Korrupte Professoren Auf schmierigen Wegen zum Doktortitel

dapd

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2. Teil: Stochern in der Grauzone - "das Ansehen eines ganzen Berufstandes steht auf dem Spiel"


Das juristische Problem war eine klare Beweisführung, denn Promotionsberater bewegen sich in einer Grauzone: Das Feilbieten von Datenbankrecherchen etwa ist noch nicht illegal, auch die Vermittlung von Kontakten zu Doktorvätern nicht zwangsläufig. Dass aber im Fall des Instituts aus Bergisch Gladbach dabei Geld floss, brachte die Staatsanwälte erst richtig auf Touren. Von einem "rechtlich kaum durchdringbaren Dickicht" sprach der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Vertretung der Universitätsprofessoren. Für DHV-Sprecher Matthias Jarosch steht "das Ansehen eines ganzen Berufsstands auf dem Spiel".

So sieht es auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft wäre zutiefst beschädigt, sollten sich die Vorwürfe bestätigen, erklärte sie am Sonntag: "Die Öffentlichkeit kann von den Hochschulen erwarten, dass sie bei Promotionsverfahren mit der größtmöglichen Sorgfalt vorgehen." Schavan unterstützt die Forderung des Deutschen Hochschulverbandes nach schärferen Regeln bei der Promotion. Sinnvoll sei eine eidesstattliche Versicherung, dass die Promotion ohne unerlaubte Hilfe entstanden sei, sagte DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer dem Sender MDR Sputnik - "das hätte abschreckende Wirkung".

Die Kunden der Promotionsberater sind in aller Regel berufstätige Akademiker, die neben ihrem Job einen Doktortitel erlangen möchten und dafür zu zahlen bereit sind. Welche Konsequenzen ihnen jetzt drohen, ist noch unklar - juristisch eher keine, lässt Günther Feld von der Kölner Staatsanwaltschaft durchblicken. "In manchen Medien wird der Eindruck erweckt, die Kunden des Instituts hätten gar keine Doktorarbeiten geschrieben", erklärte er. "Das stimmt so nicht. Es geht nur um die Frage, ob die Professoren bei der Auswahl ihrer Kandidaten bestochen wurden." Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die meisten nichts von der Bestechung gewusst hätten.

"Vollkommen klar: Der Titel wird aberkannt"

DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer schätzt das anders ein - nach seiner Auffassung können sich die Kunden kaum mit Unwissenheit herausreden. In der Tat gibt schon simples Googeln Aufschluss über die zwielichtige Rolle von Promotionsberatern. Hartmer sagte, Betrügern drohe die Aberkennung ihrer Titel. "Diese Menschen wissen, dass sie sich ihre Titel nicht durch ihre eigene wissenschaftliche Leistung erworben haben, sondern auch durch die Hilfe der Promotionsberatung. Damit ist vollkommen klar: Wenn sie den Doktortitel bereits verliehen bekommen haben, dann wird der Titel aberkannt."

Bei weitem nicht alle Interessenten dürften allerdings tatsächlich die Promotion geschafft haben: Im Hannoveraner Fall war es dem verurteilten Juraprofessor lediglich gelungen, eine Handvoll der über 60 Kandidaten erfolgreich zum Titel zu führen. Und die Universität Hannover startete im März prompt eine Rückrufaktion und erkannte neun Doktoren ihre Titel wieder ab, darunter ein Richter, mehrere Staatsdiener und Rechtsanwälte. "Wir gehen davon aus, dass die Kandidaten, allesamt Juristen, wussten, worauf sie sich einlassen", sagte der Dekan der Jurafakultät. Weitere Prozesse um die Titel-Aberkennung dürften folgen.

