Auslandsstudium im Sozialismus "In Kuba wird mehr diskutiert"

Warum haut das mit der Planwirtschaft nicht hin? An der Uni in Havanna streiten die Studenten heftig, mit dabei Steffen Vogel, 23. Hier verrät er, warum ihm das Wirtschaftsstudium in Kuba besser gefällt als in Deutschland.

Privat

Steffen Vogel, 23, hat gerade ein Austauschsemester an der Universität von Havanna verbracht. In Deutschland studiert er "Internationale Beziehungen" in Dresden. In Kuba, dem Land des Sozialismus, besuchte er Wirtschaftsvorlesungen. Dort diskutierten die kubanischen Studenten und Professoren heftig darüber, wie es weitergehen soll.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamst Du dazu, ausgerechnet in Kuba Wirtschaft zu studieren?

Vogel: Diese Frage hatte ich mir vorher auch gestellt: Havanna und Wirtschaftswissenschaften? Dieses scheinbare Paradox hat mich gereizt. Gerade deswegen bin ich nach Kuba gegangen. Ich wollte mir ansehen, wie Sozialismus funktioniert oder eben auch nicht funktioniert. In Deutschland steht Sozialismus überhaupt nicht auf dem Lehrplan. Man muss schon Glück haben, um soziale Marktwirtschaft gelehrt zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Was unterscheidet den Wirtschaftsunterricht in Havanna von dem in Dresden?

Vogel: In Deutschland beschäftigen wir uns im Unterricht mit theoretischen Modellen. Wir rechnen seitenweise Gleichgewichtswerte aus, von denen jeder im Saal weiß, dass sie in der Realität niemals eintreten werden. Im Unterricht in Havanna lernt man zwar auch diese Modelle. Aber man sieht ja, dass es in Kuba nicht so funktioniert und auch anderswo in der Welt nicht. Deswegen wird über diese Modelle auch hinausgeschaut, mehr diskutiert und hinterfragt.

SPIEGEL ONLINE: In den Vorlesungen in Kuba wird mehr diskutiert?

Vogel: Ja, da war ich wirklich positiv überrascht. Die Annahmen hinter den Modellen werden hinterfragt. In Deutschland ist alles, was nichts mit Zahlen zu tun hat, keine Wirtschaftswissenschaft. In Kuba dagegen zwingen einen die äußeren Umstände, die dysfunktionale Planwirtschaft, viel mehr zum Nachdenken. Rechnen allein reicht da offensichtlich nicht mehr aus. Man muss einfach mehr denken.

SPIEGEL ONLINE: Und wer widerspricht, wird dann abgestraft?

Vogel: Nein. Das fand ich das Spannendste: An der Uni werden Sachen gesagt, die man nie in der Zeitung lesen würde. Es ist eine Parteizeitung, und die findet alles immer verhältnismäßig gut. An der Uni dagegen darf man kritisieren, aber eben konstruktiv. Es gibt diesen Schutzmantel der Wissenschaften, der das erlaubt. Wie es weitergehen soll, das wird hinter den verschlossenen Türen des Politbüros diskutiert. Und an den Universitäten.

SPIEGEL ONLINE: Was kritisieren denn die kubanischen Professoren?

Vogel: Ich hatte einen Professor, der gesagt hat: "Kuba braucht mehr Markt. Hier findet so viel Stagnation statt, die Produktivität ist so niedrig. Man muss den Leuten mehr Privatinitiative erlauben. Der Durchschnittslohn hier liegt bei 20 Dollar, das sind 20 Bier - das ist zu wenig." Das sind alles Dinge, die so niemals in der Zeitung stehen dürften.

SPIEGEL ONLINE: Werden diese kritischen Stimmen denn gehört?

Vogel: Es gibt einen Austausch zwischen der Regierung und der Universität. Einer meiner Professoren berät das Wirtschaftsministerium. Aber die bürokratischen Strukturen sind viel größer und eingefahrener, als dass eine einzelne Stimme groß gehört würde. Seit Raúl Castro hat sich aber einiges getan.

