr häufig aus der französische Schulen dann abgemeldet wenn es soweit ist. Und in Deutschland angemeldet. Warum ? Kopftuch tragen in der Schule ist in Frankreich nicht erlaubt. Ist es ok ? Bei uns melden sich zunehmend Eltern von moslemische Mädchen bei der Schulleitung und wollen die Sitzordnung in der Schule ändern. Das Mädchen sollte nicht neben einen Junge sitzen.. Ist es ok? Bei Halloween werde ich von der Knirpsen gefragt ob meine Suessigkeiten Gelatine enthalten.. ist es ok? Ich könnte hunderte von solche Beispiele nennen wo ich mich so nicht sehr wohl fühle und nicht genau weiß wie ich reagieren sollte. Bin ich fremdenfeindlich ? Nein, ich komme aus einer Familie mit verschiedenste kulturelle und religiöse Kreise. Toleranz war immer unser Weg zu funktionieren. Was denn ? Man kann diese kleine Episode als kulturelle Bereicherung erachten. Oder auch nicht. Ich wünsche meine deutsche Freunden die gleiche Entwicklung wie wir es in Frankreich seit 20 Jahren machen.
Cannonier 08.05.2019
5. Und bevor wieder stussige....
...Vergleiche mit dem Christentum kommen: Das Äquivalent zum Kopftuch bzw. zur Vollverschleierung von Muslima ist nicht das um den Hals getragene Kreuz einer Christin. Und selbst Nonnen hatten nie Komplettverschleierung. Auch der Vergleich mit unseren Grossmüttern auf dem Feld hinkt gewaltig. Das Kopftuch war Sonnenschutz, Lappen, Werkzeug in einem und man wurde nicht von der Gemeinschaft körperlich bestraft wenn frau keines trug. Der Quran schreibt das übrigens auch nicht explizit vor. Erstens wurde er zu einer Zeit geschrieben wo man an der Kleidung einer Frau deren Stand/Rang in der Gesellschaft ablesen konnte, insb. ob sie eine Sklavin oder "freie" Frau war (Sklavinnen waren im Patriarchat vollkommen schutzlos. Der Prophet empfahl deshalb "Verhüllung"). Zweitens ist die arabische Sprache überhaupt nicht eindeutig. Die Texte wurden vor mehr als tausend Jahren geschrieben, mehrfach übersetzt. Es ist eine moderne Interpretation dass das damalige Wort "Verhüllung" so ursprünglich gemeint war. Unsere freie Gesellschaft beruht auf der offenen Kommunikation. Ein Kopftuch mag als Kompromiss akzeptabel sein, voller Gesichtsschleier in der Öffentlichkeit keinesfalls.
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