Die Staatsanwaltschaft wollte zu den Orten und einzelnen Beschuldigten zunächst keine Angaben machen. Nach einem Bericht des "Focus" sollen unter anderem Lehrkräfte von Hochschulen in Frankfurt, Tübingen, Leipzig, Rostock, Jena, Bayreuth, Ingolstadt, Hamburg, Hannover, Bielefeld, Hagen, Köln und die Freie Universität Berlin betroffen sein. Die meisten Universitäten äußerten sich bisher nicht; lediglich die Leitung der Bayreuther Uni kündigte an, in Köln unverzüglich nachzufragen, um welche Honorarprofessoren und welche Promotionsverfahren es sich handele.

Unterdessen werben fragwürdige Firmen ganz unverdrossen weiter im Web für ihre Dienstleistungen. Einige Beispiele:

  • "Ob Sie Unterstützung bei einer Haus-, Diplom-, Magisterarbeit oder Dissertation brauchen, unsere Spezialisten für jeden Fachbereich stehen Ihnen mit Expertise und Fachwissen zur Seite." (eine Firma aus Halle)
  • "Unser Team von über 400 akademischen Ghostwritern aller Fachrichtungen arbeitet auf höchstem wissenschaftlichen Niveau kostengünstig interdisziplinär, termingerecht und vertraulich. Unsere Kapazität gestattet es, auch größere Aufträge zügig, in Ihrem Sinne, zu bearbeiten." (eine Firma aus Löhne)
  • "Bei der Wissenschaftsberatung handelt es sich um eine Promotionsberatung, bei der wir unsere Erfahrungen im osteuropäischen Raum und den dort üblichen Ph.D.-Studiengängen gerne an promotionswillige Studenten weitergeben möchten." (eine Firma mit Kontaktadresse in der Slowakei)
  • "Sie wollen bei hoher Arbeitsbelastung promovieren/ eine Arbeit abschließen? Wir eröffnen Ihnen dafür ein reales Programm in einem überschaubaren Zeitraum. Sie haben zu wenig Zeit? Wir nehmen Ihnen Wege ab, klären Probleme und beseitigen bürokratische Hürden. Sie suchen ein optimales Thema für Ihre Doktorarbeit? Wir beraten Sie und helfen beim Finden eines Doktorvaters." (eine Firma in Leipzig)

