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23. August 2009, 19:24 Uhr

Korrupte Professoren

Auf schmierigen Wegen zum Doktortitel

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Rund hundert Professoren bundesweit stehen im Visier der Justiz - wegen krummer Deals mit Doktortiteln, ein Millionengeschäft. Dafür kassierten windige Promotionsberater und Professoren hohe Summen und flogen erst spät auf. Was aus den Titeln ihrer Kunden wird, ist noch offen.

Erst waren es Prozesse in Hannover, dann kam eine ganze Lawine von Ermittlungsverfahren ins Rollen - und stets geht es um sonderbare Praktiken bei der Promotion. Die Kölner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen rund hundert Hochschullehrer eingeleitet. Der Vorwurf: Von einem Institut in Bergisch Gladbach sollen sie Bestechungsgelder erhalten haben, um promotionswilligen Akademikern schnell zum Doktortitel zu verhelfen.

Die Vorgeschichte reicht schon Jahre, genauer: Jahrzehnte zurück. Den letzten großen Schritt machte die Staatsanwaltschaft im März 2008, als Ermittler den Sitz des "Instituts für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach durchsuchten und kistenweise Verträge mit Kunden und professoralen Helfern mitnahmen. Es ist eine in der Hochschulszene sattsam bekannte Einrichtung, die Promotionsinteressenten auf die Sprünge hilft - angeblich legal, doch daran gab es stets große Zweifel. Den Professoren wird zur Last gelegt, möglicherweise ungeeignete Kandidaten als Doktoranden angenommen zu haben.

"Wir haben nach der Razzia eine Unmenge an Material ausgewertet", sagte der Kölner Oberstaatsanwalt Günther Feld am Sonntag. "Dabei hat sich der konkrete Verdacht gegen die jetzt Beschuldigten ergeben." Bei ihnen handele es sich um Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen; die meisten seien keine sogenannten ordentlichen Professoren, sondern Honorarprofessoren oder Privatdozenten.

Die Bergisch Gladbacher Firma, bereits vor über 20 Jahren gegründet, hatte bundesweit mit Anzeigen in Zeitungen und Fachzeitschriften für die Vermittlung von Doktortiteln geworben. Den Promotionswilligen wurde versprochen, einen geeigneten Professor zu suchen und bei der Themenfindung behilflich zu sein. Für die angeblich legalen Dienstleistungen mussten die Kandidaten jeweils bis zu 20.000 Euro an das Institut zahlen. Für die Übernahme eines Promotionskandidaten sollen bis zu 4000 Euro vom Institut an die Professoren geflossen sein - eindeutig illegal, denn die Betreuung von Doktoranden gehört zu den Pflichten von Professoren.

"Da wäre ich als Kunde doch reichlich blöd"

Den Geschäftsführer des Instituts, den promovierten Philosophen Martin D., hatte das Hildesheimer Landgericht bereits im Juli 2008 wegen Bestechung zu dreieinhalb Jahren Haft und 75.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Er hatte in über 60 Fällen promotionswillige Kandidaten an einen Juraprofessor der Universität Hannover vermittelt und ihm dafür Honorar gezahlt. Oft erfüllten die Bewerber gar nicht die Voraussetzungen. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig, der Bundesgerichtshof (BGH) hat die Revision im Mai verworfen. Auch der Juraprofessor, der in einem Fall zudem eine bessere Beurteilung gegen sexuelle Gefälligkeiten einer Studentin vergeben hatte, wurde wegen Bestechlichkeit verurteilt.

Frank Grätz, Gründer und langjähriger Leiter des Instituts für Wissenschaftsberatung, entging dagegen einer Verurteilung, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht verhandlungsfähig war. Grätz hatte über viele Jahre intensiv für das Institut getrommelt und stets beteuert, es handele sich um seriöse Dienstleistungen - etwa um Informationen zu den Details des Promotionsrechtes, um Datenbank- und Literaturrecherchen sowie Kontakte zu Doktorvätern. Grätz rühmte sich dabei eines Netzwerks zu Dutzenden von Fakultäten. Auf der inzwischen abgeschalteten Web-Seite des Instituts, das heute pleite ist, hieß es genauer: "Wir finden für Sie einen fachlich kompetenten Doktorvater (Professor oder Privatdozent), der sich in der Vergangenheit als erfolgreicher und fairer Betreuer und Gutachter erwiesen hat." Positiv in die Medien zu bringen versuchte sich Grätz sich unter anderem mit seinem "Dissertationsmuseum" und mit einem Preis für die kürzeste Doktorarbeit.

Professoren wie der Münchner Wirtschaftswissenschaftler Manuel René Theisen hatten Grätz und andere geschäftstüchtige "Promotionsberater" früh im Visier. Schon in den frühen neunziger Jahren äußerte er Zweifel am diffusen Geschäftsmodell dieses Gewerbes: So viel Geld für Dienstleistungen auszugeben, die man auch umsonst haben könne, wäre als Kunde "doch reichlich blöd". Eine Dissertation solle aber die Fähigkeit zur eigenständigen wissenschaftlichen Arbeit unter Beweis stellen, zürnte er.

