Fotostrecke

Esoterik an der Uni: Verstrahlte Masterarbeit

Foto: AP

Esoterische Masterarbeit Ich sehe was, was du nicht siehst

Zeitreisen, Telepathie und Kontakt zu Außerirdischen? Eine Masterarbeit der Viadrina-Uni will Belege fürs Hellsehen gefunden haben. Die Uni will die Ergebnisse jetzt sogar publizieren - und erntet damit Spott im Internet.

Dem Esoteriker Marcus Schmieke zufolge lassen sich im Inneren eines sogenannten Kozyrev-Spiegels außergewöhnliche Erfahrungen machen: 85,1 Prozent der Versuchspersonen berichten davon, ins Weltall ausgetreten zu sein. 75,4 Prozent wollen Ufos beobachtet haben. 55,7 Prozent hatten telepathische Kontakte. Bei 30 Prozent kam es zu Persönlichkeitsveränderungen. Dabei ist der Kozyrev-Spiegel nichts weiter als eine simple Aluminiumröhre. Die Fachliteratur ist begeistert über die Wunder, die sich so vollbringen lassen. Zumindest die parawissenschaftliche Fachliteratur.

Neuerdings beteiligt sich auch die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder an der Erforschung übersinnlicher Phänomene. Ein Berliner Orthopäde hat im Weiterbildungsstudiengang "Kulturwissenschaften - Komplementäre Medizin" eine Masterarbeit zum Kozyrev-Spiegel vorgelegt, die im Internet für Verwunderung sorgt.

"Erfahrungen im Inneren dieser Konstruktion wurden von mir selbst und mehreren Bekannten gemacht. Diese entsprachen teilweise den von Marcus Schmieke beschriebenen", schreibt der Autor in seiner Abschlussarbeit. "Darüber hinaus erleichterte und verschnellerte das Innere des Spiegels die Induktion einer Selbsttrance bis hin zur Kontaktaufnahme mit verstorbenen Angehörigen." Ein Freund, berichtet der Masterstudent, soll im Rahmen eines Vorexperiments mit Hilfe des wundersamen Alu-Dings sogar alte Konflikte mit Toten gelöst haben.

Esoterischer Unfug, den ein Professor, der halbwegs bei Sinnen ist, allenfalls mit einer Gnaden-Vier bewerten würde? Keineswegs - meint jedenfalls das Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, an dem die Arbeit entstanden ist, und lobt sie in einem Newsletter als hervorragend.

"Die Masterarbeit ist einfach nur Nonsens"

In Wissenschaftsblogs erntet die Uni damit Entsetzen: "Ein Beispiel für die völlige Entgleisung akademischer Qualitätsstandards", schimpft ein Blogger.  "Guttenbergs Dissertation konnte man immerhin noch zugutehalten, dass sie - wenn auch weitgehend abgeschrieben - einen sinnvollen und wissenschaftlich gehaltvollen Text darstellt. Die Frankfurter Masterarbeit ist einfach nur Nonsens."

Der Masterabsolvent hat in einem Experiment untersucht, ob der Kozyrev-Spiegel neben dem Kontakt zu Außerirdischen und Verstorbenen auch das Hellsehen erleichtert. Dazu wurden in einer Art Mini-Aludose verschlossene Umschläge mit Ziffern von null bis neun platziert. Dieser kleine Kozyrev-Spiegel wurde mit zwei Drähten verbunden, die die Versuchspersonen in die Hand nehmen sollten. Dann sollten sie erraten, welche Zahl auf dem Zettel in der Aluminiumdose steht. 22 Probanden nahmen an dem Experiment teil.

Das Ergebnis fällt durchwachsen aus: Die Versuchspersonen lagen beim Zahlenraten in der Regel nicht überzufällig oft richtig. Nur wenn sie sicher wussten, dass die Drähte in ihren Händen zu einem Kozyrev-Spiegel führten und nicht zu einem Behälter ohne esoterische Wirkung, trafen sie etwas häufiger und statistisch signifikant ins Schwarze, schreibt der Autor.