Mit Material von dpa, AFP und AP

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Seite 1
praise 23.08.2009
1. *
Zitat von sysopRund 100 Professoren bundesweit stehen im Visier der Justiz - wegen krummer Deals mit Doktortiteln, ein Millionengeschäft. Dafür kassierten windige Promotionsberater und Professoren hohe Summen und flogen erst spät auf. Was aus den Titeln ihrer Kunden wird, ist noch offen. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,644526,00.html
Man sollte den Erwerb von Doktertiteln abschaffen. Und zwar nicht aus Neid, sondern schlicht deswegen, weil die damit verbundenen Privilegien nicht mehr zeitgemäß sind und dem Mißbrauch Vorschub leisten.
Perelly, 23.08.2009
2. ...
Zitat von praiseMan sollte den Erwerb von Doktertiteln abschaffen. Und zwar nicht aus Neid, sondern schlicht deswegen, weil die damit verbundenen Privilegien nicht mehr zeitgemäß sind und dem Mißbrauch Vorschub leisten.
*Stöhn* Es geht hier um Doktorgrade, nicht Titel. Ist wie ein weiteres Studium obendrauf, nur ein bisschen härter und anspruchsvoller. Soll man das reguläre Studium dann auch abschaffen? Wohl besser nicht. Sie wollen ja auch nicht über Brücken fahren, die jemand ohne Fachwissen geplant hat. Wenn es keine Privilegien gibt, lassen Sie die Leute doch mit ihrer Zeit und ihrem Geld machen, was sie wollen. Was ist denn da Ihr Problem? Und wenn es wirklich keine Privilegien mehr gibt erledigt sich die Sache sowieso von selbst. ;-)
hollo43 23.08.2009
3. Dissertation geschieht nicht im abgeschiedenen Kämmerlein
Zitat von Perelly*Stöhn* Es geht hier um Doktorgrade, nicht Titel. Ist wie ein weiteres Studium obendrauf, nur ein bisschen härter und anspruchsvoller. Soll man das reguläre Studium dann auch abschaffen? Wohl besser nicht. Sie wollen ja auch nicht über Brücken fahren, die jemand ohne Fachwissen geplant hat. Wenn es keine Privilegien gibt, lassen Sie die Leute doch mit ihrer Zeit und ihrem Geld machen, was sie wollen. Was ist denn da Ihr Problem? Und wenn es wirklich keine Privilegien mehr gibt erledigt sich die Sache sowieso von selbst. ;-)
Im Spon-Beitrag werden leider Korruption, Ghostwriting einerseits und legale Hilfen andererseits gleichgesetzt. Auch eine Dissertation als wiss. Mitarbeiter an einem Institut findet oft ausgiebige Unterstützung, nicht nur seitens des betreuenden Professors. Man lese sich mal die jeweiligen Danksagungen zu Beginn dieser Abhandlungen durch. Beispielsweise, zur Illustration, hier: http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/2004/799/pdf/wyssusek_boris.pdf übrigens eine sehr anspruchsvolle und gelungene Arbeit. Ein extern Promovierender kann davon nur träumen. Dennoch kann es sinnvoll sein, aus der beruflichen Praxis heraus mit einem entsprechenden Thema zu promovieren. Der Betreffende beschäftigt sich eingehender mit seiner beruflichen Tätigkeit, was seiner Qualifikation und Kompetenz sicher zu Gute kommt. Wer diesen Weg geht, wird dies sicher nicht aus Geltungssucht tun. Dazu ist der Aufwand viel zu groß. Die Wissenschaft erhält damit einen Input aus der beruflichen Praxis, der auf anderem Wege nicht so leicht zu bekommen wäre.
cartman0815 23.08.2009
4. Nur noch EGO-Denken
Die Inhalte von den neueren Doktorarbeiten sind wohl eher für die Ablage gedacht. Nur noch ein sinnloses zusammenschreiben von Literaturquelle und kaum noch eigene Inputs. Einfach nur noch lächerlich das Ganze.
Tachyonman 23.08.2009
5. ...
Zitat von hollo43Im Spon-Beitrag werden leider Korruption, Ghostwriting einerseits und legale Hilfen andererseits gleichgesetzt. Auch eine Dissertation als wiss. Mitarbeiter an einem Institut findet oft ausgiebige Unterstützung, nicht nur seitens des betreuenden Professors. Man lese sich mal die jeweiligen Danksagungen zu Beginn dieser Abhandlungen durch. Beispielsweise, zur Illustration, hier: http://opus.kobv.de/tuberlin/volltexte/2004/799/pdf/wyssusek_boris.pdf übrigens eine sehr anspruchsvolle und gelungene Arbeit. Ein extern Promovierender kann davon nur träumen. Dennoch kann es sinnvoll sein, aus der beruflichen Praxis heraus mit einem entsprechenden Thema zu promovieren. Der Betreffende beschäftigt sich eingehender mit seiner beruflichen Tätigkeit, was seiner Qualifikation und Kompetenz sicher zu Gute kommt. Wer diesen Weg geht, wird dies sicher nicht aus Geltungssucht tun. Dazu ist der Aufwand viel zu groß. Die Wissenschaft erhält damit einen Input aus der beruflichen Praxis, der auf anderem Wege nicht so leicht zu bekommen wäre.
Sie wollen doch wohl nicht ernsthaft eine Doktorarbeit von 526 Seiten als gelungen bezeichnen. Eine Fähigkeit, die man während seiner Promotion lernen sollte, ist doch gerade, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und unnötiges Geschwafel zu vermeiden. Würde ich so etwas abliefern, man würde mich auslachen.
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