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Jugend in Castros Kuba: Freiheit, die wir meinen
SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich Deine Kommilitonen Dir gegenüber verhalten?

Vogel: Ich wurde nicht mit ganz offenen Armen empfangen. Man muss dazu wissen: Der Unterricht in Kuba ist viel verschulter als bei uns. Man sitzt in Klassen mit ungefähr 36 Leuten und diskutiert. Eine Klasse macht den ganzen Studiengang zusammen. Das ist eine eingelebte Gemeinschaft, die die ganzen fünf, sechs Jahre miteinander durchfeiert, und dann kommen für ein halbes Jahr ein paar "Yumas" dazu - so werden Ausländer auf Kuba genannt.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, in Kuba Anschluss zu finden?

Vogel: Die Lebenswelten von Ausländern und Kubanern sind doch sehr verschieden, auch wenn wir im gleichen Land leben. Die Geldbarriere ist jedes Mal wieder für mich schockierend. Wir Ausländer können eben mal zum Strand fahren, eine Stunde Taxifahrt für einen Dollar. Das können sich meine Kommilitonen nicht leisten und wir haben sie eingeladen. Das Grundproblem ist die soziale Ungleichheit. Ich bin eben hundertmal so reich wie meine kubanischen Mitschüler. Aber ich habe auch großartige Menschen kennengelernt und bin sehr glücklich geworden in Kuba.

SPIEGEL ONLINE: Was war an der Uni für Dich das Schwierigste?

Vogel: Das Internet ist in Kuba richtig schlecht. Das ist der größte Mangel. Es gibt zwar Internet, und jeder Student an der Uni hat einen Zugang. Aber es ist unfassbar langsam. Die Geschwindigkeit reicht oftmals nicht für ganze Webseiten, und man hat eine Quote von nur 20 MB im Monat. Es gibt schnelles Internet in den staatlichen Internetcafés, aber das kostet 4,50 Dollar die Stunde. Das muss man vergleichen mit dem durchschnittlichen Monatslohn von 20 Dollar. Da kann man sich vorstellen, wie es mit der Recherchefreundlichkeit aussieht für viele Studenten.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es jetzt mit Dir und Kuba weitergehen?

Vogel: Im August will ich für ein Praktikum zurückkommen, wenn das klappt. Kuba hat mich angefixt. Es ist schon spannend, was da passiert.


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Das Interview führte Raniah Salloum.



insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
Horstino 17.02.2014
1.
Bei allen Problemen die es auch im Kapitalismus gibt. Es ist das einzige Grundkonzept, dass überhaupt dauerhaft funktioniert und darum übernehmen auch sozialistische Staaten wie China und Kuba mehr und mehr Privatwirtschaft. Vielleicht ist die soziale Gleichheit höher (wobei in sozialistischen Systemen halt gerne die Parteibonzen die Taschen voll machen statt Unternehmern und "Bankster"), aber es ist kein: "Es geht allen gleich gut", sondern Gleichheit auf einem extrem niedrigen Niveau. Ich würde behaupten, der deutsche Hartzer lebt besser als viele Kubaner. Handelt mit es, liebe Spätkommunisten.
HalfPastNein 17.02.2014
2.
Im August will er wohin zurück? Im letzten Satz fehlt wohl etwas.
normalo3006 17.02.2014
3. Schöner Werbeartikel für die KP-Diktatur
Man muss zwar 'den Privatleuten mehr Privatinitiative erlauben' (wie entlarvend wie 'das System' 'seine Bürger' betrachtet), aber ansonsten ist alles ganz ok und ziemlich 'frei' und so. Wenn bloß das Internet nicht so langsam wäre ... kein Wort von Ausweispflicht im Web-Cafe und Zensur, gleichgeschalteten Medien, Oppositionellen im Knast etc. Der junge Herr sollte gleich mal dort bleiben und PR-Mann für die roten Herren werden. Und SPON kommt auch nicht umhin irgendwo darauf hinzuweisen, dass Kuba zu den 10 rückständigsten Diktaturen der Welt zählt. Schade.
jstm 17.02.2014
4. Problem der Planwirtschaft
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWarum haut das mit der Planwirtschaft nicht hin? An der Uni in Havanna streiten die Studenten heftig, mit dabei Steffen Vogel, 23. Hier verrät er, warum ihm das Wirtschaftsstudium in Kuba besser gefällt als in Deutschland. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/kuba-wirtschaft-studieren-im-land-des-sozialismus-a-952553.html
"Warum haut das mit der Planwirtschaft nicht hin?" Eine Antwort liefert die Spieltheorie mit der "Tragik der Allmende (tragedy of the commons)". Beim Allmendeproblem besteht die optimale Gesamtstrategie in allseitiger Kooperation, diese kann aber nicht erreicht werden, da Nicht-Kooperation die individuell optimale Strategie ist. Die Nicht-Kongruenz von gesellschaftlichem und individuellem Optimum kann somit das Scheitern aller Sozialismusversuche verantwortlich gemacht werden. Typischerweise wurde in sozialistischen Systemen seitens der Staatspartei versucht, das Dilemma durch Überzeugungsarbeit zu lösen: "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben" (E.Honnecker), sowie durch Prämien für Planerfüllung, die aber nicht individuell, sondern für das jeweilige Arbeitskollektiv ("`Brigade"') vergeben wurden. In marktwirtschaftlichen Systemen wird das Dilemma durch Sanktionierungen "gelöst", entweder individuell durch Entlassungen einzelner Mitarbeiter oder kollektiv durch Schließung ganzer Betriebe (Motto am Werkstor: "Qualität sichert auch deinen Arbeitsplatz"). Langzeitversuche (z.B. UdSSR, DDR, Kuba, Nordkorea, China) haben immer wieder gezeigt, dass die marktwirtschaftliche Variante brutaler, aber effektiver ist.
wauz, 17.02.2014
5. Eben nicht dauerhaft
Zitat von HorstinoBei allen Problemen die es auch im Kapitalismus gibt. Es ist das einzige Grundkonzept, dass überhaupt dauerhaft funktioniert und darum übernehmen auch sozialistische Staaten wie China und Kuba mehr und mehr Privatwirtschaft. Vielleicht ist die soziale Gleichheit höher (wobei in sozialistischen Systemen halt gerne die Parteibonzen die Taschen voll machen statt Unternehmern und "Bankster"), aber es ist kein: "Es geht allen gleich gut", sondern Gleichheit auf einem extrem niedrigen Niveau. Ich würde behaupten, der deutsche Hartzer lebt besser als viele Kubaner. Handelt mit es, liebe Spätkommunisten.
Die bürgerliche Wirtschaftsweise, und ihre entwickelte Form, der Kapitalismus, funktioniert in einer bestimmte Phase der Wirtschaftsentwicklung gut. In der zeit nämlich, in der es darum geht, die Produktivkräfte zu entwickeln. Spätestens dann, wenn diese so weit entwickelt sind, dass die wesentlichen Konsumwünsche der Bevölkerung befriedigt sind, kommt er in die Krise. Das ist im "entwickelten" Westen so seit etwa 1970 der Fall. Danach gab es (bei uns unter Schmidt) die Profitklemme, abgelöst durch die Kohl'sche Dauerkrise, bis hin zu der Degradierung ganzer Schichten zurück in die Armut, was sich dann Agenda2010 nannte. Der Euro steht vor einer riesigen Währungsreform. Unter diesen Umständen ist es doch sehr gewagt, zu behaupten, der Kapitalismus funktioniere dauerhaft.
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