Krach an der Uni Leipzig Kirche wieder da, Rektor weg?

Der Streit um die 1968 gesprengte Leipziger Uni-Kirche spitzt sich zu. Rektor Volker Bigl hat mit Rücktritt gedroht, falls sich Sachsen für die Rekonstruktion der Paulinerkirche entscheiden sollte. Nun wird es eng: Am Dienstag hat das Landeskabinett beschlossen, die Pläne zum Wiederaufbau zu unterstützen.


Der umstrittene Augustusplatz: "Installation Paulinerkirche" (von Axel Guhlmann)

Der umstrittene Augustusplatz: "Installation Paulinerkirche" (von Axel Guhlmann)

Leipzig - Acht Jahrhunderte und sogar den zweiten Weltkrieg hatte sie fast schadlos überstanden, aber dann sprengte die SED sie weg: 1968 ließ das damalige DDR-Staatsoberhaupt Walter Ulbricht die Paulinerkirche in Schutt und Asche legen - am Karl-Marx-Platz sollte kein Gotteshaus stehen. An der gleichen Stelle entstand ein hässliches Verwaltungsgebäude der Universität mit markantem Marx-Relief.

35 Jahre nach der Sprengung ist nun ein heftiger Streit um die künftige Gestaltung des Hochschulgeländes entbrannt: Ein Förderverein macht sich seit Jahren für den Wiederaufbau der Kirche stark, doch Uni-Rektor Volker Bigl hat für diesen Fall mit seinem Rücktritt gedroht.

Die gesprengte Kirche sorgt schon seit Jahren für hitzige Debatten. Zum 600-jährigen Jubiläum der Universität Leipzig im Jahr 2009 soll das Hochschulgelände neu gestaltet werden; die Finanzierung im Umfang von 90 Millionen Euro teilen sich der Bund und das Land.

Zur Neugestaltung gibt es allerdings sehr unterschiedliche Vorstellungen. Nach dem Konzept der Universität, die dazu einen Wettbewerb ausgeschrieben hatte, ist ein Wiederaufbau der Kirche nicht vorgesehen. Auch das Land Sachsen war bisher aus Kostengründen dagegen und hatte im Jahr 2000 dem Neubaukonzept der Uni zugestimmt. Lediglich Elemente des Komplexes sollten an die Kirche erinnern.

Kehrtwende der Landesregierung

Doch zugleich gibt es vehemente Forderungen nach einer Rekonstruktion des gotischen Baus, der aus dem 13. Jahrhundert stammt und seit 1543 zur Universität gehörte. Wissenschaftsminister Matthias Rößler hat offenbar seinen Kurs geändert: Am Dienstag präsentierte der CDU-Politiker im Kabinett eine neue Kosten-Nutzen-Rechnung - und nach den Berechnungen von Bauexperten der Ministerien kommt das Freihalten des Platzes nur unwesentlich teurer als die Campus-Neugestaltung ohne Kirche.

Der Augustusplatz im Jahre 1900

Der Augustusplatz im Jahre 1900

Nun hat das Kabinett über den Sakralbau beraten und die Unterstützung des Wiederaufbaus beschlossen. Bei der Neugestaltung des Hochschulkomplexes am Augustusplatz soll eine Fläche für die Kirche freigehalten werden. Wissenschafts- und Finanzministeriuministerium sollen die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau mit der Universität, der Stadt und Vertretern der Pauliner-Initiative klären.

Was aus Bigls Rücktrittsdrohung wird, ist momentan noch offen. Der Rektor hatte angekündigt, sein Amt niederzulegen, falls die Landesregierung sich nicht an die Einigung aus dem Jahr 2000 halte - aus seiner Sicht ein Vertrauensbruch. "Man spricht immer nur über die Uni, aber nicht mit ihr", sagte Bigl. Seine Entscheidung will er erst Ende der Woche bekanntgeben und zunächst Sitzungen mit dem Rektorat und Senat abwarten. Am Dienstagnachmittag werde Rössler den Rektor persönlich über die Kabinettsentscheidung informieren, kündigte das Wissenschaftsministerium an.

"Wiedererrichtung ist nationale Verpflichtung"

Auch Cornelius Weiss, hochschulpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion und früherer Uni-Rektor, sagte, Sachsen müsse sich an die Zusage halten, damit die Universität nicht ihre Identität verliere. Wissenschaftsminister Rößler hingegen beteuerte, dass der Universität durch einen Wiederaufbau der Kirche keine Nachteile entstehen würden. Ausgleichsflächen in der Nähe stünden bereit.

Homepage des Paulinervereins: Steter Tropfen höhlt den Stein

Homepage des Paulinervereins: Steter Tropfen höhlt den Stein

Studentenvertreter der Uni Leipzig kritisierten Rößlers Wende, die von Unwissenheit zeuge. Der StudentInnenrat könne die Rücktrittsdrohung des Rektors verstehen und spreche sich, ebenso wie das Rektorat, gegen einen Wiederaufbau der Kirche aus. Es sei immer betont worden, dass ein Universitätsgebäude in erster Linie funktional sein müsse und nicht als touristische Attraktion oder geistiger Erinnerungsort dienen sollte. 56 Prozent der Leipziger Bevölkerung seien gegen den Wiederaufbau der Kirche.

Die Befürworter sind vielfältig. Berühmter und energischer Kämpfer für die Paulinerkirche ist Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel. "Die Wiedererrichtung der Paulinerkirche ist eine nationale Verpflichtung", so Blobel gegenüber der "Welt".

Günter Blobel: "Nationale Verpflichtung"
DPA

Günter Blobel: "Nationale Verpflichtung"

Auch der Paulinerverein, ein Förderprojekt für das Gebetshaus, setzt sich vehement für das Projekt ein und wählte Blobel zum Vorsitzenden. Der sammelte schon im Jahr 2001 fleißig Unterschriften bei 27 anderen Nobelpreisträgern und begeisterte sogar den Vatikan für das Projekt. Selbst die katholische Kirche überlegt, 10 Millionen Euro für die Errichtung der evangelischen Paulinerkirche beizusteuern.

Die evangelisch-lutherische Landeskirche hingegen meldet Zweifel an einem Wiederaufbau des gotischen Baus an. Die Pläne für einen "modernen Campus" reichten für die Bedürfnisse der evangelisch-theologischen Fakultät völlig aus, so die "Welt".

Von Maike Albrecht



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