Allein: Viele Jahre lang zürnte er vergebens. Verblüffend ist nicht, dass jetzt so viele Korruptionsermittlungen gegen Professoren laufen - verblüffend ist, dass dies erst so spät geschieht. Die Staatsanwaltschaften und auch die Fakultäten hätten zu lange "weggeschaut", kritisierte der BWL-Professor Theisen: "Die Promotionsberatung ist ein echter Wirtschaftszweig, es geht um Millionen Euro."

Stochern in der Grauzone - "das Ansehen eines ganzen Berufstandes steht auf dem Spiel"

Das juristische Problem war eine klare Beweisführung, denn Promotionsberater bewegen sich in einer Grauzone: Das Feilbieten von Datenbankrecherchen etwa ist noch nicht illegal, auch die Vermittlung von Kontakten zu Doktorvätern nicht zwangsläufig. Dass aber im Fall des Instituts aus Bergisch Gladbach dabei Geld floss, brachte die Staatsanwälte erst richtig auf Touren. Von einem "rechtlich kaum durchdringbaren Dickicht" sprach der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Vertretung der Universitätsprofessoren. Für DHV-Sprecher Matthias Jarosch steht "das Ansehen eines ganzen Berufsstands auf dem Spiel".

So sieht es auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft wäre zutiefst beschädigt, sollten sich die Vorwürfe bestätigen, erklärte sie am Sonntag: "Die Öffentlichkeit kann von den Hochschulen erwarten, dass sie bei Promotionsverfahren mit der größtmöglichen Sorgfalt vorgehen." Schavan unterstützt die Forderung des Deutschen Hochschulverbandes nach schärferen Regeln bei der Promotion. Sinnvoll sei eine eidesstattliche Versicherung, dass die Promotion ohne unerlaubte Hilfe entstanden sei, sagte DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer dem Sender MDR Sputnik - "das hätte abschreckende Wirkung".

Die Kunden der Promotionsberater sind in aller Regel berufstätige Akademiker, die neben ihrem Job einen Doktortitel erlangen möchten und dafür zu zahlen bereit sind. Welche Konsequenzen ihnen jetzt drohen, ist noch unklar - juristisch eher keine, lässt Günther Feld von der Kölner Staatsanwaltschaft durchblicken. "In manchen Medien wird der Eindruck erweckt, die Kunden des Instituts hätten gar keine Doktorarbeiten geschrieben", erklärte er. "Das stimmt so nicht. Es geht nur um die Frage, ob die Professoren bei der Auswahl ihrer Kandidaten bestochen wurden." Die Ermittlungen hätten ergeben, dass die meisten nichts von der Bestechung gewusst hätten.

"Vollkommen klar: Der Titel wird aberkannt"

DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer schätzt das anders ein - nach seiner Auffassung können sich die Kunden kaum mit Unwissenheit herausreden. In der Tat gibt schon simples Googeln Aufschluss über die zwielichtige Rolle von Promotionsberatern. Hartmer sagte, Betrügern drohe die Aberkennung ihrer Titel. "Diese Menschen wissen, dass sie sich ihre Titel nicht durch ihre eigene wissenschaftliche Leistung erworben haben, sondern auch durch die Hilfe der Promotionsberatung. Damit ist vollkommen klar: Wenn sie den Doktortitel bereits verliehen bekommen haben, dann wird der Titel aberkannt."

Bei weitem nicht alle Interessenten dürften allerdings tatsächlich die Promotion geschafft haben: Im Hannoveraner Fall war es dem verurteilten Juraprofessor lediglich gelungen, eine Handvoll der über 60 Kandidaten erfolgreich zum Titel zu führen. Und die Universität Hannover startete im März prompt eine Rückrufaktion und erkannte neun Doktoren ihre Titel wieder ab, darunter ein Richter, mehrere Staatsdiener und Rechtsanwälte. "Wir gehen davon aus, dass die Kandidaten, allesamt Juristen, wussten, worauf sie sich einlassen", sagte der Dekan der Jurafakultät. Weitere Prozesse um die Titel-Aberkennung dürften folgen.

Die Staatsanwaltschaft wollte zu den Orten und einzelnen Beschuldigten zunächst keine Angaben machen. Nach einem Bericht des "Focus" sollen unter anderem Lehrkräfte von Hochschulen in Frankfurt, Tübingen, Leipzig, Rostock, Jena, Bayreuth, Ingolstadt, Hamburg, Hannover, Bielefeld, Hagen, Köln und die Freie Universität Berlin betroffen sein. Die meisten Universitäten äußerten sich bisher nicht; lediglich die Leitung der Bayreuther Uni kündigte an, in Köln unverzüglich nachzufragen, um welche Honorarprofessoren und welche Promotionsverfahren es sich handele.

Unterdessen werben fragwürdige Firmen ganz unverdrossen weiter im Web für ihre Dienstleistungen. Einige Beispiele:

Mit Material von dpa, AFP und AP

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