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Japans ängstliche Jugend: Hauptsache, wir kriegen einen Job

Foto: Martin Herzer

Kostüm-Demo in Japan Katze Kaya faucht gegen die Kernkraft

Nach Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe ringt Japan mit der schweren Krise - doch die Jugend bleibt meist passiv: Nur wenige Studenten protestieren gegen Atomkraft, dafür mit viel Wut im Bauch und in ausgefallenen Tierkostümen. Der große Rest fürchtet Arbeitslosigkeit mehr als Kernenergie.
Von Martin Herzer

In einem Katzenkostüm steigt Kaya Hanasaki auf einen Tisch am Rand des Hibiya Parks im Zentrum Tokios. Vor ihr steht eine Menschenmenge aus Hippies in bunten Verkleidungen, Frauen in traditionellen Kimonos und Männern in weißem Hemd und schwarzer Hose, dem Standardoutfit japanischer Büroangestellter.

Um der schwülen Hitze in Japans Hauptstadt zu trotzen, wedeln viele Leute Fächer mit der einen Hand. In der anderen halten sie Schilder und Transparente. "Nie wieder Hiroshima, nie wieder Nagasaki, nie wieder Fukushima", steht drauf, oder: "Die Regierung lügt!" Kaya ruft den Leuten zu: "Wir fordern das sofortige Ende der Nutzung von Atomenergie in Japan." Sie erntet Klatschen und Nicken.

Kaya ist 24 Jahre alt und studiert Performance an der Hochschule der Künste Tokio. Sie ist Mitglied von Shiroutonoran, einer der wichtigsten Anti-AKW-Organisationen in Japan. Shiroutonoran, das heißt übersetzt so viel wie "Revolte der Amateure". 3000 bis 4000 Menschen sind heute dabei und ziehen mit Trommel- und Housemusik durch den Stadtteil Ginza im Herzen Tokios - begleitet von einem Großaufgebot der Polizei.

"Es geht doch um die Zukunft von uns jungen Menschen"

Im Mai und Juni kamen zu den Anti-Atom-Demos noch bis zu 20.000 Menschen. "Jetzt, wo das Desaster an dem Fukushima-Daiichi-Kraftwerk nicht mehr so akut ist, verlieren die Leute das Interesse", sagt Kaya und zuckt mit den Schultern. Ihre Katzenkluft solle zeigen, dass neben Menschen auch Tiere von den Folgen der nuklearen Katastrophe in Fukushima betroffen sind, erklärt sie. Andere Demonstranten tragen Panda- oder Affenkostüme.

Kaya sagt, am meisten enttäusche sie das geringe Interesse der Tokioter Studenten an den Demos. Der harte Kern von Shiroutonoran, das seien nur 20 Leute - und Kaya ist die einzige Studentin. "Ich verstehe das nicht. Bei der Frage der Kernenergie geht es doch um die Zukunft von uns jungen Menschen", klagt sie.

Tatsuya Yasui, 22, hat eine Erklärung für die Gleichgültigkeit gegenüber den Anti-Atom-Demos. Er studiert Jura an der Universität Kyoto. Wer den Aufnahmetest an dieser Elite-Uni bestehen will, muss vorher endlos büffeln und sollte die passenden Eliteschulen besucht haben. Dafür ist nach dem Abschluss ein guter Job garantiert - Tatsuya hat gerade ein Angebot der Investmentbank Goldman Sachs angenommen. "Die Studenten und die Japaner allgemein gehen nicht zu den Demos, weil viele auch nach der Katastrophe in Fukushima Atomenergie für unverzichtbar halten", sagt Tatsuya.

Job-Krise: 2011 ist jeder dritte Absolvent noch ohne Arbeit

Er selbst hat mit der Kernenergie kein Problem. Die japanische Wirtschaft brauche nun einmal viel billige Energie. Alles andere bremse die Entwicklung des Landes. Einen Ausstieg wie in Deutschland kann sich Tatsuya für Japan nur schwer vorstellen: "Wir werden auch in den nächsten Jahrzehnten Atomenergie nutzen müssen, ob uns das passt oder nicht", sagt er.

Ai Sakonju, 22, Volkswirtschafts-Studentin an der Temple Universität in Tokio, findet, an dem studentischen Demo-Desinteresse seien vor allem die japanischen Politiker schuld. Die politische und wirtschaftliche Elite Japans habe sich von der Jugend abgekapselt. Deshalb fehle der jungen Generation jede Hoffnung, wichtige politische Entscheidungen zu beeinflussen, sagt sie. Junge Leute würden sich sicher gerne politisch engagieren, aber sie wüssten eben nicht wie.

Hinzu würden wirtschaftliche Ängste kommen, sagt Ai. Seit den neunziger Jahren wächst die Wirtschaft Japans nur noch im Schneckentempo, wenn sie nicht sogar schrumpft. Das hat Auswirkungen auf junge Japaner: Die Jugendarbeitslosigkeit der unter 24-Jährigen lag im vergangen Jahr bei 9,4 Prozent - gegenüber einer Gesamtquote von nur 5,1 Prozent. Von den gut 550.000 Hochschulabsolventen im März hat jeder Dritte noch keinen Arbeitsplatz, meldete das japanische Bildungsministerium im August - schlechter sah es nur 2009 nach der Finanzkrise aus. Angesichts dieses Szenarios finden es viele junge Japaner nicht angebracht, das Wirtschaftssystem ihres Landes mit Anti-Atom-Forderungen in Frage zu stellen.

Nach der Doppel-Katastrophe aus Erdbeben und Reaktorunfall haben einige japanische Politiker und Intellektuelle dazu aufgerufen, die Krise als Chance für eine fundamentale Reform des Landes zu nutzen mit tiefgreifenden Veränderungen im politischen System, der Wirtschaft und der Energiepolitik, doch junge Japaner ziehen nicht recht mit. Ein paar neue Gesetze zur Atomaufsicht und für erneuerbare Energien sind unterwegs, sagt Anti-Atom-Aktivistin Kaya. Doch ein fundamentaler Wandel bleibe aus: "Zu wenig für die Zukunft Japans in einer Welt, in der sich alles so schnell ändert."

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