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19. Juli 2018, 07:33 Uhr

Künstliche Intelligenz

"Wenn wir Roboter wie Sklaven behandeln, werden sie rebellieren"

Ein Interview von

Deutschland soll ein führender Standort für künstliche Intelligenz werden. Entsprechende Studiengänge gibt es bereits, aber was lernt man da eigentlich? Ein Professor für Humanoide Robotik erklärt.

Chihira Junco hat lange schwarze Haare, sie trägt einen grauen Anzug und eine weiße Bluse und schaut meist sehr ernst. Sie spricht Japanisch, Chinesisch, Englisch und Deutsch, kann Zeichensprache und arbeitet in einem Touristeninformationszentrum in Tokio. Nadine ist Rezeptionistin an der Nanyang Technological University in Singapur. Und Sophia hat zwar weder Haare noch einen richtigen Job, aber sie tourt gern durch Fernsehsendungen.

Chihira Junco, Nadine und Sophia sind humanoide Roboter. Sie sehen also menschlich aus, ahmen menschliche Bewegungen nach, sie lächeln und zwinkern, schauen böse oder traurig - und können darauf reagieren, was andere ihnen sagen. In Japan hat der humanoide Roboter Matsuko bereits eine eigene TV-Show- zusammen mit seinem menschlichen Doppelgänger.

Aufstieg der Roboter - Die Humanoiden kommen

Auch in Deutschland gibt es bereits erste humanoide Roboter auf dem Arbeitsmarkt. Für ein Berliner Modelabel verkaufen sie Kleidung und Spielzeug. In einer Fürther Supermarktfiliale beantwortet Roboter Pepper Fragen der Kunden, in München nutzt ein Hotel einen Roboter, um Gäste zu empfangen. Ein Seniorenheim in Erfurt setzte testweise Roboter ein, um den Bewohnern Gesellschaft zu leisten - in der Schweiz spielen Roboter mit Dementen und heben Senioren aus dem Bett.

Gute Berufsaussichten

Wissenschaftler gehen davon aus, dass humanoide Roboter in Supermärkten, in Hotels oder Pflegeeinrichtungen in den nächsten Jahren keine Seltenheit mehr sein werden. Auch die Bundesregierung hat die Dringlichkeit des Themas erkannt, am Mittwoch hat sie erste Eckpunkte für eine Strategie zur künstlichen Intelligenz (KI) beschlossen. Im Herbst soll das Konzept fertig sein. Einer der Kernpunkte: eine bessere Bezahlung von KI-Experten. Gute Aussichten also für Studenten, die sich auf künstliche Intelligenz spezialisieren wollen.

Etliche Hochschulen bieten schon entsprechende Studiengänge an. An der Beuth Hochschule für Technik in Berlin startet im Wintersemester der Studiengang Humanoide Robotik. Manfred Hild, Professor für Digitale Systeme, hat den Studiengang zusammen mit Kollegen und Studierenden konzipiert - und erzählt hier, warum er selbst auf virtuelle Assistenten wie Siri oder Alexa verzichtet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hild, welcher Roboter hilft Ihnen im Alltag?

Manfred Hild: Ich habe weder einen Roboter zu Hause noch einen virtuellen Assistenten. Den Roboter brauche ich nicht, weil ich schon seit vielen Jahren eine Putzfrau habe, und ich verzichte auf virtuelle Assistenten wie Siri, Alexa oder Amazon Echo, weil sie Daten von mir aufzeichnen und an Unternehmen weitergeben könnten. Das finde ich ethisch höchst fragwürdig.

SPIEGEL ONLINE: Sie tragen doch aber dazu bei, dass es in Zukunft mehr Roboter geben wird. Wie können Sie da virtuelle Assistenten ablehnen?

Hild: Humanoide Roboter sind das Gegenteil virtueller Assistenten: Sie funktionieren als autonome Systeme, senden keine Daten nach außen, lagern auch keine Rechenleistung aus. Ihre Intelligenz befindet sich im Körper und nicht außerhalb.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Studenten werden sich also hauptsächlich mit künstlicher Intelligenz in einem künstlichen Körper beschäftigen?

Hild: Wir beschäftigen uns mit Elektrotechnik, Programmierung, Mechatronik und der Mensch-Maschine-Interaktion. Wir werden löten und fräsen. Am Ende sollen dabei humanoide Roboter rauskommen, aber vielleicht baut jemand auch nur einen Arm oder einen Kopf. Wir stellen uns aber auch die Frage, wie sich biologische von technischen Systemen unterscheiden. Vor allem wollen wir herausfinden, wie Intelligenz in Körpern entstehen kann, wie viel man vorgeben muss und wie viel sich von selbst entwickelt. Dabei geht es aber vor allem um ethische Aspekte.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hild: Wir erschaffen intelligente Roboter und erwarten von ihnen, dass sie für uns Handlangerdienste erledigen oder auch Verletzte aus Katastrophengebieten holen. Sie sollen unsere Knechte sein. Aber wenn ein System Intelligenz zeigt, hat es eigene Bedürfnisse. Es hat ein Gedächtnis, merkt sich etwa, wer gut zum ihm war. Unseren Studenten ist das hoffentlich bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Aber humanoide Roboter bleiben doch Maschinen, die man ausschalten kann, oder?

Hild: Selbstverständlich kann man sie ausschalten, aber sobald eine Maschine eine Ich-Identität entwickelt und dann wie jedes andere Individuum auch eigene Ziele hat, wird die Maschine vielleicht lieber selbst entscheiden, wann sie sich ausschaltet.

Im Video: Mensch-Maschine-Interaktion

SPIEGEL ONLINE: Ihre Studenten müssen also gut zu den Robotern sein?

Hild: Wir bringen hoffentlich Absolventen hervor, die reflektiert und mündig genug sind, zu wissen, was sie mit ihrem Wissen anstellen werden. Wenn die Menschen humanoide Roboter wie Sklaven behandeln, dann werden sie irgendwann rebellieren - so wie die meisten unterdrückten Völker in der Geschichte. Sie werden aufständisch, wenn sie unterdrückt werden. Wir müssen uns also genau überlegen, wie wir mit Systemen umgehen, die wir selber schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt wie Science Fiction. Können wir denn irgendwann die Kontrolle über die Roboter verlieren, die wir selbst schaffen?

Hild: Die Verantwortung liegt hier ganz klar bei denjenigen, die anderen beibringen, technische Systeme zu konstruieren. Daher muss es einen moralischen Grundkodex bei der Ausbildung geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der aus?

Hild: Wir werden keine Regeln aufstellen oder die Studierenden moralisch zu impfen versuchen, sondern stattdessen die Diskussion über diese Themen anregen, fördern und fortführen. Die Fragen, die sich die Studierenden stellen sollten, werden also eher sein: Welches Ziel verfolge ich mit dem Bau dieses Roboters? Welche Ziele soll der Roboter verfolgen, wenn er gebaut ist? Und welche ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte müssen sie jetzt oder später berücksichtigen? Ziel ist es aber, einen Beitrag zu einer humanen, verantwortungsvollen Gemeinschaft zu leisten.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir Angst davor haben, dass humanoide Roboter in die falschen Hände geraten?

Hild: Ich hoffe zwar nicht, dass humanoide Roboter in Diktaturen hergestellt werden, aber das kann man nicht ausschließen. Wenn es Diktatoren gelingt, sie für sich zu nutzen, dann könnten sie gefährlich werden. Allerdings muss man bedenken, dass intelligente Roboter sich auch eine eigene Meinung bilden und sich gegen böse Machthaber wehren können.

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