Kopftuchstreit Barrikaden für die Barhäuptigkeit

Auch in der Türkei sorgt das Kopftuch islamischer Frauen und Mädchen für Diskussionen. Nun hat man in Istanbul sogar an religiösen Schulen das Tragen der Kopfbedeckung verboten - und stieß damit auf den Widerstand der Teenager.


Islamische Frauen: Viele wollen sich ihr Kopftuch nicht verbieten lassen
DPA

Islamische Frauen: Viele wollen sich ihr Kopftuch nicht verbieten lassen

Nicht nur in Deutschland sorgen die Kopftücher islamischer Frauen für Diskussionsstoff. Auch in der Türkei mit ihrem Grundsatz der strikten Trennung von Staat und Kirche gibt es immer wieder Auseinandersetzungen um das Stück Stoff. Denn islamischen Schülerinnen und Studentinnen ist das Tragen des Kopftuches in öffentlichen Gebäuden untersagt. Das gilt auch für Universitäten und Schulen - selbst für religiöse. Die in Ankara mitregierende Mutterlandspartei (Anap) tritt nun für die Aufhebung dieses Verbots ein.

Wie schon im vergangenen Jahr vor der Theologischen Fakultät der Marmara-Universität in Istanbul kam es auch in diesem Jahr wieder zu starken Protesten gegen das Kopftuchverbot. Angeheizt wurden die Auseinadersetzungen durch eine Ende Februar vom Gouverneur von Istanbul, Erol Cakir, erlassene Anordnung: Mit dem Beginn des neuen Semesters untersagte er auch den Schülerinnen der 23 Imam-Hatip-Schulen in Istanbul das Tragen eines Kopftuches - um einer möglichen islamistischen Unterwanderung der Lehranstalten vorzubeugen.

Schüler in Handschellen

Um die Anordnung durchzusetzen, hatte Cakir die Religionsunterricht erteilenden Schulen mit Barrikaden absperren lassen. Rein durfte nur, wer sein Kopftuch draußen ließ. Bei den lautstarken Protestaktionen der Schülerinnen gegen das Verbot kam es auch zu Verhaftungen von Minderjährigen - einige wurden sogar in Handschellen abgeführt, was auch in der Türkei bei unter 18-Jährigen nicht zulässig ist.

Die Maßnahme stößt aber sogar bei einigen Regierungsmitgliedern auf Unverständnis. So sagte etwa der Innenminister Rüstü Kazim Yücelem gegenüber der türkischen Presse: "Der Gouverneur von Istanbul reagiert nicht auf meine Worte". Doch Einfluss auf die strikte Linie Cakirs hatte diese Kritik bis dato noch nicht.

Kritiker des Gouverneurs vermuten, dass vor allem Militärkreise großen Einfluss auf die Entstehung und die Durchsetzung des Gesetzes hatten. Diese Vermutungen gründen vor allem auf einem Bericht der Zeitung "Vakit" vor rund drei Wochen. Demnach soll das Kopftuchverbot an den Imam-Hatip-Schulen auf einen von vier Militärs und zwei Zivilisten erarbeiteten Entwurf zurückgehen.

Kopftuch als Entschuldigung?

Nach Ansicht der Anap besteht keine Notwendigkeit für die Aufrechterhaltung des Gesetzes an religiösen Schulen und theologischen Fakultäten. Denn diese Einrichtungen dienten in dem islamischen Land ohnehin nur der Ausbildung religiöser Fachkräfte, sagte der Fraktionsvorsitzende der Anap, Beyhan Aslan, zu Beginn dieser Woche.

Für die Schülerinnen bleibt zu hoffen, dass bald eine Einigung gefunden wird. Denn für die Kopftuchträgerinnen wird die Lage allmählich riskant: Nach über dreiwöchigem Unterrichtsaufall sind sie mittlerweile Versetzungsgefährdet. Es sei denn, die Schulleitung erkennt das Beharren auf der umstrittenen Kopfbedeckung als Entschuldigung an.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.