Autor hält Wirksamkeit des Spiegels für erwiesen

Eine Sensation? Der Verfasser beteuert gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass das Ergebnis nicht durch Mogelei zustande gekommen ist. Der Versuch sei doppelverblindet abgelaufen. Das heißt, weder der Versuchsleiter noch die Versuchspersonen wussten, welche Zahl sich in der Aludose befand. Allerdings lernt jeder Statistik-Student in den ersten Semestern: Auch ein einzelnes Ergebnis, das als signifikant erscheint, kann ein reiner Zufallsbefund sein. Erst wenn viele Studien unabhängig voneinander zum selben Resultat kommen, ist vielleicht wirklich Magie im Spiel.

So ähnlich äußert sich nach der Netz-Kritik nun auch Institutsleiter Harald Walach, der die Masterarbeit betreut hat. Man könne den Befund zwar als "Hinweis für Hellsehen werten", es bedürfe aber weiterer Untersuchungen, schreibt er in einem Statement.  Sein Gesamtfazit: "Die Arbeit widerlegt Kozyrev. Dieses Faktum werden wir auch publizieren."

Seltsam nur, dass sich das in der hochgelobten Masterarbeit ganz anders liest. "Die Wirksamkeit der Spiegel halte ich für erwiesen", resümiert der Verfasser darin - und zitiert sogleich die sogenannte Generalisierte Quantentheorie, die Masterarbeitsbetreuer Walach einst entwickelte, um ebensolche übersinnliche Phänomene zu erklären.

Eigenwilliges Wissenschaftsverständnis der Uni

Auch das Studium schien nicht besonders viel Wert darauf zu legen, den Studenten eine kritische Distanz zum Obskuren zu vermitteln: In der Masterarbeit schreibt der Student, Walach habe ihn nach einer Meditationsübung während eines Seminars sogar zu weiteren Selbsterfahrungsversuchen in dem mysteriösen Alu-Apparat motiviert. Gegenüber SPIEGEL ONLINE widerspricht der Master-Absolvent ausdrücklich Walachs Interpretation, wonach die Ergebnisse der Arbeit gegen das Wundergerät sprächen. Und von einer geplanten Publikation wisse er nichts. Walach selbst war für eine weitere Stellungnahme nicht zu erreichen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Universität Viadrina mit einem eigenwilligen Wissenschaftsverständnis auffällt. Ein früherer Kooperationspartner von Walachs Institut war die Deutsche Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin (DGEIM), ein Lobbyverband von Medizinern, die sich für Geistheilerei und ähnlich spekulative Verfahren erwärmen. Die Energie-Heiler sollten ursprünglich sogar ein Lehrmodul für die Viadrina organisieren.

Im Curriculum der DGEIM vorgesehen war unter anderem ein gewisser Hartmut Müller, der versprach, mittels Gravitationswellen Daten zu übertragen und Lottozahlen vorherzusagen und kürzlich vom Landgericht Dresden wegen Betrugs zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Ausgerechnet Müller wird in der Masterarbeit als wissenschaftliche Quelle aufgeführt.

Das Lehrmodul wurde damals abgesagt - angeblich mangels Nachfrage. Mit der Energiemedizin-Lobby gebe es keine Zusammenarbeit mehr, beteuerte Walach kürzlich in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" . Er wolle schließlich seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen.

Interessant ist, wie sich der Verfasser der Masterarbeit äußert. Es hätte von der Deutschen Gesellschaft für Energetische und Informationsmedizin Anfragen wegen seiner Arbeit gegeben. Verbandspräsident Hendrik Treugut sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass er den Absolventen zwar nicht persönlich kenne, es aber inoffiziell weiter Kontakte zur Viadrina gebe: "Wir kennen uns ja alle und sprechen miteinander." Dass Walach sich von dem Verband öffentlich distanziert, damit könne er leben. Die Arbeit zum Kozyrev-Spiegel hingegen, die findet auch Treugut hochinteressant.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.