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Kosovo: Akademiker? Nein, danke!

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Maria Feck

Kosovo Wo sich ein Studium kaum lohnt - und trotzdem so viele studieren

Akademiker haben im Kosovo kaum bessere Jobchancen. Trotzdem strömen überproportional viele junge Kosovaren an die zahlreichen Hochschulen des Landes. Warum?

Ibadete Haziri, 27, hat Pech. Und das weiß sie auch. Ihr Herz schlägt für einen Beruf, der ihr kaum Perspektiven bietet: Sie würde später gern Kinder unterrichten und studiert deshalb auf Lehramt an der Universität Pristina. Haziri hat mehr als ein Dutzend Freunde, die dasselbe studiert haben und dasselbe wollen - und keiner von ihnen hat eine Stelle als Pädagoge gefunden.

In ihrer Heimat Kosovo gibt es schlicht zu viele Lehrer - wie auch allgemein zu viele Akademiker. Der Arbeitsmarkt der kleinen Republik in Südosteuropa bräuchte Fliesenleger und Klempner statt Architekten und Frisörinnen statt Lehrerinnen. Und so ist universitäre Bildung oft kaum mehr als ein Statussymbol ohne praktischen Nutzen.

Der Campus der Universität ist ein Park mitten in Pristina, der so weitläufig ist, dass der Verkehrslärm der Hauptstadt ihn nicht durchdringt. Die ordentlich gestutzten Rasenflächen durchziehen Wege, über die Studenten zu pompösen Gebäuden wie der Nationalbibliothek schlendern, einem Achtzigerjahre-Klotz aus vergitterten Kuben und hellgrauen Kuppeln.

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Kosovo: Akademiker? Nein, danke!

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Haziri sitzt auf einer Bank vor der Bibliothek. Sie spricht leise, ihre braunen Augen schauen sanft. "Ich hoffe einfach", sagt die zierliche Studentin. Sie hofft, dass sie sich keinen Job an einer Supermarktkasse oder in einer Geldwechselstube suchen muss, so wie ihre Freunde. Dass sie vielleicht doch an einer Schule unterkommt oder ihren eigenen Kindergarten eröffnen kann.

Auf einer Bank vor der Bibliothek sitzen auch drei Chemiestudentinnen, erstes Semester, schwarze Lederjacken, dunkel gefärbte Augenbrauen. "Wir studieren nicht, um einen Job zu finden", sagt eine. "Wir mögen Chemie einfach."

Das Kosovo ist so groß wie zwei Drittel von Thüringen und hat neun öffentliche und mehr als 30 private Hochschulen. Zum Vergleich: In Thüringen gibt es insgesamt elf Hochschulen.

Chemiestudentinnen in Pristina

Chemiestudentinnen in Pristina

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Laut einem aktuellen Bericht der EU-Kommission  studieren im Kosovo anteilig doppelt so viele junge Menschen wie im EU-weiten Durchschnitt. Rund jeder 17. Bewohner des Kosovo ist ein Student. In Deutschland gilt das für jeden 29. Einwohner.

"Nach der Wende sind private Hochschulen wie Pilze aus dem Boden geschossen", sagt Frank Hantke, der seit 2004 in der Region für die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet und nun das Regionalbüro im Kosovo leitet. "Ein Studium gilt vor allem unter Kosovo-Albanern als Weg in eine bessere Zukunft, auch wenn es das de facto oft gar nicht ist."

Ein Studium steigert derzeit höchstens in Fächern wie Informatik und Ingenieurswissenschaften die Chance, beruflich erfolgreich zu sein. Die Arbeitslosigkeit liegt bei rund 30 Prozent. Jeder vierte Akademiker ist ohne Job.

Das besagt zumindest die offizielle kosovarische Statistik . Daraus geht jedoch nicht hervor, welche Jobs Akademiker ausüben. "Sehr viele arbeiten als Taxifahrer oder Kellner, aber gewiss nicht als Akademiker und schon gar nicht in ihrem erlernten Fach", sagt Hantke.

Außerdem seien sechs von zehn Kosovaren im erwerbsfähigen Alter gar nicht offiziell als beschäftigt oder Arbeit suchend registriert, heißt es in einer Studie der Weltbank . Sie meldeten sich nicht beim Amt, etwa weil sie nicht erwarteten, dort Arbeit vermittelt zu bekommen. Deswegen dürfte die Zahl derer, die arbeitslos sind oder prekär auf dem Schwarzmarkt jobben, deutlich höher liegen.

