"kraut" macht mobil Eine Zeitung auf Deutschlandreise

Seit Monaten touren sie kreuz und quer durchs Land: Mit einem seltsamen Projekt aus Kunst und Lokalzeitung suchen Berliner Studenten nach deutschen Befindlichkeiten. Und schreiben auf, was kleine Leute zu sagen haben, die sonst nie jemand fragt – ein Stimmungsbarometer aus dem giftgrünen Container.


"Kraut"-Ausgabe Deggendorf: Heile Wohlstandswelt

"Kraut"-Ausgabe Deggendorf: Heile Wohlstandswelt

Das sächsische Hoyerswerda ist arm, und wer es sich leisten kann, der zieht weg in wirtschaftsstärkere Regionen. Wie in das bayerische Deggendorf - ein Städtchen, das stolz auf seinen Wohlstand und seine Ruhe ist. Deutsche Orte, die scheinbar wenig Gemeinsamkeiten haben. Ticken auch die Menschen jeweils anders? Und wie kann man das überhaupt feststellen?

Christian Lagé, Student an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, und seine Mitstreiter haben es mit einem ausrangierten Pförtnerhäuschen der Berliner Stadtreinigung versucht, das sie im Verlauf von fünf Monaten auf den Marktplätzen von 20 Städten abluden. Ihr Projekt entstand zwischen Computern, abgebrochenen Bleistiften, Büroklammern und tütenweise Gummibärchen, mittels Tesa und einem Kopiergerät, finanziert von der Bundeskulturstiftung: "kraut". Eine Art Lokalzeitung mit einem Namen, wie er deutscher kaum klingen könnte.

Mobile "speaker's corner"

Gestartet wurde die Deutschlandtour im eher tristen Berlin-Lichtenberg und endet nun wenige Kilometer entfernt. Am Montag steht das giftgrüne Häuschen mit den pinkfarbenen Fensterläden noch im glitzernden Berlin-Mitte neben der Schlossbrücke. Das Prinzip von "kraut": Für eine Woche erkunden fünf Redakteure und lokale Künstler ihren Standort und produzieren täglich eine Ausgabe.

Hoyerswerda-Ausgabe von "Kraut": Deutschland von unten

Hoyerswerda-Ausgabe von "Kraut": Deutschland von unten

"Wie wird man in Deutschland täglich verrückter?", will etwa Autor Patrick Hubenthal ergründen. "kraut" versteht sich jedoch vor allem als mobile "speakers corner", deren Macher kommunikative Lücken füllen wollen. "Das Verlangen, aus dem Mittelmaß herauszutreten, hat besonders in den Medien paranoide Züge angenommen", sagt Lagé.

"kraut" widmet sich dagegen ganz dem, was die "kleinen Leute" zu sagen haben. Eine Bürgerinitiative läuft in Hoyerswerda Sturm gegen den Rückbau von Plattenbauten. "kraut" druckt hitzige Beschwerden aus einem Internetforum - von Menschen, die fürchten, dass ein Teil ihrer Lebensläufe der Abrissbirne zum Opfer fällt. In Frankfurt am Main vermisst eine Frau ihre Hündin. Ins Blatt kommt eben alles, was die Menschen gerade bewegt.

Die Texte haben keinen Objektivitätsanspruch, einen roten Faden gibt es nicht. Nur den Anspruch, das zu berichten, was die Medien sonst nicht interessiert. In Stuttgart dreht sich etwa vieles um das Gefängnis und seine Insassen am Rande der Stadt. Die Bandbreite reicht von Footballtraining für Knackis bis zur Erotik-Ausgabe mit Sexbildchen, die den Besuchern der Knast-Bibliothek die Zeit verkürzen soll.

Kommunikative Lücken entdeckt

Nach Ende der Städtetour planen die Studenten, die "kraut"-Ausgaben zu mehreren Büchern zusammenzufassen - ein Stimmungsbarometer Deutschlands. Glaubt man "kraut", hängt die Laune wesentlich von den Lebensbedingungen ab. "In Hoyerswerda war die Atmosphäre verzweifelt und viel politisierter als in Deggendorf oder Konstanz, wo die Welt noch heil ist", sagt Lagé.

"Kraut" aus Berlin-Lichtenberg: Dicht dran m Normaldeutschen

"Kraut" aus Berlin-Lichtenberg: Dicht dran m Normaldeutschen

Wenn die "kraut"-Redakteure am Bodensee einen Obdachlosen unterstützen, der Oberbürgermeister werden will, finden die Bürger das lustig. Menschen in Not sind dort ein Kuriosum. Eines eint aber alle Deutschen, die den "kraut"-Machern über den Weg liefen. "Die Leute reden und denken viel ernsthafter und radikaler, als es in den Medien oder als Feedback von Institutionen und Politikern rüberkommt."

Auch das eine kommunikative Lücke: Während etwa Leipzig versucht, sich zur Metropole zu wandeln, plädiert ein umherziehender Obdachloser aus dem Ruhrgebiet in "kraut" leidenschaftlich für mehr Bodenhaftung - obwohl es ihm ja eigentlich egal sein könnte. "Die Menschen beschäftigen sich mehr mit ihrer Umwelt, als man gemeinhin so glaubt", sagt Lagé. Man muss es nur aus ihnen herausholen.

Von Steffen Becker, ddp



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