Ein großes Problem: Die Hochschulen bilden nicht die Fachkräfte aus, die der Arbeitsmarkt braucht, zum Beispiel Handwerker. Die Baubranche boomt, weil während des Kriegs in den Neunzigerjahren viele Gebäude zerstört wurden - und weil ausgewanderte Kosovaren nun für Verwandte oder für sich selbst in ihrer alten Heimat Häuser bauen lassen. Auch Verkäufer im Einzelhandel oder Mitarbeiter in Callcentern werden gesucht.

Doch auch die Berufsschulen qualifizieren junge Menschen dafür offenbar nicht ausreichend. "Der Unterricht ist praxisfern", kritisiert Hantke. Die EU-Kommission mahnt ebenfalls, es fehle der Bezug zum Arbeitsmarkt. Generell lasse die Qualität der Bildung zu wünschen übrig. Beim Pisa-Test 2015 belegte das Kosovo den drittletzten Platz.

Die Hilfsorganisation Diakonie Kosova hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Jobchancen junger Kosovaren zu verbessern. In einem Trainingszentrum am südlichen Stadtrand von Mitrovica bildet sie mit deutschem Spendengeld Fliesenleger, Schneiderinnen, Klempner, Friseurinnen und Heizungsinstallateure aus. Im Kursprogramm stehen absichtlich nur Berufe, in denen die Absolventen danach leicht Arbeit finden.

Marigona Musliu, 23, lernt in Mitrovica, wie man Haare schneidet und föhnt. Es ist ihr Glück, dass sie sich für Steckfrisuren und Dauerwellen begeistern kann und damit für einen Beruf, in dem sie gute Aussichten auf eine Stelle hat.

Ihre Chancen sind umso besser, weil Musliu einen Platz im Trainingszentrum bekommen hat. Jährlich absolvieren rund 650 Kosovaren die Kurse, die zwischen drei und fünf Monate dauern. Sie sind so kurz, dass sie mit einer zwei- oder dreijährigen Berufsausbildung in Deutschland nicht konkurrieren können. Doch im Kosovo sind die Absolventen sehr gefragt.

Marigona Musliu

Marigona Musliu

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Musliu sitzt vor einem Spiegel auf einem Friseurstuhl, ihre blondierten Haare fallen über das blauweiß gestreifte Polohemd, um sie herum ziehen fünf junge Frauen Scheitel auf Perückenköpfen, föhnen sich gegenseitig Locken ins Haar, schminken einander Lidschatten.

"Ich habe vier Jahre lang in sechs verschiedenen Salons gejobbt, weil ich etwas lernen wollte", erzählt Musliu. "Ich durfte nur putzen und zugucken, und manchmal durfte ich Strähnchen färben." Ihre Lehrerin Arta Smakiqi kennt das Problem. "Einige Frauen, die zu mir kommen, haben schon in Salons gearbeitet", sagt die 37-Jährige. "Trotzdem hatten sie fast kein Grundwissen."

Wenn sie den Kurs in Mitrovica absolvieren, können die Frauen später mehr verdienen als den Durchschnittslohn von rund 340 Euro netto, der in der Privatwirtschaft laut der kosovarischen Statistikbehörde gezahlt wird . Das liegt daran, dass die Zertifikate des Trainingszentrums hoch angesehen sind - und dass Frisöre generell gefragt sind. "Mit einem eigenen Salon kann man im Sommer, zur Hochzeitssaison, bis zu 400 Euro am Tag einnehmen", sagt Smakiqi. "Es gibt Topfriseure in Pristina, die berechnen 250 Euro pro Braut."

Musliu weiß das - und sie studiert trotzdem nebenbei. Ihr Fach: Management. Es interessiert sie nicht sonderlich. "Aber es ist wichtig für meine Eltern, dass ich einen akademischen Abschluss habe."

Was die Eltern wollen, spielt in Muslius Heimat eine große Rolle. Vor einigen Jahren ergab eine Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung , dass fast acht von zehn Kosovaren zwischen 16 und 27 Jahren wichtige Entscheidungen, die ihr eigenes Leben betreffen, gemeinsam mit ihren Eltern treffen - oder sie ihnen komplett überlassen. Neun von zehn Kosovaren wohnen in diesem Alter noch zu Hause.

Musliu ist dankbar dafür, dass ihre Eltern Verständnis dafür haben, dass sie Karriere machen will - und sie nicht dazu drängen, zu heiraten oder eine Familie zu gründen. "Ich habe gerade kein Interesse daran", sagt die junge Frau. "Ich möchte Erfolg haben."

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